Organspende

Das tödliche Warten müsste nicht sein: Neues Online-Register soll die Knappheit beenden

Die Stiftung Swisstransplant hat ein Online-Register lanciert, in dem jeder seinen Spenderwillen angeben kann. Ein wichtiger Schritt, doch längst nicht genug, um die Organknappheit in der Schweiz zu beenden.

Warten kann mühsam sein – und manchmal auch tödlich. Dann zum Beispiel, wenn schwerkranke Menschen ein Spenderorgan brauchen, um weiterleben zu können. Derzeit stehen 1413 Personen auf den Wartelisten der Stiftung Swisstransplant, die die Organspenden in der Schweiz koordiniert.

Im Durchschnitt warten sie 299 Tage auf das dringend benötigte Organ. Für manche ist das zu lange. Rund 100 in der Schweiz wohnhafte Personen sterben jedes Jahr, weil nicht rechtzeitig ein Spenderorgan gefunden werden konnte.

Dieses Schicksal droht auch Markus Hänni. Der 37-jährige Berner erhielt als Kleinkind die Diagnose «Cystische Fibrose» (CF), eine nicht heilbare Krankheit, bei der die Lunge und der Verdauungstrakt zunehmend mit zähem Schleim verkleben.

Hänni sitzt in der Berner Herbstsonne und erzählt mit auffällig fröhlichem Gemüt über sein Leben mit der unheilbaren Krankheit, seinen Suizidversuch mit 26, seine Leidenschaft fürs Theater und seine beiden Töchter.

Gerade hat er mit seiner Frau das Buch «Weil jeder Atemzug zählt» herausgegeben, in dem das Paar über die Herausforderungen von Beziehungen mit chronisch kranken Menschen schreibt. Hänni weiss nicht, wie lange er noch lebt. «Derzeit geht es mir gut, aber der Moment wird kommen, in dem ich eine Spenderlunge brauche, um weiterzuleben», erzählt er.

Tote könnten verhindert werden

Die nötigen Abklärungen hat er Anfang des Jahres nach einer besonders schweren Phase seiner Krankheit gemacht. Dass zuerst jemand sterben muss, damit er eine neue Lunge erhalten kann, das gibt Hänni zu denken. «Ich bin vorsichtig optimistisch, auch wenn ich persönlich Menschen gekannt habe, bei denen die Suche nach einer Spenderlunge vergeblich war.»

Dass pro Woche fast zwei Personen in der Schweiz wegen fehlender Spenderorgane sterben, das müsste nicht sein. Nach einer aktuellen Erhebung der Organspende-Stiftung Swisstransplant sind 85 Prozent der Schweizer der Organspende gegenüber positiv eingestellt.

Trotzdem hat nur rund jeder Zehnte einen Spenderausweis. Und nur in fünf von 100 Fällen ist dieser Ausweis im entscheidenden Moment auffindbar. Das führt dazu, dass in mehr als der Hälfte aller Fälle die Angehörigen entscheiden müssen, ob einer verstorbenen Person Organe entnommen werden dürfen oder nicht. In rund 60 Prozent der Fälle entscheiden sich die Angehörigen gegen eine Entnahme.

Swisstransplant will deshalb das System neu organisieren und hat gestern das «Nationale Organspenderegister» lanciert. Auf der Homepage www.organspenderegister.ch kann sich jede in der Schweiz oder in Liechtenstein wohnhafte Person ab 16 Jahren registrieren und festlegen, ob sie im Fall der Fälle bereit ist, einen Teil oder alle Organe zu spenden oder eben nicht (mehr zum Organspende-Register, siehe Box).

Erklärvideo Nationales Organspenderegister

Das Register ist ein digitaler Ersatz für die Spenderkarte. Franz Immer, Herzchirurg und Swisstransplant-Direktor sagte an der gestrigen Swisstransplant-Pressekonferenz: «Wir hoffen, dass sich bis Ende Jahr 100 000 Menschen im Organspenderegister registriert haben werden.»

Um dieses Ziel zu erreichen, arbeitet die Stiftung eng mit interessierten Gemeinden und Spitälern zusammen. Die Gemeinde Montreux und insgesamt rund 20 Schweizer Spitäler haben sich bereit erklärt, spezielle Kontaktstellen einzurichten, an denen sich interessierte Personen direkt in das Register eintragen lassen können.

Zu den Spitälern, die mitwirken wollen, zählen etwa das Kantonsspital Luzern und das Kantonsspital Baden. Vom Kantonsspital Aarau hat Swisstransplant bislang keine Rückmeldung erhalten.

Schweiz hinkt hinterher

Das Organspenderegister ist in den Augen von Swisstransplant ein erster Schritt hin zu einem zeitgemässen Organspende-System. Doch der Schritt geht vielen zu wenig weit. Im europäischen Vergleich hinkt die Schweiz trotz dem neuen Online-Register hinterher. Auch mit dem neuen Register darf in der Schweiz niemandem ein Organ ohne die explizite Zustimmung der verstorbenen Person oder ihrer Angehörigen entnommen werden.

Zahlreiche europäische Länder – darunter Frankreich, Österreich, Italien, Spanien, Portugal, Bulgarien, die Türkei und Irland – kennen dagegen das System der «vermuteten Zustimmung». In diesen Ländern gilt grundsätzlich jeder als Spender, solange er sich nicht explizit dagegen ausspricht.

Swisstransplant-Direktor Franz Immer wünscht sich diesen Grundsatz auch für die Schweiz. «Holland hat das System gerade gewechselt, in Deutschland und England laufen die politischen Debatten. Die Schweiz ist der weisse Fleck inmitten Europas, in dem es anders läuft», sagt Immer.

Doch es gibt Hoffnung für die Befürworter der «vermuteten Zustimmung». Eine Umfrage zeigt, dass 63 Prozent der Schweizer die Einführung dieses Systems befürworten würden. Das sind gute Neuigkeiten für die Initianten der Volksinitiative «Organspende fördern – Leben retten», die genau das erreichen will. Die Waadtländer Vereinigung Jeune Chambre Internationale Riviera, die hinter der Initiative steht, hat bereits 93 000 Unterschriften gesammelt.

Der Mensch als Ersatzteillager?

Doch auch wenn die Initiative problemlos zustande kommen dürfte: Das Anliegen hatte auf dem offiziellen politischen Parkett bislang einen schwe- ren Stand. 2013 stimmte der Nationalrat einem entsprechenden Gesetz zwar zu, der Ständerat aber versenkte die Idee wieder. Zum Unmut der Walliser CVP-Nationalrätin und aktuellen Bundesrats-Anwärterin Viola Amherd, welche die Schweiz gerne im Kreis der europäischen Nachbarn sähe, wenn es um das Organspende-System geht.

Amherd unterstützt deshalb die Volksinitiative: «Ich erhoffe mir davon, dass mehr Organe für die Transplantation zur Verfügung stehen werden», sagt sie. Auch mit dem von der Initiative geforderten System der «vermuteten Zustimmung» hätte jeder Mensch noch immer das Recht, Nein zu sagen zu einer Organspende. «Diese Selbstbestimmung wird auch bei der sogenannten Widerspruchslösung nicht infrage gestellt», betont Amherd.

Ganz anders steht die Aargauer CVP-Nationalrätin Ruth Humbel zu dieser Frage. Amherds Parteikollegin und potenzielle Konkurrentin im Rennen um die Nachfolge der abtretenden Bundesrätin Doris Leuthard will am aktuellen System der «expliziten Zustimmung» festhalten.

«Der Mensch ist nicht als Ersatzteillager geboren, die persönliche Integrität und Unversehrtheit gilt von der Geburt bis zum Tod», sagt Humbel. Sie gewichte diese persönliche Integrität höher als den Umstand, dass man mit einem neuen System allenfalls mehr Spender rekrutieren könnte.

Bei Markus Hänni löst diese Haltung nur erstauntes Kopfschütteln aus. Er legt die schlanken Hände übereinander und schaut eine Weile in den Herbsthimmel. Christliche Werte bedeuten ihm, dem gläubigen Kirchgänger, genau so viel wie der CVP-Politikerin Humbel.

Er kommt aber zu einem ganz anderen Schluss als die Nationalrätin. «Die entscheidende Frage ist doch: Brauchen wir unsere Organe im Jenseits überhaupt noch? Falls das so wäre, hätte ich sowieso die allerschlechtesten Karten gezogen», sagt Hänni. Er hat einen Spenderausweis und will sich in den kommenden Tagen auch im neuen Online-Register eintragen. «Auch als CF-Patient kann ich bestimmte Organe spenden und will das unbedingt tun.» Wer nehmen will, findet Hänni, der soll auch geben können.

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