Es herrscht Aufbruchsstimmung. Die bevorstehende Eröffnung des Gotthard-Basistunnels hat in Bellinzona neue Energien freigesetzt. Als «Porta del Ticino» (Tor zum Tessin) wird die Kantonshauptstadt künftig der erste Halt nach dem Tunnel für Reisende in Richtung Süden sein beziehungsweise der letzte Halt, bevor es nach Norden geht. Der modernisierte und erweiterte Bahnhof wird Mitte Oktober eröffnet, wenige Wochen vor Inbetriebnahme des Tunnels. Er soll diesen Aufbruch markieren.

Stadtpräsident Mario Branda (SP) verweist darauf, wie der Bau der Gotthardbahn im 19. Jahrhundert Bellinzona verändert und geprägt hat: «Ich hoffe, dass auch der Basistunnel einen positiven Schub bringen wird.» Er denkt dabei unter anderem an eine engere Zusammenarbeit zwischen wissenschaftlichen Instituten dies- und jenseits des Gotthards. «Das ist eine Chance für uns, während die Möglichkeit steigender Immobilienpreise ein Risiko darstellt», meint Branda.

Nicht nur das Tessin, die ganze Schweiz hat Veränderungen zu erwarten:

Wie wird der neue Tunnel durch den Gotthard die Schweiz verändern?

Wie wird der neue Tunnel durch den Gotthard die Schweiz verändern?

Das sagen Doris Leuthard, Moritz Leuenberger und Adolf Ogi.

Mehrere Wirtschaftsstudien prophezeien, dass zuerst einmal Bellinzona von der schnelleren Bahnverbindung mit der deutschen Schweiz profitieren wird. «Aber uns wird nichts geschenkt werden, wir müssen uns diese wichtigere Rolle erobern», so Vize-Stadtpräsident Felice Zanetti (FDP).

Das Bellinzonese hat bereits mit einem Fusionsprojekt auf die Neat reagiert. 13 Gemeinden werden ab April 2017 das neue Gross-Bellinzona mit 45 000 Einwohnern bilden, auch um ein Gegengewicht zum dominierenden Lugano zu bilden. Mit der zweiten Etappe der Neuen Alpentransversalen (Neat) am Gotthard, der Inbetriebnahme des Ceneri-Basistunnels zwischen Bellinzona und Lugano im Jahr 2020, wird sich die Geografie des Tessins nochmals ändern. Bellinzona – dann nur noch zwölf Zugsminuten von Lugano entfernt – dürfte profitieren. Dies prophezeit auch eine soeben veröffentlichte Studie der Grossbank Credit Suisse zu den Folgen der Neat.

Locarno schläft

Grosse Erwartungen weckt die Neat in der krisengeplagten Tourismusbranche. «In der momentan kritischen Situation für den Schweizer und Tessiner Tourismus erlaubt uns Alptransit einen vorsichtigen Optimismus», hält der Tessiner Staatsrat und Wirtschaftsdirektor Christian Vitta (FDP) fest.

Bellinzona hofft auf Touristen, vor allem aber die klassischen Destinationen Locarnese und Luganese. Das Locarnese hat allerdings bisher die Möglichkeit verschlafen, sich als Kongressstandort besser zu positionieren. Seit Jahrzehnten wird über ein Kongresszentrum diskutiert, doch kein Projekt wurde verwirklicht. Der Verkehrsverein von Locarno hat vor kurzem immerhin das Informationsbüro vom Zentrum in den Bahnhof verlegt, damit in Hinblick auf die Neat eine unmittelbarere Kundeninformation gewährleistet ist.

Allerdings betont Fabio Bonetti, Direktor des Verkehrsvereins Locarno-Ascona, die Notwendigkeit, den öffentlichen Nahverkehr im Hinterland auszubauen, damit nicht nur die Polregionen profitieren, sondern auch die abgelegenen Täler. Generell besteht die Befürchtung, dass vor allem der Tagestourismus zunehmen wird. Gäste aus der deutschen Schweiz sind schneller im Tessin, aber auch schneller wieder zu Hause. «Wir müssen gute Pakete schnüren, damit die Gäste über Nacht bleiben», sagt Lorenzo Pianezzi als Präsident des kantonalen Hoteliervereins.

Die kürzere Fahrzeit bringt auch Nachteile. Fahrt durch den neuen Tunnel im Zeitraffer:

Im Zeitraffer: Mit Hochgeschwindigkeit durch den neuen Gotthard-Basistunnel.

Weltpremiere: Mit dem Hochgeschwindigkeit durch den neuen Gotthard-Basistunnel.

Für Marco Solari, den Präsidenten des Filmfestivals Locarno und ehemaligen Präsidenten von Ticino Turismo, stellt der Gotthard-Basistunnel «einen so radikalen Wandel wie der Strassentunnel» dar. Die Schweiz werde stärker zu einer einzigen Stadt verschmelzen, in der die Kantone wie Quartiere miteinander verbunden sind.

Neben der Zentralschweiz und dem Raum Zürich sieht Solari auch die Westschweiz näher ans Tessin rücken, wobei er dabei an Kantone wie Neuenburg und Jura denkt. «Wichtig ist, dass das Tessin diese Chance packt», so Solari. Dabei sieht er viele positive Anzeichen: Kleine Hotels, die eröffnet haben, das neue Kulturzentrum LAC in Lugano, oder Privatinitiativen wie die neue Ghisla Art Collection in Locarno.

Luca Albertoni, Direktor der Tessiner Industrie- und Handelskammer (CCIA), kann sich gut vorstellen, dass man in touristischen Fragen nun besser mit der Zentralschweiz zusammenspannt: «Wir könnten von ihren Erfahrungen in Bezug auf die asiatischen Gäste profitieren.»

Wie gross denkt das Tessin?

Doch es gibt auch Skeptiker. Remigio Ratti, alt CVP-Nationalrat und Professor für politische Ökonomie an der Universität Lugano, wirft dem Tessin einen mangelnden Unternehmergeist in Hinblick auf die Neat vor. Die Tessiner folgten dem Motto: «Wenn der Zug erst einmal durch den neuen Tunnel fährt, schauen wir weiter.» Dies sei nicht ausreichend. Es müssten klare Visionen entwickelt werden. Ansonsten laufe man Gefahr, zu einem reinen Transitkorridor zu werden.

Ähnlich äussert sich Rico Maggi, Direktor des Wirtschaftsforschungsinstituts an der Universität Lugano. «Das Tessin erhält eine Standortverbesserung, hat aber bisher noch nicht viel daraus gemacht», so Maggi. Die Möglichkeiten, sich als Standort, der näher an die deutsche Schweiz rücke, gezielt zu vermarkten und grosse Firmen anzuwerben, werde nicht genutzt. Zu hoffen bleibe, dass einige KMU von den neuen Möglichkeiten Gebrauch machten. Maggi: «Generell müsste man grösser Denken und für einzelne Projekte gezielt Projekt-Manager beauftragen.»

Zum Schluss noch etwas Pathos

Ganz unabhängig von den wirtschaftlichen Aspekten gibt es auch gesellschaftlich-kulturelle Erwartungen, die ein verbessertes Verständnis zwischen den Landesteilen und Sprachregionen betreffen. Die deutsche Schweiz tut sich schwer, das Tessin zu verstehen, das sich in den letzten Jahren unter der Dominanz der Lega dei Ticinesi zusehends eingeigelt hat. Die Tessiner haben ihrerseits Mühe mit der deutschen Schweiz, von der sie sich häufig entfremdet fühlen.

Die Schönheit des Gotthards geht immer auch mit Nostalgie und Gefahr einher:

Die Hoffnung auf mehr Austausch und gegenseitiges Verständnis hegt der Tessiner Regierungspräsident Paolo Beltraminelli (CVP), indem er den Wunsch zitiert, den Bundesrat Hans Hürlimann anlässlich der Eröffnung des Gotthard-Strassentunnels am 5. September 1980 äusserte: «Wir bejahen und fördern die Eigenart verschiedener Sprachen und Kulturen. Gleichzeitig schaffen wir aber mit diesem Werk die Voraussetzung, dass alle Kantone und wir alle rechtsgleich zu einem, zu unserem Bund gehören, zum Bund, der hier am Gotthard seinen Ursprung hat.»