Am 19. Juni 1917 musste Arthur Hoffmann als erster Bundesrat zurück- treten, nach einem misslungenen Vermittlungsversuch zwischen dem Deutschen Reich und russischen Revolutionären. Sein Name und die Affäre sind heute auch Kennern der Schweizer Aussenpolitik kaum bekannt. Dabei fiel die Hälfte seiner Amtszeit als Bundesrat in die Zeit des Ersten Weltkrieges. Umso verdienstvoller, dass nun Paul Widmer rechtzeitig zum 100. Jahrestag der dramatischen Ereignisse eine erste Biografie über den «mächtigsten Bundesrat, den die Schweiz je hatte», verfasst hat.

Als 1914 der Erste Weltkrieg ausbrach, war Hoffmann wie damals üblich als Bundespräsident auch Aussenminister. Er blieb es über sein Präsidialjahr hinaus, um in der Kriegszeit Kontinuität in der Schweizer Aussenpolitik sicherzustellen. Im Frühsommer 1917 brach ihm eine geheime Friedensvermittlung politisch das Genick. Er musste zurücktreten unter dem Verdacht, er habe als deutschlandfreundlicher Verräter die Schweizer Neutralität schwer beschädigt.

Angst vor Hungersnot

Für Widmer war Hoffmann zwar deutschfreundlich, aber kein deutscher Agent. Hoffmann habe die Initiative, als er im Mai 1917 Revolutionären in St. Petersburg über den sozialistischen Berner Nationalrat Robert Grimm Informationen deutscher Diplomaten zukommen liess, vor allem aus Sorge um die verheerenden Auswirkungen des Krieges und einer drohenden Hungersnot in der Schweiz lanciert. Deutschland werde keine Offensive unternehmen, sondern strebe einen «ehrenvollen Frieden» an, liess Hoffmann per Telegramm übermitteln. Als dies an die Öffentlichkeit drang, warfen Frankreich und Grossbritannien dem Schweizer Aussenminister vor, ihren Entente-Partner Russland zu einem Separatfrieden mit Deutschland zu ermutigen.

Hoffmanns Vorgehen überraschte damals umso mehr, als der Aussenminister zuvor stets als Vertreter einer strikten Neutralitätspolitik hervorgetreten war. Doch wie Widmer nun betont, war sein fataler Vermittlungsversuch «kein Ausrutscher, sondern der letzte Anlauf in einer Reihe von Vermittlungsversuchen». Hoffmann betrieb seit Kriegsbeginn eine janusköpfige Aussenpolitik: Während er öffentlich eine strikte Neutralität verfocht, versuchte er hinter den Kulissen wiederholt, sich als Vermittler einzubringen, etwa in Kontaktnahmen zu US-Präsident Woodrow Wilson (1915) oder einem oppositionellen französischen Abgeordneten (1916).

Im gleichen Jahr ging es um einen Separatfrieden zwischen Deutschland und Frankreich. Die Episode bewies laut Widmer, dass Hoffmann zu grossen Risiken bereit war – insbesondere dazu, die Grenzen der neutralen Schweizer Aussenpolitik mittels hochgeheimer Diplomatie auszureizen. Seine Initiativen waren zwar neutralitätsrechtlich zulässig, aber neutralitätspolitisch heikel. Ende 1916 und im Februar 1917 folgten zwei weitere Versuche, bevor Hoffmann im fünften Vermittlungsversuch stürzte.

Der Historiker Paul Widmer hat die spannende Geschichte vom Aufstieg und Fall des einstigen St. Galler Bundesrates aufwendig rekonstruiert, denn sein Subjekt hat keinen Nachlass hinterlassen, keine Tagebücher, keine ergiebige Korrespondenz, sondern bloss private Briefe an seine Frau. Widmer erzählt Hoffmanns Leben deshalb aus offiziellen Akten, Zeitungsartikeln und Memoiren seiner Zeitgenossen.

Eine zu aktive Aussenpolitik

Die Biografie erinnert an eine Zeit, als die schweizerische Diplomatie bescheiden war und sich der junge republikanische Bundesstaat bewusst von der opulenten Diplomatie der europäischen Monarchien unterscheiden wollte. Bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges verfügte die Schweiz bloss über elf Gesandtschaften im Ausland und die Bevölkerung war mehrheitlich der Auffassung, die beste Aussenpolitik sei es, gar keine zu haben. In diesem Umfeld versuchte Hoffmann mit seinen geheimen, neutralitätspolitisch heiklen Initiativen, der Welt den Frieden zu bringen. Doch der Friedensstifter stürzte letztlich über seinen Hochmut, weil er «auf der Weltbühne eine grössere Rolle in der Vermittlung spielen wollte, als es der neutralen Schweiz zustand».

Paul Widmer: Bundesrat Arthur Hoffmann (NZZ: 2017). 380 S. CHF 52.90.

*Christian Nünlist ist Senior Researcher am Center for Security Studies (CSS) der ETH Zürich.