Was für Gesetze gilt, gilt auch für Volksinitiativen. Es gibt keine, die nicht umgangen werden kann. Im stillen Kämmerlein machen sich grosse Unternehmen deshalb schon heute Gedanken, wie sie ihren Chefs nach einer Annahme der 1:12-Initiative am 24. November weiter Gehälter zahlen könnten, die über dem Zwölffachen des tiefsten Lohns liegen. Mindestens ein halbes Dutzend solcher Tricks soll es geben, behaupten die Gegner des Volksbegehrens der Jungsozialisten und verweisen auf eine Studie der Universität St. Gallen (HSG).

Der Holding-Trick: Um die Toplöhne der Teppichetage zu bewahren und gleichzeitig die Bestimmungen der Initiative einzuhalten, könnten sich Unternehmen in mehrere Gesellschaften aufspalten und in einer Holding organisieren. In einer ersten Tochtergesellschaft würde das Management untergebracht, in einer zweiten die Produktion, in einer dritten die Reinigungskräfte. So wären laut HSG mehrere Lohnspannen möglich. 1:12-Initiant und SP-Nationalrat Cédric Wermuth hält diesen Trick für unzulässig: «Es reicht nicht, ein Unternehmen in eine Holding mit mehreren Tochtergesellschaften aufzuspalten, um den Verfassungstext zu umgehen. Gemäss Initiative gilt auch ein Konzern als Unternehmen.»

Der Neugründungs-Trick: Der Eigentümer eines Unternehmens könnte mehrere rechtlich unabhängige Firmen mit unterschiedlichen Lohnspannen gründen. Die Betriebe würden sehr eng zusammenarbeiten und ihre Strategie aufeinander abstimmen. «Eine solche horizontale Aufgliederung würde wohl nicht unter den Unternehmensbegriff der Jungsozialisten fallen», schreibt HSG-Studienleiter und Volkswirtschaftsprofessor Christian Keuschnigg.

Der Outsourcing-Trick: Eine simple Umgehungsmöglichkeit haben internationale Konzerne. Sie könnten ihre Führungskräfte neu an einem Firmensitz im Ausland anstellen und dann wieder in die Schweiz entsenden. Hans-Ulrich Bigler, Direktor des Schweizerischen Gewerbeverbandes (SGV) und 1:12-Gegner, hält dies für ein wahrscheinliches Szenario.

Der Praktikanten-Trick: Damit der kleinste und folglich auch der grösste Lohn im Betrieb möglichst hoch liegen, könnten Unternehmen vermehrt Praktikanten einstellen. Das macht Sinn, weil Personen in Ausbildung und Praktikanten vom 1:12-Verfassungsartikel explizit ausgenommen sind.

Der Dividenden-Trick: Führungskräfte erhalten in der Regel einen Teil ihres Lohns in Form von Aktien. Daraus ergibt sich ein Schlupfloch: Firmen könnten die Saläre der Chefs wie von der Initiative verlangt auf das Zwölffache des tiefsten Lohns reduzieren, aber gleichzeitig den Aktienanteil am Lohn erhöhen. Dann müssten sie ihren Aktionären nur noch eine höhere Dividende auszahlen und schon findet sich die Teppichetage auf dem gewohnten Gehaltsniveau wieder. Denn Dividenden gelten nicht als Lohnbestandteil. SGV-Direktor Bigler glaubt, dass der Trick nur selten als Ausweichmanöver zur Anwendung käme.

Der Abwanderungs-Trick: Ein wirklicher Trick ist es nicht. Dennoch gehört die Totalverlagerung eines Unternehmens auf die Liste der Umgehungsmöglichkeiten. Ob internationale Konzerne derart drastische Massnahmen ergreifen werden, ist nicht absehbar.

Sowohl SP-Nationalrat Wermuth als auch Gewerbedirektor Bigler rechnen mit einer harzigen Umsetzung der Initiative, sollte sie angenommen werden. «Das Ausführungsgesetz wird löchrig sein. Firmen werden den Verfassungsartikel auf legalem Weg umgehen können», prophezeit Bigler.

Wermuth sagt: «Ich mache mir keine Illusionen: Es werden wohl auch Gerichtsentscheide nötig sein, um zu klären, was geht und was nicht. Bis sich der hinterste und letzte an 1:12 hält, wird es einige Zeit dauern.»