Missbrauchsfall Jürg Jegge
Das Schlechteste aus zwei Welten: Wie die 68er-Euphorie Missbrauch ermöglichte

Starpädagoge Jürg Jegge rechtfertigt Missbrauch seiner Schüler mit 68er-Ideologie. Ihm halfen aber ältere Ideen.

Pascal Ritter
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Jürg Jegge und die 68er.

Jürg Jegge und die 68er.

Keystone

Nach drei Tagen bricht Jürg Jegge sein Schweigen. Der Alternativpädagoge und Liedermacher sah sich am Dienstag mit massiven Missbrauchsvorwürfen konfrontiert. Markus Zangger, ein ehemaliger Schüler von Jegge, schildert in einem Buch, wie er ab den 1970er-Jahren von Jegge zu Pseudotherapiestunden aufgeboten, dabei zu sexuellen Handlungen genötigt und von ihm missbraucht worden sei.

In Interviews gibt Jegge nun sexuelle Kontakte zu seinen Schülern zu. «Es gab alle möglichen Kontakte, auch sexuelle», sagte er. Jegge sagt, dass er die Therapie heute nicht mehr machen würde, und räumt Fehler ein. «Bei all meinem fortschrittlichen Lehrertum habe ich falsch eingeschätzt, dass ich für die Schüler eine Autoritätsperson bin», sagte er. Das habe er damals nicht gesehen. Jegge sagt, es habe später auch einvernehmlichen Sex zwischen ihm und Buch-Autor Zangger gegeben.

Auch wenn Jegge die Vorfälle relativiert. Es verfestigt sich das Bild, dass in der Schule, die Jürg Jegge in den 1970er-Jahren in der Gemeinde Embrach ZH aufzog, Schüler missbraucht wurden. Versagt hatten neben den Behörden auch die Medien. Als Jegge im Jahr 1976 sein Buch «Dummheit ist lernbar» veröffentlichte, war die Presse begeistert. Jegge formuliere seine Kritik an der klassischen Volksschule «ebenso behutsam, wie er wohl seinen Kindern Selbstvertrauen einflösst», schwärmte die «Weltwoche». Die Betonung muss auf «wohl» lauten, denn überprüft, wie es den Kindern in Jegges Sonderschule in Embrach (ZH) ging, hatten die Journalisten offenbar nicht.

Pädophile im Dunstkreis der Linken

Der Fall Jegge erinnert an ein dunkles Kapitel der 1968er-Bewegung, das die deutschen Grünen 2013 einholte. In den 1980er-Jahren gab es Grüne, welche Sex mit Kindern rechtfertigten. 2015 zahlte die Partei gar Entschädigungen an drei Missbrauchsopfer. Jürg Jegge hat sich zwar nie öffentlich für Pädophilie eingesetzt, er rechtfertigt in einem Brief an Zangger, der im Buch abgedruckt ist, aber «Zärtlichkeiten» mit seinen (ehemaligen) Schülern, spricht von sexueller Befreiung und verweist auf Diskussionen und Experimente «in einem recht grossen und lebendigen Teil des politisch rot-grünen Spektrums».

Jegge schreibt, «sexuelle Kontakte zwischen Kindern und Erwachsenen» seien «seither sehr viel stärker kriminalisiert worden». Wurde Schüler Zangger in den 1970er-Jahren also Opfer eines zu weit gegangenen gesellschaftlichen Aufbruchs im Zuge der 1968er-Bewegung?

Die genauen Umstände und das Ausmass des Missbrauchs müssen noch aufgearbeitet werden. Zanggers Buch legt aber nahe, dass sein Leiden aus einer Kombination aus Fortschrittseuphorie und Rückständigkeit der Generation seiner Eltern entstanden ist. Wer heute Jegges Bestseller «Dummheit ist lernbar» liest, versteht nicht, wie das Buch damals so gefeiert werden konnte. Es wirkt improvisiert und enthält zudem fragwürdige Passagen. So empfahl Jegge den Lehrern eine Dreierrolle als Lehrer, Therapeut und älterem Kameraden. Zudem regt er Therapiestunden bei der Lehrperson zu Hause an. Offenbar vernebelte die Euphorie über die Befreiung von starren Strukturen, Autoritäten und Hierarchien die Sicht.

Jegges Rechtfertigung mit Verweis auf rot-grüne Experimente geht aber nicht auf. Seine Sex-Therapien verheimlichte er und verschwieg sie auch in seinen Büchern. Zudem waren es die von den 68ern bekämpften Hierarchien, welche ein Klima schufen, das Missbrauch erleichterte. Der Lehrer galt als Autorität, die man nicht hinterfragen durfte. Während Lehrer heute wegen zu viel Einmischung von Eltern reklamieren, liess man Jegge damals gewähren. Missbrauchsopfer Zangger schreibt etwa, wie seine Mutter Verdacht schöpfte und es trotzdem nicht wagte, gegen den Lehrer vorzugehen. Im Dorf hätten zudem viele geahnt, dass etwas nicht stimmte. Unternommen haben sie nichts. Als Jegge zum Medienstar wurde, in Radio und Fernsehen auftrat, verstummten frühere Kritiker völlig.

Am Ende befreite sich Zangger ausgerechnet mit einem Spruch der 1968er-Bewegung. Über Jahre habe ihn Jegge zu gemeinsamen Pseudotherapiestunden aufgeboten. Im Alter von 28 Jahren habe er allen Mut zusammengenommen und geschrien: «Mein Körper gehört mir, und ich entscheide, wer ihn wo berührt!»

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