Lago Maggiore
Das Tessin streitet mit Italien um Wasser

Italien will den Pegelstand des Sees im Sommer erhöhen: Der italienische Alleingang stösst die Schweiz vor den Kopf.

Gerhard Lob, Locarno
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Das Wehr in Miorina: Hier wird der Pegel des Lago Maggiore reguliert.

Das Wehr in Miorina: Hier wird der Pegel des Lago Maggiore reguliert.

Getty Images/iStockphoto

Der Pegel des Lago Maggiore ist in Folge von Hitze und Trockenheit gefallen. In Ascona und Locarno ist dies schön sichtbar: Die Strände werden täglich breiter. Insofern entbehrt es nicht einer gewissen Ironie, dass sich die Schweiz und Italien über die Regulierung des Wasserstands mit den genau gegenteiligen Folgen streiten.

25 cm höher als vereinbart

Konkret geht es um einen Entscheid der Regulierungsbehörde für den Fluss Po mit Sitz in Parma vom vergangenen 12. Mai, wonach der Höchstpegel des Langensees im Sommer um 25 Zentimeter höher liegen darf, als im Abkommen von 1940 zwischen der Schweiz und Italien festgelegt. Fixiert ist dieser Höchststand auf 1 Meter über dem Pegelnullpunkt (194,01 Meter).

Der Tessiner Nationalrat Giovanni Merlini (FDP) griff dieses Thema bereits im März dieses Jahres in einer parlamentarischen Fragestunde auf, als sich diese Massnahme abzeichnete. Er machte sich zum Fürsprecher von Ängsten, wonach so hohe Pegelstände dem Tourismus, insbesondere Hotels und Campingplätzen schadeten, weil Sandstrände verkleinert werden. Ausserdem könnten erhebliche Schäden entstehen, wenn der See über die Ufer trete. Bereits im Sommer 2013 habe der Pegel, der mit dem Miorina-Stauwehr in Sesto Calende am südlichen Ende des Langensees reguliert wird, den Nullpunkt um 1,50 Meter überschritten, im Sommer 2014 seien es 1,25 Meter gewesen.

Mit diesem höheren Pegelstand verfolgt die Regulierungsbehörde die Interessen der südlich von Sesto Calende gelegenen Gebiete, insbesondere von Tausenden von Landwirtschaftsbetrieben und Reisbauern. Selbst die Kanäle von Mailand – auch für die Weltausstellung – werden aus dem Lago Maggiore gespeist. Mit einem höheren Pegelstand will man einen grösseren Wasserspeicher generieren, sich für Trockenperioden rüsten und ein Austrocknen des auslaufenden Flusses Ticino verhindern, der bei Pavia in den Po fliesst.

Geharnischter Brief

Der Tessiner Umweltdirektor Claudio Zali (Lega) hat der Regulierungsbehörde Po bereits im Juli einen geharnischten Brief geschrieben, in welchem er die einseitige Massnahme für eine Erhöhung des Seepegels kritisiert. Insbesondere fordert er, dass das Tessin als direkt betroffener Kanton in solche Entscheidungen eingebunden wird. Wenig Freude hat man auch im Bundesamt für Umwelt (Bafu) am italienischen Alleingang. Der Bund hat interveniert, um das gemeinsame Gespräch mit den Partnern in Italien zu suchen.

«Wir möchten, dass die bestehende Kommission Schweiz-Italien reaktiviert wird und sich um diese Frage kümmert», sagt Hans Peter Willi, Leiter der Abteilung Gefahrenprävention im Bafu. Diese Kommission sei seit Jahren nicht mehr aktiv. Willi unterstreicht, dass es heute, im Vergleich zum Vertrag von 1940, modernere Überwachungs- und Vorhersagemöglichkeiten gebe, welche eine Optimierung der Regulierung im Interesse der Seeanstösser und Unterlieger ermöglichten. Die Schweizer Behörden beurteilen eine Überprüfung des Regulierreglements als zweckmässig. «Wichtig ist, dass sich alle Akteure, von den Behörden, Landwirten bis zu Touristikern, an einen Tisch setzen und die unterschiedlichen Interessen unter einen Hut gebracht werden», hält Willi fest.

Am längeren Hebel

Ob man in Italien ein Einsehen hat, ist fraglich. Der italienische Umweltminister, Gian Luca Galletti, kündigte jüngst im italienischen Senat an, dass man beabsichtige, den Seepegelstand mittel- bis langfristig effektiv auf 1,50 Meter über dem Pegelnullpunkt zu erhöhen. Ab März 2018 soll erst einmal 1,30 Meter gelten. Mit dem Stauwehr in Sesto Calende sitzt Italien gegenüber der Schweiz auf alle Fälle am längeren Hebel.