Schlafmangel und chronische Müdigkeit, mehr Herzinfarkte oder schlechtere Schulleistungen, das alles sei belegt durch wissenschaftliche Untersuchungen: Yvette Estermann, ausgebildete Ärztin und Luzerner SVP-Nationalrätin, bekämpft die Zeitumstellungen, von denen die Menschen jeweils am letzten Sonntag im März und am letzten Sonntag im Oktober betroffen sind, seit Jahren. «Die Sommerzeit ist überflüssig. Unsere innere Uhr kann sich nicht umstellen, sie ist auf das Sonnenlicht ausgerichtet», sagt Estermann. Mit zwei Motionen zur Abschaffung der Zeitumstellung ist sie im Parlament gescheitert.

Jetzt schaltet Estermann das Volk ein, um die Uhren in ihrem Sinn zu richten. Die entsprechende Volksinitiative wurde am Dienstag im Bundesblatt publiziert. «Ich erhalte regelmässig Zuschriften von Leuten, die unter der Zeitumstellung leiden, von Ärzten und Lehrern, die mein Anliegen unterstützen, von Müttern, die sich sorgen, weil ihre unausgeschlafenen Kinder schlechtere Schulleistungen erbringen», sagt Estermann. Die Nationalrätin will die ewige Winterzeit installieren. Wobei: Estermann spricht lieber von «Normalzeit». «Winterzeit» werde mit Dunkelheit assoziiert. Die «Normalzeit» jedoch sei besser auf unsere innere Uhr ausgerichtet.

«Die Zeitumstellung ist eine Belastung für Tier und Mensch»: Armin Capaul, Bergbauer und Initiant der Hornkuh-Initiative.

  

Eine Partei hat Estermann nicht im Rücken. «Die überwiegende Mehrheit der Politiker in Bern zeigt sich taub gegenüber wissenschaftlichen Erkenntnissen», sagt sie. Im Initiativkomitee sitzt mit dem St. Galler Nationalrat Lukas Reimann immerhin ein Parteikollege. Die andere prominente Figur ist Armin Capaul, der mit seiner Hornkuh-Initiative im letzten November einen beachtenswerten Ja-Stimmen-Anteil von gut 45 Prozent erreichte. «Die Zeitumstellung ist eine Belastung für Tier und Mensch», sagt der Bergbauer. Er ist überzeugt, dass das Initiativkomitee die nötigen 100'000 Unterschriften sammeln wird. Wie genau das gelingen soll, wollen Estermann und ihre Mitstreiter am nächsten Samstag an einer Pressekonferenz in Interlaken verraten.

Bundesrat will keine Zeitinsel

Der Bundesrat lehnte die Abschaffung der Zeitumstellung bis jetzt immer mit dem Argument ab, die Schweiz dürfe keine Zeitinsel werden. Dies war der Fall, als unser Land 1980 im Gegensatz zu den Nachbarstaaten die Sommerzeit nicht eingeführt hatte. Der temporäre Alleingang bescherte der Schweizer Wirtschaft gemäss dem Bundesrat erhebliche Nachteile. Dazu kamen Probleme im Verkehr wegen der Fahrpläne, auch bei Terminen kam es regelmässig zu Missverständnissen. Ergo führte die Schweiz 1981 die Sommerzeit ein, obwohl sie das Volk 1978 abgelehnt hatte. Das Zeitinselargument hält Estermann in einer «globalisierten Welt, in der die Leute auf Flugreisen regelmässig die Uhr umstellen», für überholt. Jetzt könnte die EU das Terrain für Estermanns Plan ebnen. Brüssel will die Zeitumstellung nämlich ab 2021 abschaffen. Noch unklar ist, ob die Sommer- oder die Winterzeit eingeführt wird. Im Grundsatz steht es den Staaten sogar frei, für welche Variante sie sich entscheiden.

Dicker, dümmer, grantiger?

Fest steht: Die Schweiz wird die Zeitpolitik der EU wohl autonom nachvollziehen. In
der Medienmitteilung zur Umstellung auf die Sommerzeit schrieb das Institut für Metrologie Ende März: «Die Schweiz verfolgt die Entwicklung in den Nachbarländern und wird sorgfältig prüfen, ob eine allfällige Anpassung der Zeitregelung sinnvoll und im Interesse der Schweiz ist.» Eine abweichende Regelung habe insbesondere im Geschäftsverkehr, im Transportwesen, im Tourismus und der Kommunikation Konsequenzen.

Estermann findet derweil: «Die Schweiz muss nicht auf die EU warten, selber eine Pionierrolle einnehmen und die ewige Normalzeit einführen.» Den pointiertesten wissenschaftlichen Support erhält sie von Till Roenneberg vom Institut für medizinische Psychologie der Universität München. Er warnt vor riesigen Problemen einer ganzjährigen Sommerzeit: «Man erhöht die Wahrscheinlichkeit für Diabetes, Depressionen, Schlaf- und Lernprobleme – das heisst, wir Europäer werden dicker, dümmer, grantiger.»