Graubünden/Tessin
Das Nationalparkprojekt Parc Adula ist gefährdet

Forderungen aus Berner Bundesämtern nach mehr Restriktionen kommen bei der Projektleitung des Parc Adula schlecht an. Denn mühsam erarbeitete Kompromisse würden obsolet.

Gerhard Lob
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Der Parc Adula hat eigentlich die besten Chancen, zum ersten Schweizer Nationalpark der neuen Generation zu werden. Doch nun sind die Verantwortlichen des auf die Kantone Graubünden und Tessin verteilten Nationalparkprojekts in höchster Sorge: Grund sind Stellungnahmen aus Bundesbern zur Charta des künftigen Nationalparks, namentlich vom Bundesamt für Umwelt (Bafu) und vom Bundesamt für Raumplanung (Are). Anwalt Fabrizio Keller aus Grono, Präsident des Leitungsausschusses im Verein Parc Adula, spricht sogar von einer konkreten Gefährdung des Gesamtprojekts.

Es geht um Stellungnahmen, die rund drei Monate nach Fristende des offiziellen Vernehmlassungsverfahrens zur Park-Charta vom 1. Februar eingetroffen sind. Schon diese Verspätung sorgte für Unmut. Wesentlich gravierender ist aber die inhaltliche Stossrichtung, welche laut Promotoren einen mühsam gefundenen Kompromiss zwischen den verschiedenen Nutzer- und Anspruchsgruppen, von Jägern über Landwirte und Forstwirte bis zu Alpinisten und Bürgergemeinden, infrage stellt.

Binz: «An der Realität vorbei»

«In den Stellungnahmen werden Ideen vertreten, die nicht mit den Grundgedanken des als «Bottom-up» (von unten nach oben) definierten und während über 15 Jahren erarbeiteten Projekts übereinstimmen», heisst es in einer am Auffahrts-Abend versandten Medienmitteilung des Vereins Parc Adula. Dieses Prinzip werde ausgehöhlt. «Plötzlich wird in Bern die reine Lehre verkündet», ärgert sich Peter Binz, Präsident der Gemeinde Medel/
Lucmagn, der für die Region Surselva im Leitungsausschuss sitzt.

Konkret kritisierte Binz unter anderem eine zu restriktive Haltung in Bezug auf die Kernzonen: «Wenn etwa das Kristallsuchen absolut verboten ist, geht das an der Realität und den Traditionen vorbei.» In vielen heiklen Punkten habe man mit den interessierten Gruppen einen ausgewogenen Kompromiss gefunden.

Ein konkretes Problem gibt es auch mit dem Schiessplatz Hinterrhein, dessen Terrain aus strategischen, militärischen Gründen in keiner Weise mehr Teil der künftigen Kernzone des Parks sein soll. «Wenn aber die Kernzone verkleinert wird, erreichen wir bestimmte strategische Ziele in Bezug auf den Anteil von Weiden und Wald nicht», sagt Martin Hilfiker, Direktor des Parc Adula.

15 Jahre Arbeit auf dem Spiel

Ein sehr wichtiger Punkt betrifft auch die Umgebungszone, die sich dank einem Nationalpark-Label wirtschaftlich entwickeln soll. Auf planerische Vorgaben sollte verzichtet werden. Und so hat man der Bevölkerung den Nationalpark auch schmackhaft gemacht. «Nun werden aber doch raumplanerische Einschränkungen für die Umgebungszone gefordert», so Hilfiker, der nicht verstehen kann, wie es in Bern zu diesem Meinungswandel kam.

Die Situation ist delikat. Denn bis Ende Jahr soll die Charta, eine Art Managementplan für die 10-jährige Betriebsphase des Parks, den 17 beteiligten Gemeinden zur Abstimmung unterbreitet werden. Zurzeit arbeitet man an der definitiven Version der Charta. Erst nach der Annahme der Charta durch die Bevölkerung verleiht der Bund das Nationalpark-Label. Nun aber droht ein Worst-Case-Szenario. «Wenn die Bundesämter auf ihren Standpunkten beharren, könnte das Label trotz eines positiven Volksentscheids verweigert werden», so Hilfiker. 15 Jahre Arbeit und Investitionen von 10 Millionen Franken stünden auf dem Spiel.

Bundesamt äussert sich nicht

Das Bundesamt für Umwelt (Bafu) zeigt sich bedeckt und will sich zu den strittigen Punkten nicht äussern. Die fraglichen Stellungnahmen könne man nicht veröffentlichen, heisst es auf Anfrage, da es sich um ein internes Dokument zur Vorprüfung der Charta handle. Beim Parc Adula gibt man sich aber so leicht nicht geschlagen. In einem bereits abgesandten Brief an Bundesrätin Doris Leuthard wird «grösste Besorgnis» geäussert. Und möglichst bald möchte man die Chefin des Departements für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation (Uvek) zu einem persönlichen Gespräch treffen.