Anfang 2003. Die Reederei A.* aus Bremen, Deutschland, gibt bekannt, dass sie in China vier neue Tanker bestellt hat. Am 19. Juni berichtete dann die Fachpublikation «TradeWind»: «Die Gesellschaft wollte die Preise nicht offenlegen, aber Broker schätzen, dass die Schiffe je zwischen 26 und 27 Millionen US-Dollar kosten.» Den gleichen Stückpreis nannte am 13. Oktober 2003 die «Deutsche Schifffahrts-Zeitung». Der Artikel ist noch heute auf der Website der Reederei abrufbar. Und die Zeitung nannte auch die geplanten Namen der Tanker: Arctic, Biscay, Caspian, Celtic.

Im September 2003 dann machte die Tanker-Bestellung auch Schlagzeilen in der Schweiz, wo sich seit kurzem der Hauptsitz der Bremer Reederei befand. Das «St. Galler Tagblatt» schrieb: «Reederei bestellt vier neue Tanker für 130 Millionen Dollar.» Also im Schnitt 32,5 Millionen Dollar. Was keiner sagte: Die vier Tanker waren die gleichen, deren Preis Monate zuvor noch mit 26 bis 27 Millionen angegeben wurde.

Die Tanker gehören heute zu der Pleite-Flotte von 13 Schiffen des Reeders Hans Jürg Grunder, die den Bund bis zu 215 Millionen Franken kosten.

Sie wurden ab 2006 als «Matterhorn» «Monte Rosa», «Breithorn» und «Stockhorn» in Betrieb gesetzt. Die «Matterhorn» etwa wurde am 20. Oktober 2006 in Hamburg von der Thurgauer CVP-Nationalrätin Brigitte Häberli getauft (die «Nordwestschweiz» berichtete).

Zurück ins Jahr 2003. Branchenkenner berichten, dass der deutsche Reeder zunächst plante, die Schiffe über deutsche Banken zu finanzieren. Weil man ihm in der Schweiz «das Geld nachgeworfen habe», habe er die Schiffe mit Bundesbürgschaften finanziert.

Hohe Bundesbürgschaft

Im Dezember 2004 erteilte das Bundesamt für wirtschaftliche Landesversorgung (BWL) die Bürgschaftszusagen für alle vier Tanker. Der Bund verbürgte dabei je ein Darlehen von 28,6 Millionen Dollar, wie offizielle Daten des Bundesrats zeigen. Also mehr, als die Schiffe einst kosten sollten.

Hauptverantwortlich für die Bürgschaften war damals der Chef des BWL-Rechtsdienstes, Michael Eichmann. Von Bedeutung scheint eine weitere Personalie: Jean Hulliger. Er war Direktor des im Aussendepartement angesiedelten Schweizerischen Seeschifffahrtsamts in Basel, das die technische Aufsicht über die Hochseeflotte hat. Der mittlerweile verstorbene Chefbeamte sass nach seiner Pensionierung bis mindestens 2011 im Beirat der Bremer Reederei, um die es hier geht.

Wissen muss man: Der Bund verbürgt maximal 85 Prozent des Schiffswerts. Das heisst, dass der 2004 deklarierte Schiffswert der Tanker mindestens 33,6 Millionen Dollar betragen haben müsste. Ein ganz erstaunlicher Preisanstieg von etwa sieben Millionen Dollar für Schiffe, die damals noch nicht einmal im Bau waren.

Zwar kommen zum Werft-Preis noch Kosten wie Bauaufsicht und Erstausrüstung hinzu. Das kann gut eine Million pro Schiff ausmachen. Umgekehrt aber wurden zwei der Tanker letztlich deutlich billiger gebaut als geplant, weil sie nur Tanks aus gewöhnlichem Stahl erhielten statt aus rostfreiem.

Wo ist das Geld?

Gibt es eine Erklärung, oder wo sind die Millionen geblieben? Sicher ist: Zwischen der Bestellung und der Fertigstellung der Schiffe fand ein Handwechsel statt. Der Bremer Reeder verkaufte die vier bestellten Tanker an vier eigens gegründete Schiffseigentümergesellschaften, deren Rechtssitz zunächst in Frauenfeld TG war. Im Verwaltungsrat der Schiffsgesellschaften sassen jeweils zwei Zürcher Anwälte sowie als Präsident ein Deutscher: ein Direktor der besagten Bremer Reederei. Der Deutsche verkaufte die Schiffe also offenbar faktisch an sich selbst. Und der Bund verbürgte demnach Schiffe, die einem Ausländer gehörten.

Der deutsche Reeder, um den es geht, ist inzwischen verstorben. Die Zürcher Anwälte, die in den Tanker-Firmen sassen, reagierten dieser Tage nicht auf Mailanfragen. Sie seien ferienabwesend, hiess es. Auch ihre Sekretärin antwortete nicht.

Betrug nach «Schema Beluga»

In Deutschland läuft derzeit ein Prozess gegen einen anderen Bremer Reeder. Der Chef der Beluga-Reederei zahlte eine holländische Werft für Aufträge, die es nie gab. Die Werft überwies ihm das Geld gleich wieder zurück. Der «Wert» der Schiffe schnellte so in die Höhe, die Banken finanzierten teilweise mehr als 100 Prozent. Der Reeder nannte dies «kreative Darstellung von Eigenkapital». Das hätten andere auch gemacht. Auch mit Werften in China vereinbarte er aufgeblähte Kaufverträge. Dafür flossen ebenso Kick-backs zurück an ihn.
Der deutsche Reeder, der die Tanker bestellte, wurde von Thurgauer Politikern hofiert. Mit Rolls Royce und Fahrer unterwegs, trat er als Gönner auf, wurde in einem Atemzug mit Sebastian Vettel genannt. Der Kanton zeigte sich erkenntlich: Mitten in der Landwirtschaftszone durfte der Deutsche eine protzige Villa mit Seeanstoss bauen. Das kantonale Raumplanungsamt versuchte, es zu verhindern, doch SVP-Regierungsrat Hans Peter Ruprecht (mittlerweile ebenfalls verstorben) persönlich verhalf zur Baubewilligung, wie er 2004 selbst erklärte.

Tanker gingen an Pleite-Reeder

Die Reederei des Deutschen geriet jedoch bald einmal in Schieflage. Sie musste sich von den Tankern trennen. Schweizer Reeder, die finanziell gut dastanden, interessierten sich dafür. Aber die mit 104 Millionen verschuldeten Schiffe gingen 2012 an Reeder Hans-Jürg Grunder, der laut einhelliger Einschätzung von Beobachtern schon damals praktisch pleite war. Er ist der Reeder, dessen Pleite-Flotte den Bund nun bis zu 215 Millionen Franken kostet. Grunder war auch ein guter Freund von Eichmann, den er oft auf Reisen etwa nach China einlud (die «Nordwestschweiz» berichtete).

Es gab bereits im Jahr 2000, kurz nach Gründung von Grunders Reederei, Hinweise, dass bei den Bürgschaften etwas nicht stimmte. Der Preis des Frachters «Sabina» – angeblich 25 Millionen teuer – sei aufgebläht worden, um eine erhöhte Bundesbürgschaft zu erhalten, sagte Bruno Müller einer Westschweizer Zeitung. Müller war Aktionär bei Grunder. Die «Sabina» war ein Schiff, das von Eichmanns Tochter Sabina getauft wurde. Der Bund gab eine interne Untersuchung beim BWL in Auftrag, die Eichmann aber entlastete.

2016 sah auch die Eidgenössische Finanzkontrolle (EFK) Unregelmässigkeiten bei Bürgschaften. Sie reichte Strafanzeige ein. Verdacht: Betrug nach «Schema Beluga». Die Bundesanwaltschaft aber sah keinen hinreichenden Anfangsverdacht – vieles sei verjährt.
Es gilt für alle die Unschuldsvermutung. Eichmann und Grunder reagierten nicht auf Kontaktversuche.

SVP-Nationalrat Ueli Giezendanner kündigt gegenüber der «Nordwestschweiz» für die nächste Session einen neuen Vorstoss an. Er wolle genau wissen, wie die Schiffswerte und die Bürgschaften zustande kamen, sagt er.

* Initial geändert, Name der Red. bekannt.