Volksabstimmung

«Das wäre die Stunde null für die Schweizer Armee»: Armee-Chef über mögliches Kampfjet-Nein

Armeechef Philippe Rebord: «Alkohol in der Öffentlichkeit zu trinken, ist nicht erwünscht. Das vermittelt kein gutes Image.» Daniel Rihs

Armeechef Philippe Rebord: «Alkohol in der Öffentlichkeit zu trinken, ist nicht erwünscht. Das vermittelt kein gutes Image.» Daniel Rihs

Militärpiloten sollen für Kampfjets weibeln und die Militärpolizei die Rekruten an den Bahnhöfen verstärkt kontrollieren. Das plant Philippe Rebord, der Chef der Armee.

Gutgelaunt empfängt Armeechef Philippe Rebord (60) in seinem Sitzungszimmer im Bundeshaus Ost. Den Interview-Termin hat der Waadtländer, der seit 2017 im Amt ist, militärisch früh angesetzt: um 7.30 Uhr.

Herr Rebord, seit einem Jahr sind Sie Chef der Armee. Werden Sie oft auf der Strasse angesprochen?

Philippe Rebord: Klar, ich trete bis zu 150 Mal pro Jahr öffentlich auf. Die Menschen wollen den Chef der Armee sehen. Wenn ein Bundesrat über den Bundesplatz spaziert, gehen die Leute auch auf ihn zu.

Also keine Spur von gutschweizerischer Zurückhaltung?

Überhaupt nicht.

Die Leute sprechen Sie tatsächlich trotz Uniform an?

Ja, vielleicht gerade deswegen. Aber auch, weil ich bekannt dafür bin, dass mir die Kultur des Dialogs wichtig ist. Ich gebe Ihnen ein Beispiel.

Bitte.

Im Dezember beim Empfang von Ständeratspräsidentin Karin Keller-Sutter in Wil SG zogen sich viele der geladenen Gäste in die warmen Restaurants zurück. Ich blieb mit meinem Hut und meinem Militärmantel draussen in der Kälte – und wurde sofort angesprochen. Das gab sehr interessante Gespräche mit verschiedensten Leuten. Der Begriff Sicherheit – in einem weiteren Sinne – verbindet die Schweizer.

Nach einem Jahr als Armeechef gelten Sie als «Monsieur Aufrüstung», wie die «Nordwestschweiz» Sie nannte. Weil Sie Rüstungsinvestitionen in zweistelliger Milliardenhöhe durchs Parlament bringen wollen.

Es geht nicht um Aufrüstung, sondern um Ausrüstung. Um eine Erneuerung unserer Waffensysteme. Wir wollen fit bleiben, nicht grösser werden.

Sie wollen aber acht Milliarden Franken für neue Kampfflugzeuge und Fliegerabwehr-Raketen. Ist das nicht ein Ausbau?

Das ist eine grosse Summe, ja. Es ist auch das grösste Beschaffungsprojekt in der Geschichte der Schweizer Armee. Darum ist es legitim, dass das Stimmvolk mitspricht. Der Betrag hat aber gute Gründe: Bei der Abstimmung zum Kauf der Gripen-Kampfjets für 3,1 Milliarden Franken 2014 ging es nur um einen Teilersatz der Tiger F-5-Jets. Als Folge der damaligen Ablehnung müssen wir jetzt die gesamte Kampfjetflotte ersetzen – die F-5 und die F/A-18.

Was geschieht, wenn das Stimmvolk Nein sagt?

Das wäre die Stunde null für die Schweizer Armee. Dann haben wir keine Luftverteidigung mehr. Wir müssten das ganze Sicherheits- und Verteidigungskonzept neu denken.

Müsste die Schweiz die Luftverteidigung ans Ausland delegieren? Der Nato beitreten? Oder gar der EU?

Die Politik müsste das entscheiden. Meiner Meinung nach gibt es ohne Luftwaffe keine Armee. Ich bin aber überzeugt: Das Schweizervolk will nicht auf seine Luftwaffe verzichten.

Sie glauben, dass Sie bei der Abstimmung erfolgreicher sind als Ihr Vorgänger André Blattmann und der ehemalige Verteidigungsminister Ueli Maurer beim Gripen?

Jede Generation muss ihren Beitrag leisten – auch bei der Landesverteidigung. Die Generation Blattmann/ Maurer hat nicht versagt.

Aber sie hat bei der Kampfjet-Frage grobe Fehler begangen.

Nein, es fehlte vor allem an Einigkeit. Wenn wir das Volk von so einer wichtigen Vorlage überzeugen wollen, müssen wir als Armee geschlossen auftreten. Das ist meine Hauptbotschaft.

Die Luftwaffe war gespalten.

Diesen Eindruck hatte ich teilweise auch. Wir müssen die Lehren ziehen und uns früher einig werden, bevor wir in den Abstimmungskampf gehen. Wir dürfen die Fehler von damals nicht wiederholen. Die Folgen des Entscheids sind immer noch zu spüren.

Die Wunden sind nicht verheilt?

Nein. Wir müssen die Lebensdauer der bald 30 Jahre alten F/A-18 noch einmal verlängern. Das ist mit Risiken verbunden.

Kürzlich stellte die Luftwaffe an mehreren F/A-18 Risse fest. Ist schon klar, wie lange die Flieger am Boden bleiben müssen?

Gestern konnte die erste Maschine wieder in den Flugdienst aufgenommen werden. Wir gehen davon aus, dass bis auf eine alle Maschinen mit den Rissen bis Ende März 2018 wieder flugbereit sind. Die F/A-18 mit dem gebrochenen Scharnier ist noch in der Abklärung.

Um das Volk von neuen Kampfjets zu überzeugen, wollen Sie im Abstimmungskampf gemäss Luftwaffenkreisen auch die Piloten auftreten lassen.

Ja, unser Kommunikationskonzept sieht das vor. Die Militärpiloten ha- ben einen grossen Vorteil: Sie sind enorm glaubwürdig. Ich selber kann die Beschaffung zwar rein intellektuell erklären. Ein Pilot spricht jedoch aus seinem Herzen.

Geplant ist eine Grundsatzabstimmung über die Daseinsberechtigung der Luftwaffe. Nur: Lässt sich eine Typendiskussion vermeiden?

Sollte sich der Bundesrat für eine Grundsatzabstimmung entscheiden, dann werden die Ergebnisse aus der Evaluation der verschiedenen Fliegertypen zum Zeitpunkt der Abstimmung noch nicht bekannt sein.

Die Bevölkerung wird trotzdem über alles diskutieren wollen.

Wir suchen das beste Flugzeug für die Schweizer Luftwaffe, nicht das beste Flugzeug der Welt.

Sprechen wir über die Armee im Allgemeinen. Sie haben mehrfach gesagt, das Militär sei bei den Jungen zu wenig attraktiv. Wie wollen Sie das ändern?

Wir haben Massnahmen ergriffen, die den Jungen den Einstieg in die Armee erleichtern sollen, zum Beispiel zwei Jokertage pro RS. Das kennen wir aus der Volksschule, etwa im Kanton Bern oder im Kanton Waadt.

Die Rekruten erhalten auch Internet-Zeit.

Jugendliche sind geschätzt bis zu vier Stunden pro Tag online. Es ist für sie ein Kulturschock, wenn sie das in der Armee plötzlich nicht mehr tun können. Deshalb haben wir Internetzeiten eingeführt. Diese Massnahme hat mit gesundem Menschenverstand zu tun.

Sie führten auch eine «differenzierte Tauglichkeit» ein, um die Zahl der Rekruten zu erhöhen.

Wir brauchen in der Armee alle klugen Köpfe, die Dienst leisten wollen. 2017 betraf diese differenzierte Tauglichkeit 230 Stellungspflichtige, also knapp ein Prozent der angehenden Rekruten. Die Zahl dürfte sich 2018 auf 400 bis 500 Stellungspflichtige verdoppeln.

Wer ist davon betroffen?

Stellungspflichtige, die weniger lang marschieren und weniger schwere Lasten tragen und heben können.

Für Sportler gibt es dann kaum mehr Ausreden, keinen Militärdienst zu leisten.

Viele Spitzensportler leisten sowieso Dienst in der Spitzensport-Rekrutenschule in Magglingen. Sie ist die beste Kaderschmiede für Medaillengewinner.

Wie viele Medaillengewinner brachte die RS in Südkorea hervor?

Sechs. Sogar zwei Zeitsoldaten, die fest bei uns angestellt sind, haben Medaillen gewonnen: Denise Feierabend und Luca Aerni gewannen im Team-Event mit dem alpinen Ski-Team Gold.

Welche Rolle soll Sport in der Armee in Zukunft spielen?

Der Sport war in der Geschichte der Schweizer Milizarmee immer ein wichtiger Pfeiler. Wir haben nun mit dem Bundesamt für Sport für die Armee ein professionelles Sportprogramm für die Rekruten entwickelt, nach neusten wissenschaftlichen Kriterien. In vier Stunden Sport pro Woche wird die Leistung progressiv gesteigert. Wir haben das Programm dieses Jahr eingeführt und planen 2019 weitere Massnahmen.

Was ist noch vorgesehen?

Wir wollen eine Sport-App einführen. Mit ihrer Hilfe sollen sich die Jugendlichen nach der Rekrutierung mit einem Sport-Aufbauprogramm nach ihren persönlichen Bedürfnissen auf die Rekrutenschule vorbereiten können.

Was versprechen Sie sich davon?

In Versuchen an Rekrutenschulen führte eine Kompanie ihre Sportlektionen nach dem neuen Programm durch, die andere nach altem Muster. Die Kompanie mit dem neuen Programm hatte weniger Verletzungen und eine höhere Erfüllungsquote. Dass wir die Rekruten bis zum Ende der Schule behalten können, ist für uns sehr wichtig.

Sind die Rekruten heute zu schlapp?

Die Armee ist nur ein Spiegelbild der Gesellschaft. Zur Zeit meines Grossvaters waren 60 Prozent der Bevölkerung Bauern. Sie hatten keine Probleme mit schweren Lasten. In der digitalisierten Zeit von heute brauchen die Jugendlichen Angewöhnungszeit in der Armee. Schon nach zwei Monaten wollen sie aber gefordert werden.

Finnlands Armee wirbt mit dem Slogan, sie sei das grösste Fitnesscenter des Landes. Schwebt Ihnen das auch für die Schweiz vor?

Mir gefällt der Slogan der Finnen. Wir haben uns von ihnen inspirieren lassen. Wir pflegen einen engen Kontakt. Ich stelle aber auch fest: Die Schweiz gewann an den Olympischen Winterspielen 15 Medaillen, Finnland nur 6. Vielleicht müsste sich Finnland unsere Spitzensport- RS als Kaderschmiede etwas genau- er ansehen.

Wer am Sonntagabend an Bahnhöfen die einrückenden Rekruten beobachtet, dem fällt auf, dass sie oft eine Bierdose in der Hand haben. Ist das für Sie ein Problem?

Das ist in der Tat teilweise ein Problem. Wer in Uniform auftritt, ist Botschafter der Armee. Wir sensibilisieren die Soldaten in dieser Beziehung und werden 2018 ein Schwergewicht auf Kontrollen der Militärpolizei an Bahnhöfen legen.

Ist es als Soldat erlaubt, in Uniform öffentlich Alkohol zu trinken?

Ein Soldat hat das Recht, etwa im Ausgang bei einem Nachtessen Wein oder Bier zu trinken. Dafür sind Restaurants geeignet. Alkohol in der Öffentlichkeit – im Zug, auf den Strassen – zu trinken, ist aber nicht erwünscht. Das vermittelt kein gutes Image. Die Schulkommandanten werden die Rekruten darauf aufmerksam machen, dass künftig am Sonntagabend stärker kontrolliert wird, ob die Disziplin stimmt und die Tenues in Ordnung sind.

Machen die Schulkommandanten auch auf Alkohol aufmerksam?

Das tun sie sowieso. Das ist ein Standardverfahren. Tragen Soldaten Waffen mit Munition oder schiessen sie, müssen sie fit sein.

Ahndet es die Militärpolizei, wenn Rekruten in der Öffentlichkeit Alkohol trinken?

Wenn die Rekruten mit ihrem Verhalten ein öffentliches Ärgernis darstellen und dem Bild der Armee schaden. Das ist Bestandteil der Erziehungsmassnahmen.

Es scheint, dass die Militärpolizei schon heute mehr kontrolliert.

Es gibt Kontrollen. Die Resultate stellen wir alle sechs Monate Bundesrat Guy Parmelin direkt vor. Wir dürfen es aber auch nicht übertreiben. Ich habe letztes Jahr an den Bahnhöfen Zürich, Bern und Lausanne selber gesehen, wie die Rekruten zu ihren Familien zurückkehren. Ich traf keinen einzigen Soldaten an, der sich daneben benahm oder dessen Tenue nicht stimmte. Mich hat eher etwas anderes überrascht.

Was?

Rekruten, die den Zug bestiegen, starrten in ihr Handy, statt miteinander zu sprechen.

Was überraschte Sie im ersten Jahr als Armeechef am meisten?

Mich freute es besonders, mit welchem Elan die jungen Milizkader dieses Jahr in die Weiterentwicklung der Armee gestartet sind. Wir hatten einen grossen Paradigmawechsel in der Kaderausbildung: Jeder macht neu die gesamte Rekrutenschule. Vor allem die Wachtmeister treten Soldaten gegenüber nun viel besser auf, weil sie sicherer sind in ihren Grundkenntnissen.

Als Armeechef vertreten Sie die Armee an Anlässen und Botschaftsempfängen. Wie gefällt Ihnen das?

Ich tanke als Chef der Armee viel Energie aus diesen Begegnungen.

Weshalb?

Vermutlich gehört das zu meinen Genen. Der persönliche Austausch und die gemeinsame Suche nach einem Weg machen die Schweiz aus. Unsere Unterschiede machen uns stärker, im Gegensatz zu anderen Ländern, in denen Unterschiede auch mal zu Bürgerkriegen führen. Diese Werte sind unsere Stärke, gerade in einer Zeit mit der Bedrohung durch Terroranschläge. Diesen Krieg gewinnen wir nicht mit mehr Polizisten oder Soldaten. Sondern mit unseren Werten.

Haben Sie ein Beispiel dafür?

Die Landsgemeinde in Glarus hat mich besonders beeindruckt. Zuerst hielt der Landammann seine politische Standortbestimmung auf Hochdeutsch. Dann trat eine 18-jährige Frau auf die Bühne. Sie erklärte, was Freiheit für sie bedeutet. Das war ein unglaublich starker Moment. Er sagt vieles aus über die Schweiz: Bei uns steht der Bürger im Zentrum. Auch in der Armee.

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