Prostitution
Das Verlangen nach «Frischfleisch» treibt den Frauenhandel an

Behörden und Beratungsstellen registrieren in der Schweiz immer häufiger Frauen, die zu Sexarbeit gezwungen werden. Oft sind die Zwangsarbeiterinnen noch minderjährig. Aus Angst vor ihren Zuhältern schweigen sie.

Joël Hoffmann
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Ramona ist 16 Jahre alt und Zwangsprostituierte. Sie kommt mit einem Nachbarn aus Osteuropa in die Schweiz.

Dieser zwingt die Minderjährige, 1000 Franken pro Tag für ihn anzuschaffen. Ein gefälschter Pass soll sie als volljährig ausweisen.

Die junge Frau muss gehorchen. Der Bekannte droht, sie sonst umzubringen. Bei einer Kontrolle stellen Polizisten fest, dass der Ausweis gefälscht ist.

In den Verhören sagt die 16-Jährige nichts. Das Mädchen kommt ins Gefängnis. Bald darauf wird Ramona ausgeschafft – obwohl sie Angst vor ihrem Zuhälter hat, der im Heimatland in ihrer Nachbarschaft wohnt.

Hohe Dunkelziffer

Fälle wie diesen kennt die Fachstelle Frauenhandel und Frauenmigration (FIZ) mit Sitz in Zürich zuhauf und publiziert sie in Rundbriefen.

Bei der FIZ stört man sich an der aktuellen Debatte über ein Verbot der Prostitution. Eine Kriminalisierung der Freier sei in Bezug auf Menschenhandel schlecht.

Man könne die Frauen schlechter schützen. Die FIZ ärgert sich aber auch über verharmlosende Voten zugunsten der Prostitution.

Die Faktenlage zu Prostitution und Menschenhandel in der Schweiz ist bescheiden. Die Zahlen des Bundesamtes für Statistik (BFS) lassen auf eine Zunahme des Menschenhandels in der Schweiz schliessen.

2011 gab es von den polizeilich registrierten Straftaten unter der Rubrik Menschenhandel 45 Fälle.

2012 waren es bereits 78 Fälle. Während Zürich laut BFS einen Rückgang von 24 Fällen 2011 auf 16 Fälle 2012 aufweist, stieg die Zahl in Basel-Stadt von drei auf neun Fälle.

Basel verzeichnete in den letzten Jahren einen markanten Anstieg an Prostituierten. Zu Beginn der Wirtschaftskrise 2008 zählte die Basler Polizei 1700 Sexarbeiterinnen. 2012 waren es bereits 3300 Frauen.

Vor allem die Zahl der Sexarbeiterinnen im Meldeverfahren, also solche, die während 90 Tagen im Jahr in der Schweiz anschaffen dürfen, hat sich in diesem Zeitraum beinahe vervierfacht. Es handelt sich dabei ausschliesslich um Frauen aus dem EU/Efta-Raum.

Die hohe Zahl zeigt aber auch eine hohe Fluktuation: Der Markt verlangt nach mehr «Frischfleisch». Wie viele der Frauen zur Prostitution gezwungen wurden, lässt sich aber nicht genau sagen.

Zürich an der Spitze

Die FIZ verzeichnet schweizweit einige Fälle mehr als das BFS: Alleine 2012 kamen 100 neue Fälle von Menschenhandel hinzu. Zusätzlich kümmert sich das FIZ um 109 Opfer aus den Vorjahren. Weitere 37 mögliche Fälle von Menschenhandel sind in Abklärung. Hinter jeder Fallzahl verbergen sich Schicksale wie das der 16-jährigen Ramona.

Am meisten Fälle von Menschenhandel zählt die FIZ in Zürich, nämlich 67 Frauen. Dahinter folgen Obwalden und Schaffhausen mit je neun Fällen.

Rebecca Angelini vom FIZ betont, dass die statistische Zunahme von Menschenhandel nicht der Realität entsprechen muss: «Die Zahl der bekannten Fälle nimmt zu. Ob es tatsächlich mehr oder weniger Menschenhandel gibt, weiss man jedoch nicht.»

Polizei ist sensibilisiert

Die steigenden Zahlen führt die FIZ-Sprecherin auf eine erhöhte Sensibilisierung der Behörden zurück. 53 Prozent aller Frauen, die bei der FIZ Hilfe suchen, gelangen via Polizei zur Fachstelle, 15 Prozent über Beratungsstellen. Die FIZ hilft mit sicheren Wohnungen und begleitet die Frauen.

Die Zwangsprostituierten geniessen in der Schweiz Opferschutz. Dies allerdings nur, wenn sie bereit sind, mit den Behörden zusammenzuarbeiten und gegen die Menschenhändler auszusagen. Viele tun dies jedoch nicht. So ist der Unterschied zwischen den Zahlen der FIZ und jenen des BFS zu erklären.

Die FIZ setzte sich übrigens für die 16-jährige Ramona ein. Eine Beraterin und eine Übersetzerin konnten die junge Frau im Bezirksgefängnis besuchen. Dennoch: Die Ausschaffung konnte die FIZ nicht verhindern.