Bergdorf
Das triste Bündner Dorf mit reichen Bewohnern

Ein Bergdorf ohne Laden, Schule und Beiz – dafür mit einem sehr hohen Einkommensschnitt. Das triste Dorf Marmorera zieht mit seinen tiefen Steuern neue, sehr reiche Bewohner an. Wer hat hier Geld? Eine Spurensuche.

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Stausee Marmorera

Stausee Marmorera

Keystone

Sarah Weber

Von Chur fährt das Postauto langsam die schmalen Täler Richtung Julierpass hinauf. Nach fast zwei Stunden hält der Chauffeur am Rand des Stausees an und ruft: «Marmorera Dorf!». Von einem Dorf ist nicht viel zu sehen. Das historische Dorf Marmorera wurde 1954 überflutet und die Bewohner sind teilweise in andere Kantone oder ins Ausland ausgewandert. Geblieben sind nicht viele. Übrig blieben eine Strasse mit ein paar Häusern, ein Brunnen, eine Kapelle und ein kleiner Friedhof mit einer Handvoll Grabkreuzen. Und hier sollen diese Reichen wohnen? Kaum vorstellbar. Aber laut einer aktuellen Statistik der eidgenössischen Steuerverwaltung, welche die steuerbaren Einkommen von allen in der Schweiz steuerpflichtigen Personen im Jahr 2006 nach Gemeinde aufschlüsselt, müssen die Leute in Marmorera reich sein. Denn das durchschnittliche steuerbare Einkommen beträgt 151 637 Franken. Doch der Gemeindepräsident René Müller kann sich nicht erklären, wieso seine 47 angemeldeten Einwohner im Durchschnitt ein so hohes Einkommen haben: «Hier wohnen vor allem Pensionäre», sagte er der Journalistin am Telefon.

Unerwartete Figuren

Vielleicht weiss man mehr in der Dorfbeiz. Dorfbeiz? Fehlanzeige! Eine Dorfbeiz gibt es keine mehr. «Auch keinen Dorfladen, keinen Dorfplatz, nichts», erklärt eine Spaziergängerin, die mit ihrem Hund unterwegs ist. In diesem Moment hält ein Auto und ein älterer Herr steigt aus. Es ist Walter Strauss, ein Österreicher, der sich seit November 2009 in Marmorera niedergelassen hat. Er stellt sich vor und erklärt, dass er hier oben immer auf die Leute zugehe. Unerwartet, aber eigentlich freundlich. Strauss ist Koch im Bergrestaurant Muottas Muragl im Engadin. Ist er einer dieser Reichen oder weiss er etwas dazu? «Das Geld und die Preise hier interessieren mich nicht», erklärt er.

Grund für seinen Umzug sei, dass er hier seine Ruhe haben wolle, um von der Hektik im Job abschalten zu können. Dass er dabei jeden Tag über den Julierpass ins Engadin fahren muss, stört ihn nicht. Und neue Pläne im Tal hat er auch: Schon bald kocht er im Hotel Piz Platta auf der nahen Alp Flix. Strauss meint, vielleicht könne sein Bekannter weiterhelfen, der auch seit Dezember 2009 in Marmorera wohnt: Lorenzo R. Schmid, eine schillernde Figur aus der Finanzbranche, der zuletzt mit einem umstrittenen Konzept für Hybridautos Schlagzeilen machte. Hier ist womöglich die Erklärung zu finden, dass Marmorera einen so hohen Einkommensdurchschnitt hat.

Sind es die tiefen Steuern, die den Finanzjongleur angezogen haben? Immerhin hat Marmorera den zweittiefsten Steuerfuss im Kanton Graubünden, die Einwohner zahlen noch 50 Prozent der einfachen Kantonssteuer. Schmid sitzt in der leerstehenden Gaststube des Hotels Alp Flex im Nachbardorf Sur, das er behelfsmässig zu seinem Büro umfunktioniert hat. Ihn habe die wunderbare Aussicht auf den Stausee nach Marmorera gezogen, sagt er. «Hier ist es wie in Russland vor 30 Jahren, es hat nichts. Aber ich habe die Welt gesehen und suche jetzt den Gegensatz», so Schmid. War das tatsächlich der Grund, um ausgerechnet in dieses Marmorera zu ziehen? Strauss und Schmid schwärmen von der Natur und der Einzigartigkeit der Menschen von Marmorera. Sie betonen sehr, dass die Steuern und das Geld wirklich kein Thema seien, und geben vor, keine Ahnung zu haben, wie wohl diese Zahlen zu den hohen Einkommen zustande gekommen sein könnten. Die Situation ist bizarr. Und trotzdem: Schmid scheint bleiben zu wollen, immerhin hat er im Jahr 2000 das Hotel Piz Platta auf der Alp Flix und das Hotel Alp Flex gekauft.

Luzerner Kennzeichen

Nächste Station, um dem Rätsel dieser Gemeinde auf die Spur zu kommen, ist das Mittagessen in einem kleinen Restaurant mit Blick auf den Stausee an der Autostrasse. Das Restaurant hat keinen einzigen Gast. Die Aussicht ist toll, die Suppe weniger. Ein Gespräch mit dem Wirt hilft auch nicht weiter. Eher gibt es noch mehr Rätsel auf: «Wir sind eine Republik hier, das merken Sie schon noch», sagt er. Was meint er wohl damit? Es bleibt unklar. Denn plötzlich steht Lorenzo R. Schmid wieder im Raum und will unbedingt die einzige Besenbeiz, die es im Dorf gibt, vorführen. Er fährt dafür mit einem riesigen Auto mit einem Luzerner Nummernschild vor und meint entschuldigend, dass es halt noch kein Hybridfahrzeug sei.

Die Besenbeiz ist im höchstgelegenen Haus in Marmorera und wird vom einheimischen Biobauer Lino Cavegn und seiner Frau geführt. Der Schafzüchter ist inzwischen der einzige Landwirt im Dorf. Seine Frau serviert in der Stube Spaghetti mit Bratwurst für Schmid. Diese Einheimischen müssten doch wissen, woher all das Geld kommt. Aber sie halten sich seltsam bedeckt: «Ja, wir freuen uns über die neuen Bewohner im Dorf – jetzt sind bereits sechs jüngere Ehepaare zu wenigen Pensionären.»

Die neuen Einwohner sind alle keine Einheimischen. Nach dem Filterkaffee beginnt sich das Puzzle langsam zusammenzufügen: Seit Sommer 2009 hat der Inhaber der Schneider AG Gartenbau-Architektur aus Grenchen seinen Wohnsitz nach Marmorera verlegt. Auch der vermögende deutsche Schuhhändler Peter Kienast und seine Frau sind seit einigen Jahren Einwohner und sein Firmensitz ist ebenfalls in Marmorera eingetragen. Dazu noch Strauss und Schmid. Lorenzo R. Schmid, der auch noch am Tisch sitzt, gibt den Erstaunten: «Stimmt, der Kienast könnte der Grund sein, warum die Einkommen so hoch sind.» Auf dem Rückweg zur Bushaltestelle steht vor Schmids Haus ein weiterer grosser schwarzer Wagen, diesmal mit Zuger Kennzeichen. «Das sei seine Putzfrau», meint ein Nachbar. In diesem Marmorera gibt es offenbar noch einige weitere Rätsel.

Einkommen weiter gestiegen

Zurück im Unterland, ein letzter Anruf beim ahnungslosen Gemeindepräsidenten: Er erinnert sich zwar plötzlich wieder an seine wohlhabenden Einwohner, weiss aber nicht genau über ihre Finanzen Bescheid: «Die Einkommen gehen mich nichts an und da kann ich nicht genauer Auskunft geben.» Müller erklärt sich den hohen Einkommensschnitt noch immer mit dem Verkauf des Dorfes und den jährlich etwa 333000 Franken Wasserzinsen, die das Elektrizitätswerk Zürich für den Stausee an die Gemeinde zahlt. «Denn sonst gibt es hier nichts, kein Gewerbe, keine Schule, keinen Laden, nichts.» Müller verweist auf seine Gemeindekanzlerin Cecilia Manetsch.

Und endlich – hier weiss jemand Bescheid. Manetsch bestätigt alle Ergebnisse dieser Spurensuche und betont auch deren Legalität. Also doch nicht nur Pensionäre. Die Gemeindekanzlerin sieht die reichen Einwohner als Gewinn: «Auch wenn der Lebensmittelpunkt dieser Leute nicht hier ist, profitieren tun alle, weil die Steuern und Gebühren so sehr tief bleiben. Mit den Neuzuzügen hat sich das durchschnittliche Einkommen sogar noch verbessert.» Abgesehen vom Verkehrslärm auf der Julierstrasse, wo Lastwagen um Lastwagen durchbrausen, ist es still um den Stausee. Diese Stille über gewisse Geheimnisse in ihren eigenen Reihen wahren offenbar auch die Einwohner im kleinen Steuerparadies Marmorera.