Kaum mehr jemand spricht von Altersheimen. Die älteren Herrschaften leben immer länger selbstständig zu Hause. Sie wechseln erst ins Heim, wenn Angehörige oder die Spitex die Pflege alleine nicht mehr bewältigen können. Eben: ins Pflegeheim. Weil Schweizer überhaupt länger leben und es mit den Babyboomern mehr alte Menschen gibt, steigt das Bedürfnis nach Pflege. Das hängt auch mit den chronischen Krankheiten zusammen, die im Alter häufiger auftreten – oftmals gleich mehrfach. Das Gesundheitsobservatorium (Obsan) rechnet deshalb bis 2030 mit einer Verdoppelung der Pflegekosten – von heute rund 9 auf fast 18 Milliarden Franken. Die Kosten sind jedoch nicht die einzige Herausforderung, der sich die Pflege in den kommenden Jahren stellen muss:

Mangel an Pflegefachpersonal wird sich weiter verschärfen

Heute rekrutieren Spitäler und Heime rund einen Drittel ihres Pflegepersonals aus dem Ausland. Mit der Umsetzung der Zuwanderungsinitiative der SVP wird diese Personalquelle womöglich bald versiegen. Der Bundesrat hat deshalb einen «Masterplan Bildung Pflegeberufe» entworfen, der erste Erfolge verbuchen kann: Die Abschlüsse «Fachperson Gesundheit» haben sich seit 2007 mehr als verdoppelt: von rund 1500 auf 3700 Abschlüsse. Damit ist der Bedarf in diesem Bereich fast gedeckt. Helena Zaugg, Präsidentin des Berufsverbands der Pflegefachpersonen (SBK), begrüsst das Ergebnis zwar. Sie sagt aber, dass eine ähnliche Entwicklung bei den Pflegefachpersonen fehle, welche immerhin das Gros der künftigen Aufgaben erfüllen müssten. 2014 beendeten 2500 Personen die Ausbildung. Gefragt wären 4600. Die Schweiz bildet also rund 2000 Pflegefachleute zu wenig aus – pro Jahr.

Kritisches Arbeitsverhältnis: 45,9 Prozent verlassen den Beruf

Fast eine von zwei Pflegefachpersonen verlässt den Beruf. Das hat eine weitere Studie des Obsan ergeben. Als häufigsten Grund gaben die Aussteiger an, sie könnten sich nicht mit dem Pflegeberuf identifizieren. Aus Erfahrung weiss Helena Zaugg, dass viele den Beruf nur schwer mit dem Privatleben vereinbaren können. So könne nach wie vor nicht jede Pflegefachperson darauf zählen, zwei freie Wochenenden pro Monat zu haben. Auch der Lohn sei vergleichsweise tief. «Wenn Personen mit ähnlichem Ausbildungsniveau 100 000 Franken pro Jahr verdienen, erhält eine Pflegefachfrau 70 000 Franken.» Dabei sei die Lohnfrage für viele zweitrangig, sagt Zaugg. «Sofern das Umfeld stimmt.» Das bedeutet konkret: Gute Zusammenarbeit im Team, Förderung durch Arbeitgeber und auch mehr Mitsprache bei der Pflege von Patienten. Letzteres fordert der Verband nun via Initiative, weil das Parlament den Pflegefachpersonen zusätzliche Kompetenzen absprach.

Wer soll die neun Milliarden Franken bezahlen?

Das politisch heisseste Eisen ist gleichwohl die Finanzierung. Die Kosten steigen – wie eingangs erwähnt – rasant. Innerhalb der nächsten 15 Jahre verdoppeln sie sich voraussichtlich auf rund 18 Milliarden Franken. Um die wachsende Summe zu bewältigen, taucht in regelmässigen Abständen immer wieder dieselbe Idee auf: eine Pflegeversicherung. Politisch gilt sie als nicht mehrheitsfähig. So ist unterdessen auch der unpopuläre Vorschlag, die Kosten zu dämpfen, kein Tabu mehr. Die Langzeitpflege kann pro Person und Monat bis zu 10 000 Franken kosten – je nach Ausstattung des Heims. Politiker fragen sich, ob diese Rechnung nicht zu üppig ausfällt. Kann nämlich der Patient die Kosten für die Hotellerie nicht aus der eigenen Tasche bezahlen, springt der Staat mit Ergänzungsleistungen ein. Auch diese sind in den letzten zehn Jahren stark angestiegen: von fast drei Milliarden 2005 auf 4,7 Milliarden Franken 2014. Aber das ist eine andere Baustelle.

Zurück zum Sparen: Weitgehend angewandt wird das Credo «ambulant vor stationär», weil mobile Pflegedienste weniger kosten als ein Heimaufenthalt. Diese Lösung stimmt jedoch längst nicht für alle Patienten. 2014 zählte das Bundesamt für Gesundheit (BAG) 148 751 Klienten in Pflegheimen, 122 243 in der Langzeitpflege. Doch der Sparbewegung stellt sich Zaugg entgegen. Sie sagt, dass «Pflegekosten hinten und vorne nicht kostendeckend sind». Ein Beispiel? «Wenn eine Pflegefachfrau eine halbe Stunde Auto fährt, um bei einer Patientin einen Verband zu wechseln, dann wird von der Krankenversicherung alleine die Pflegehandlung abgegolten, nicht die Autofahrt, nicht die Begrüssung.» Die Krankenkasse bezahlt zu wenig. Und damit wären wir beim Streit angelangt, wie die Pflegekosten aufgeteilt werden sollen.

Kosten überlasten die Gemeinden: Sie ziehen die Reissleine

2011 trat die neue Pflegefinanzierung in Kraft. Mit der Revision sollten Krankenkassen und Patienten entlastet werden. Die Hotellerie muss, wie gesagt, der Gast finanzieren. Die Kassen bezahlen je nach Bedarf bis 108 Franken pro Tag an die medizinische Pflege. Heimbewohner müssen für 20 Prozent des Kassenbeitrags aufkommen, also höchstens Fr. 21.60 pro Tag. Reicht das nicht – wie im Beispiel von Zaugg –, zahlen Kantone und Gemeinden den Rest. Weil jeder Kanton die Finanzierung selbst organisiert, zahlen die Gemeinden mal mehr (alle Kosten), mal weniger (die Hälfte bis gar nichts). Nur der Kassenbeitrag ist fix, also muss die öffentliche Hand die steigenden Kosten (Löhne, Teuerung) berappen.

SVP-Ständerat Hannes Germann ist Präsident des Gemeindeverbands. Er sagt: «Wir sind vom Restfinanzierer zum Hauptfinanzierer aufgestiegen.» Alle Wachstumstreiber in der Pflege würden auf die Gemeinden abgewälzt. Deshalb hat er gestern eine Resolution eingereicht: Zusammen mit den Städten fordert er ein Mitspracherecht, welches das BAG bis jetzt verweigert habe. Dieses prüft derzeit, ob die Krankenkassen bald mehr bezahlen müssen. Der Druck steigt, die Forderung wird zunehmend mehrheitsfähig. Auszuschliessen ist auch nicht, dass bald Patienten wieder verstärkt zur Kasse gebeten werden.