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Das SRF berichtet über das SRF – was wir von der No-Billag-Doku gelernt haben

Vier Tage nach der «No Billag»-Abstimmung legt das SRF bereits wieder nach. In der gut einstündigen SRF-Dokumentation «Im Kreuzfeuer» wird beleuchtet, wie eine derart radikale Vorlage wie die «No-Billag»-Initiative überhaupt erst an die Urne kommen konnte.

Vier Tage ist es her, dass ein kollektiver Seufzer der Erleichterung durchs Land ging. Und zwar nicht nur, weil die radikale No-Billag-Initiative von mehr als 70 Prozent der Stimmenden und von allen Ständen abgelehnt wurde. Gegner wie Befürwortern der Initiative war am Abstimmungssonntag anzumerken, dass auch sie genug hatten. Der monatelange Abstimmungskampf zehrte an den Nerven, den Portemonnaies und am Zusammenhalt eines ganzen Landes.

Nun ist bei den Befürworter das Wundenlecken langsam vorbei, die siegreichen Gegner haben sich hämische Kommentare weitgehend gespart  – man ist rundum zum courant normal zurückgekehrt. 

Und jetzt schon wieder NoBillag. Zur besten Sendezeit. Auf dem Billag-Sender SRF 1. 

Too much too soon? Im Gegenteil.

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Die gut einstündige SRF-Dokumentation «Im Kreuzfeuer» beleuchtet, wie eine derart radikale Vorlage wie die No-Billag-Initiative überhaupt erst an die Urne kommen konnte. Was die Vorbedingungen waren und wer die zentralen Akteure. Wer wann wie und wo eingespurt hat, damit wir am Schluss über die Abschaffung der Fernseh- und Radiogebühren abstimmen mussten oder durften.

Damit wird auch der Mythos der Bieridee entkräftet, den viele Medien bereitwillig bewirtschaftetet hatten: Vier Studenten, die sich eines Abends eine Idee antranken und damit den medialen Service Public an den Rand des Kollapses brachten. Die libertären Initianten waren klassische Trittbrettfahrer, sie sprangen auf einen Zug auf, der sich schon lange mit unaufhaltsamer Geschwindigkeit durch die Fernseh- und Radiolandschaft pflügte. 

Die Macher haben den historischen Rückblick in vier Sequenzen aufgeteilt. 

  1. Den politischen Beschluss, das SRF vor ausländischem Einfluss zu schützen in den frühen 90ern.
  2. Die Weigerung in den 90ern, private Konkurrenz im TV-Bereich zuzulassen.
  3. Das Expansionsstreben der SRF Ende der 90er- und Anfang der 00er-Jahre unter Generaldirektor Armin Walpen.
  4. Die heftige Kritik, der dem als «Moloch» empfundenen SRG ab Mitte 00er-Jahre entgegenbrandete.

Das alles kulminierte schliesslich in der Abstimmung vom 4. März 2018.

«Im Kreuzfeuer – Wie die SRG unter Druck kam»

Ehemalige SRG-nahe Akteure wie Roger de Weck, Moritz Leuenberger und Armin Walpen kommen im Film zu Wort. Die Rolle der «Aktion Medienfreiheit» um SVP-Nationalräte Natalie Rickli und Gregor Rutz, die schon 2009 erste Schritte unternahmen, um der SRG die Flügel zu stutzen, wird beleuchtet. Und der Medienwissenschafter Matthias Künzler ordnet die Zusammenhänge ein. 

«Im Kreuzfeuer» ist ein Dokumentarfilm der besseren Sorte. Die Befürchtung, dass ein von SRF-Journalisten produzierter Film, der die eigene Geschichte kritisch aufarbeiten soll, am eigenen blinden Fleck scheitert, hat sich nicht bewahrheitet.

Im Gegenteil.

Die Selbstkritik ist umfassend und schonungslos, das Aufrollen der eigenen Geschichte und das Entstauben des eigenen Archivs wohltuend erfrischend. Und als Zuschauer wird einem in manchen Szenen klar, wieso die SRG in den letzten Jahren derart polarisierte.

Armin Walpen, Ex-Generaldirektor

Armin Walpen, Ex-Generaldirektor

Wenn sich Armin Walpen im Interview etwa partout weigert, die Expansionstrategie des SRF unter seiner Ägide kritisch zu hinterfragen, oder wenn Ex-Medienminister Moritz Leuenberger die heftigen Lobbyversuche durch die damalige SRF-Chefetage beklagt, fragt man sich, wieso man bei den Verantwortlichen die Zeichen der Zeit erst dann erkannte, als es fast zu spät war.

Moritz Leuenberger, Ex-Bundesrat

Moritz Leuenberger, Ex-Bundesrat

Manchmal sind es aber auch vermeintlich nebensächliche Szenen, die entlarvend wirken. Von der Publikumsführung durch das TV-Gebäude am Leutschenbach – «zusammengehalten durch unzählige lange Gänge» – bleibt vor allem in Erinnerung, wie eine SRG-Mitarbeiterin die grauen Wände im Sportpanorama-Studio preist, die bei Bedarf wunderbar beleuchtet werden könnten.

Graue Wände im Studio.

Graue Wände im Studio.

Brimborium, das wahrscheinlich viel Geld gekostet hat. Geld, das hätte eingespart werden können – oder aber in besseren Journalismus investiert.  

Ein gewisser Unterhaltungswert lässt sich «Im Kreuzfeuer» ebenfalls nicht absprechen. Die Szene etwa, als SP-Nationalrätin Jacqueline Badran vor laufender Kamera einen No-Billag-Flyer zerreisst, hat jetzt schon Kultstatus.

Oder der Einspieler aus der Vergangenheit, als ein Sepia-Mann einem Kamerateam ins SF-Mikrofon hechelte: «Kä Ziit, mues go Fernseh luege». Ein Satz, den man lange nicht gehört und wohl auch nie mehr hören wird. Nostalgisch stimmt das nicht, aber es ist nicht schlecht, sich daran zu erinnern.

Zumindest erhellend ist eine Szene, die im Nachgang der zweiten No-Billag-Arena für reichlich Diskussionsstoff und Dutzende Beschwerden beim Ombudsmann gesorgt hat, die man aber bisher nur aus Schilderungen der Beteiligten kannte.

Der Dokfilm zeigt nun erstmals, was sich hinter den Kulissen genau abgespielt hatte. No-Billag-Architekt Oliver Kessler versuchte kurz vor der Sendung, Moderator Jonas Projer davon zu überzeugen, Bundesrätin Doris Leuthard von einem der No-Billag-Unterstützer interviewen zu lassen – dies sei ausgewogener und authentischer. Projer lehnt dezidiert ab – und bietet stattdessen an, die «Übung abzubrechen».

Wenn man den Regisseuren einen Vorwurf machen kann, dann vielleicht der, dass Gilles Marchand eine etwas gar prominente Rolle einnimmt. Der neue SRG-Generaldirektor wird im Zug befragt, wird auf Podiumsdiskussionen gefilmt, im Büro interviewt – bis er in der Schlussszene flankiert von Jean-Michel Cina und einem Mitarbeiter durch die dunkle Bundesgasse stapft. Anderseits begleitete die Kamera auch die No-Billag-Befürworter. Die Ausgewogenheit ist gegeben, aber hier wäre etwas weniger mehr gewesen.

Kritische Stimmen werden das der SRG  zum Vorwurf machen. Anderen würden sich wünschen, der Film wäre etwas früher ausgestrahlt worden. Für die Meinungsbildung, für die Diskussionskultur – und fürs Gemüt.

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