Siedlungsdruck

«Das Säuliamt ist dem Siedlungsdruck gewachsen»

Walter Ess im angeregten Gespräch mit dem Direktor des Zuger Amtes für Arbeit- und Wirtschaft, Bernhard Neidhart. (Bild Martin Platter)

Walter Ess, Bernhard Neidhart

Walter Ess im angeregten Gespräch mit dem Direktor des Zuger Amtes für Arbeit- und Wirtschaft, Bernhard Neidhart. (Bild Martin Platter)

Während fast drei Stunden lieferten am Mittwochabend im Affoltemer Kulturkeller «LaMarotte» namhafte Planer eine Bestandesaufnahme zur Situation des Säuliamtes zwischen den Wirtschafts- und Ballungsräumen Zug und Zürich.

Von Martin Platter

Wachsende Wirtschafts- und Siedlungsräume - aber zu welchen Bedingungen? Mit dieser Frage beschäftigten sich am Mittwochabend Walter Ess, Präsident der Zürcher Planungsgruppe Knonaueramt (ZPK), der Direktor des Zuger Amtes für Wirtschaft und Arbeit, Bernhard Neidhart, der Direktor der Schweizer Vereinigung für Landesplanung, Lukas Bühlmann, und der Zürcher Kantonsplaner Wilhelm Natrup.

«Das Säuliamt hat sich gut gerüstet für die Sandwichposition zwischen den Wirtschaftsräumen Zug und Zürich», fand Ess und erntete dafür die Zustimmung Natrup, der das ZPK-Leitbild als wegweisend bezeichnete. Bereits 2003 hatten darin die Säuliämtler Gemeinden ihre Strategie bezüglich Siedlungsbau und Landschaftsschutz festgelegt. Das Ziel, die Landschaft nicht weiter zu zersiedeln, sondern die bestehenden Siedlungsräume zu verdichten, werde heute im gesamten Kanton angestrebt, sagte Natrup.

Wachsende Bedürfnisse

Ist es realistisch, dass das Säuliamt nicht mehr weiter wächst? Ess bejahte, gab jedoch zu bedenken, dass die persönlichen Platzbedürfnisse in den letzten 35 Jahren markant angewachsen seien. Lebten 1975 noch 3,5 Personen in einer Wohnung, seien es heute nur noch 2,4. Im gleichen Zeitraum sei die Wohnfläche jedoch von 25 auf 45 Quadratmeter pro Person angestiegen. Dennoch ist Ess überzeugt, dass genügend Platz vorhanden ist. Natrup bezifferte die derzeitige Geschossfläche auf 3,4 Millionen Quadratmeter. Noch immer liege in den bestehenden Siedlungsräumen im Säuliamt 3,7 Millionen Quadratmeter brach. Aus energetischen Gründen werde eine Erneuerung der alten Bausubstanz angestrebt. Die dichtere Besiedelung berge allerdings auch Spannungspotenzial, ist sich Natrup bewusst. Und der Souverän, sowie die Besitzer der Liegenschaften müssen für den Wandel bereit sein.

«Erneuerung verändert das Erscheinungsbild.» Ein steriles Erscheinungsbild drohe, gab Neidhart zu bedenken und warf ein, dass ein Wachstumsstopp gravierende Auswirkungen hätte. Weniger Arbeitsplätze und Wohlstand seien die Folgen. Die innere Verdichtung des Siedlungsraumes löse zudem keine Verkehrsprobleme, sondern schaffe neue. Neidhart plädierte dafür, dass die öffentliche Hand in die Bresche springt und Land für die Wohnbauförderung erwirbt.

Zug hatte die Wohnbauförderung aus Mangel an Ressourcen im eigenen Kanton sogar in den Nachbarkantonen versucht, blitzte jedoch ab. «Das hat zur Folge, dass die Gundstück- und Mietpreise bei uns immer teurer werden, was zu Abwanderung führt», erklärte Neidhart.

Abwanderung in günstige Wohngegenden

«Eine Entwicklung, die nicht nur in Zug zu beobachten ist, sondern auch im Grossraum Zürich», stellte Bühlmann fest. Derzeit leide vor allem das Freiamt um die Region von Sins unter den wachsenden Pendlerstömen. Als Handicap erweise sich dort die schlechte Anbindung an dem öffentlichen Verkehr.

Im Saal war man sich uneins, wo bezüglich Individualverkehr die Grenzen erreicht oder zu setzen sind. Denn der Mehrverkehr staut sich beim nächsten Nadelöhr, das derzeit der Gubristtunnel, beziehungsweise der Nordring bildet. Natrup äusserte sich jedoch pessimistisch, das mit der Erweiterung tatsächlich eine Besserung eintritt. Vielmehr würden die Staus verlagert Richtung Zürich Nord und Brüttiseller Kreuz, danach ins Glattal und nach Wallisellen. Dem Bund fehle das Geld und im Kanton werde abgewogen, wo das beste Kostenverhältnis pro Einwohner erreicht werde. Aus diesem Grund gibt Natrup der Umfahrung Ottenbach, beziehungsweise den Autobahnzubringerkonzepten für Obfelden und Bickwil nur mässige Chancen: «Mit diesen Summen könnten in Ballungszentren wie Pfäffikon wesentlich mehr Menschen vom Verkehr entlastet werden», ist er überzeugt.

Dauerthema Einkaufszentren

Uneinig war man sich auch, was die neuen Einkaufszentren in Affoltern bringen. Neidhart warnte vor falschen Hoffnungen. Trotz aufwendiger Anbindung an den öffentlichen Verkehr reisten mehr als 85 Prozent der Zugerland-Kunden mit dem eigenen Auto an. Natrup doppelte nach, dass zuviel differenzierte Verkaufsfläche in Einkaufszentren die Ortszentren zerstöre.

Zurückhaltend gab sich Bühlmann bezüglich der Umnutzung von Landwirtschaftszonen. Das generiere Mehrverkehr und die Landwirtschaft gerate in Bedrängnis. Dem entgegnete Neidhart, der als Bauernbub aufgewachsen war, dass die Bauern oft gezwungen seien, zu expandieren und bestehende Gebäude umzunutzen.

Aus dem Publikum sprach sich auch Standortförderer Charles Höhn für die Erhaltung des ländlichen Raums aus. Er bezweifelte, dass sich der Wohlstand einzig durch quantitatives Wachstum mehre. Dasselbe sei auch mit qualitativem Wachstum zu erreichen. Eine schöne Umgebung seit Lebensqualität. Es sei gut, dass das Säuliamt zwischen Zürich und Zug liege, denn beim Sandwich sei das Beste ja auch zwischendrin.

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