Blocher im Bademantel, Blocher im Badezimmer, Blocher auf dem Sofa schlafend, Blocher am Singen, Blocher beim Pommes frites essen. Der Dokumentarfilm «L’expérience Blocher» zeigt erstaunlich intime Szenen aus dem Alltag von SVP-Übervater Christoph Blocher. Gedreht hat die Bilder der Regisseur Jean-Stéphane Bron («Mais im Bundeshuus», 2003). Der Westschweizer durfte den einflussreichsten Politiker der Schweiz während achtzehn Monaten begleiten. Brons Ziel: Ergründen, was den Mann «tiefgründig» antreibt.

Doch Christoph Blocher, das zeigt sich nach den ersten Minuten, lässt den renommierten Filmemacher zwar vom ersten Drehtag im August 2011 viel weiter in seine Privatsphäre vordringen, als dies andere Politiker je zulassen würden. Wirklich Neues gibt er aber nur in homöopathischen Dosen preis. Vor der Kamera spielt er den unerschütterlichen, fröhlichrabiaten Parteipatriarch – so wie man ihn kennt.

In den entscheidenden Momenten während der Drehphase, beispielsweise, als er seine Kontrolle über die «Basler Zeitung» Ende 2011 ausweitet, oder als er die frühere Bundespräsidentin Micheline Calmy-Rey am ersten Tag der neuen Legislatur im Geheimen in die Affäre Hildebrand einweiht, ist die Filmcrew nicht zugegen, und das nicht zufällig. Blocher überlässt nichts dem Zufall – das erfahren die Zuschauer etwa dann, als er vom Regisseur verlangt, dass Aufnahmen gewisser Telefonate herausgeschnitten werden.

Blocher fasziniert Bron

Der Film zeigt den Ausnahmepolitiker über weite Strecken in seiner Limousine, wie er von Ehefrau Silvia begleitet von einer Wahlkampfveranstaltung zur nächsten reist. Mal wirkt er aufgekratzt, beispielsweise nach seinem letzten Auftritt vor den Wahlen am 23. Oktober 2011. Mal wirkt er niedergeschlagen, als der erhoffte Erdrutschsieg ausbleibt.

Wenn der Protagonist nicht selber redet, erzählt der Regisseur aus dem Off, wie er Blocher erlebt, berichtet von seinen Gesprächen mit dem Politiker abseits der Kamera. Mehrmals versucht er, sich von ihm zu distanzieren, lässt sich am Ende sogar zur Aussage hinreissen, die Ideen des Alt Bundesrates kontaminierten das Land. Aber der gewünschte Effekt bleibt aus: Erstens ist es offensichtlich, dass Bron von Blocher fasziniert ist. Zweitens ist man sich Kritik an Blocher seit Jahrzehnten gewohnt. Wenn jetzt einer noch etwas mehr Kritik übt, ist das weder mutig noch schockiert es irgendjemanden.

Potenzial zum Kassenschlager

Die Stärke des Films liegt nicht in der Darstellung von Blochers Aktivitäten in jüngerer Vergangenheit, sondern eher in der Aufarbeitung seiner Karriere als Unternehmer und Politiker – wie er es vom Bauernlehrling ohne Land zum Milliardär schaffte. Bron thematisiert Blochers schwieriges Verhältnis zu seinem Vater, seine problematischen Geschäftsbeziehungen zu Südafrika während der Apartheid und seinen historischen Sieg bei der EWR-Abstimmung zu Beginn der Neunzigerjahre, der ihn und die SVP an die Spitze der Macht katapultierte.

Obwohl «L’expérience Blocher» letztlich nur an der Oberfläche der Person Blocher kratzt, hat der Streifen das Potenzial zum Kassenschlager. Das liegt in erster Linie am Protagonisten, aber auch an der Fähigkeit des Regisseurs, die Geschichte einer komplexen politischen Persönlichkeit verständlich zu erzählen.