SNB-Ökonom

«Das Thema Goldinitiative treibt mich um»

Im ersten Interview des Abstimmungskampfes äussert sich SNB-Direktoriumsmitglied Fritz Zurbrügg über die Gefahren der Initiative «Rettet unser Schweizer Gold», die verlangt, dass die Nationalbank 20 Prozent ihrer Reserven in Gold hält.

Politische Schlagabtausche gehören nicht zu den Lieblingsdisziplinen von Notenbankern. Doch in diesen Tagen hat das Direktorium der Schweizerischen Nationalbank (SNB) keine andere Wahl. Am 30. November entscheidet die Stimmbevölkerung über eine Initiative, die die SNB im Kern ihrer Aufgabe trifft. Das Volksbegehren «Rettet unser Schweizer Gold» verlangt einen fixen, unverkäuflichen Goldanteil von 20 Prozent in der SNB-Bilanz und ein Verbot, das Edelmetall im Ausland zu lagern. Direktoriumsmitglied Fritz Zurbrügg empfängt die «Nordwestschweiz» am Montagmorgen in seinem Zürcher Büro zum Interview. 

Herr Zurbrügg, die Schweizerische Nationalbank legt grossen Wert auf ihre Unabhängigkeit von der Politik. Jetzt stehen Sie wegen der Gold-Initiative auf einmal im Zentrum eines Abstimmungskampfes. Wie unangenehm ist das?

Fritz Zurbrügg: Es ist eine Ausnahme. Normalerweise äussern wir uns nur sehr zurückhaltend zu Initiativen und Abstimmungen. In diesem Fall beziehen wir aktiv Stellung, weil die Initiative einen direkten Einfluss auf unsere Tätigkeit hat. Die SNB kann ihr gesetzliches Mandat nicht mehr voll erfüllen, wenn die Initiative angenommen wird.

Gold gilt langläufig als sehr sicher: Im Gegensatz zu Geld und anderen Anlagen kann es nicht innert kurzer Zeit seinen ganzen Wert verlieren. Die Forderung der Initianten nach einem fixen, unverkäuflichen Gold-Anteil in den SNB-Reserven von 20 Prozent klingt aus dieser Perspektive sehr vernünftig.

Ein hoher Gold-Anteil garantiert keine Währungsstabilität. Der Schweizer Franken ist heute international als starke und stabile Währung anerkannt. Die Verfassung und das Gesetz erlaubten uns in den letzten zwanzig Jahren, eine sehr gute Geldpolitik zu betreiben und das Ziel der Preisstabilität zu erfüllen. Ich betrachte diese Initiative daher als unnötig. Sie zielt auf ein Scheinproblem.

Wie hoch sollte der Gold-Anteil in der SNB-Bilanz sinnvollerweise sein?

In der Verfassung wird diese Frage bewusst der Nationalbank überlassen. Heute dient Gold vor allem der Diversifikation. Man legt, wie man so schön sagt, nicht alle Eier in den gleichen Korb.

Was meinen Sie damit?

In Krisenzeiten steigt der Goldpreis und kann so negative Entwicklungen bei anderen Anlagen ausgleichen. Gold hat auch den Charakter eines Notvorrates, zum Beispiel, wenn man in einer Krise gewisse Dinge nur noch damit kaufen kann. Doch ausgerechnet das wäre uns wegen des Verkaufsverbots in der Initiative nicht mehr möglich.

In der Bevölkerung gibt es dennoch einen Nährboden für diese Initiative. Wie erklären Sie sich das?

Die Diskussion hat sicher eine emotionale Komponente. Gold gilt als sehr wertbeständig. Auch die Nationalbank anerkennt die Rolle des Goldes. Wir sind immer noch das Land mit den höchsten Pro-Kopf-Reserven der Welt. Beim Gesamtvolumen stehen wir auf Rang acht. Ein zu hoher Anteil wäre aber problematisch: Als Anlagemittel ist Gold sehr grossen Schwankungen ausgesetzt und wirft weder Zinsen noch Dividenden ab.

Was ändert sich konkret für die SNB, wenn die Initiative angenommen wird?

Wir werden in unserer Geld- und unserer Anlagepolitik eingeschränkt und unsere Glaubwürdigkeit nimmt Schaden. Nehmen Sie das Beispiel des Franken-Euro-Mindestkurses. Als ihn die SNB 2011 einführte, war das ein sehr wichtiger Schritt zur Vermeidung einer Deflation und einer schweren Rezession in der Schweiz. Unsere Bilanz erhöhte sich aufgrund unserer Interventionen am Devisenmarkt allein 2012 um fast 200 Milliarden Franken. Diese waren zur Durchsetzung des Mindestkurses nötig. Wenn wir nach einer Annahme der Initiative das Gleiche tun müssten, würden die Markt-Teilnehmer eine gewisse Zaghaftigkeit von der SNB erwarten. Sie wüssten, dass wir unsere Goldbestände, wenn immer möglich, nicht zu hoch fahren wollen, da wir sie später nicht mehr verkaufen können.

Wäre die Einführung des Mindestkurses 2011 mit einer fixen Gold-Vorgabe von 20 Prozent überhaupt möglich gewesen?

Die Ankündigung, unlimitiert Devisen zu kaufen, hätte man sicher nicht mit der gleichen Glaubwürdigkeit umsetzen können.

Wie lange dauert es bei einem Ja zur Initiative, bis die SNB den Gold-Anteil auf 20 Prozent erhöht hat?

Die Initianten sehen eine Übergangsfrist von fünf Jahren vor. Der Goldmarkt ist ein schwieriger Markt. Als wir 2000 bis 2005 Verkäufe tätigten, bestand ein Abkommen mit den anderen Zentralbanken, in dem man festhielt, wie viel gesamthaft pro Jahr verkauft werden darf. So verhinderte man stärkere Preisfluktuationen.

Welchen Einfluss hat die Initiative auf die jährliche Gewinnausschüttung der SNB an die Kantone?

Weil der Goldanteil in der SNB-Bilanz auf lange Sicht laufend steigen würde, aber nicht verkauft werden darf, sinkt die Höhe der ausschüttbaren Erträge an die Kantone kontinuierlich. Wie schon erwähnt, haben Sie auf Gold anders als bei anderen Anlagekategorien keine laufenden Einnahmen und Erträge. Selbst bei einer Verdoppelung des Preises dürfte der Gewinn wegen des Verkaufsverbots nicht realisiert und ausgeschüttet werden.

Die Initiative verlangt, dass sämtliches Gold im Besitz der SNB in der Schweiz gelagert werden muss. Aktuell liegen 20 Prozent in Grossbritannien und 10 Prozent in Kanada. Warum diese Länder?

Wenn man Gold als Notvorrat betrachtet, muss man es an Orten lagern, wo man es bei Bedarf schnell und einfach verkaufen kann – auch wenn das heute überhaupt nicht zur Diskussion steht. Sowohl London als auch Ottawa sind wichtige Goldhandelsplätze.

Ist es wirklich nötig, Gold im Ausland zu lagern? Im Fall eines schweren internationalen Konfliktes schaut doch jedes Land für sich selber.

Aus Risikoüberlegungen ist es sinnvoll, das Gold an verschiedenen Orten zu lagern. Dass Grossbritannien oder Kanada das Schweizer Gold beschlagnahmen, ist höchst unwahrscheinlich. Beides sind Länder mit einem äusserst stabilen Rechtssystem.

Früher wurden die Standorte geheim gehalten. Als Reaktion auf die Initiative haben Sie sie nun publik gemacht. Welche Überlegung steckt dahinter?

Durch die Offenlegung der Länder schafften wir Transparenz. Davor überwog der Sicherheitsgedanke. Für die Bekanntgabe ist jeweils auch die Zustimmung der betroffenen Zentralbanken notwendig, bei denen das Gold liegt.

Wie oft kontrolliert die Schweizerische Nationalbank eigentlich die Schweizer Bestände vor Ort?

Ich kann nur so viel sagen: Es gibt regelmässig Besuche. Die Goldbarren sind numeriert und jederzeit identifizierbar.

Wie reagieren eigentlich Ihre Notenbank-Kollegen im Ausland auf die anstehende Abstimmung?

Es ist ein grosses Thema, nicht nur für unsere Partner bei den Zentralbanken, sondern auch für ausländische Zeitungen und Bankanalysten. Sie fragen sich, wie die Glaubwürdigkeit der Nationalbank beeinflusst werden könnte. Man geht davon aus, dass ein Ja zur Initiative kurz- und langfristig Auswirkungen auf den Goldpreis hat.

Haben Sie schlaflose Nächte?

Die Initiative treibt mich um, das muss ich ehrlich sagen. Wir konnten den Schweizer Franken in den letzten Jahren trotz Finanz- und Wirtschaftskrise als stabile Währung erhalten. Dass man vor diesem Hintergrund bereit ist, die Funktion und Tätigkeit der SNB infrage zu stellen, beschäftigt mich schon.

Sind Sie froh, wenn Sie den Urnengang vom 30. November hinter sich haben?

Ich bin vor allem dann froh, wenn es einen hohen Nein-Anteil gibt (lacht).

Haben Sie einen Plan B, ein Worst-Case-Szenario, falls die Initiative angenommen wird?

Wir hoffen und gehen davon aus, dass das Stimmvolk die negativen Folgen der Initiative erkennt und sie ablehnt.

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