Zuger Kantonsrat Rupan Sivaganesan
«Das lässt Hass zurück»

Nach der Niederlage der Befreiungstiger von Tamil Eelam (LTTE) in Sri Lanka glaubt der Zuger Kantonsrat Rupan Sivaganesan nicht, dass es in der Schweiz Spannungen unter Tamilen geben wird. Er rechnet aber damit, dass die LTTE weniger Geld erhalten werden.

Drucken
Teilen
20_tamilen_fhe.jpg

20_tamilen_fhe.jpg

Keystone

Hans-Peter Wäfler

Herr Sivaganesan, Sri Lankas Regierung hat verkündet, dass die Tamilen-Rebellen geschlagen sind. Was bedeutet das für Sie?

Sivaganesan: Momentan bin ich sehr besorgt. Den militärischen Kampf hat die Regierung zwar gewonnen, aber wie es politisch weitergeht, ist ungewiss.

Haben Sie Angst um die tamilische Bevölkerung in Sri Lanka?

Im dreissigjährigen Bürgerkrieg sind so viele Menschen gestorben! Soldaten, tamilische Rebellen, Zivilisten. Das lässt Hass zurück, der wieder in Gewalt münden kann - falls keine politischen Lösungen gefunden werden, die garantieren, dass Minderheiten in Sri Lanka in Zukunft geachtet werden.

Wie gehen die Tamilen in der Schweiz mit der Situation um?

Viele sind sehr enttäuscht. Das zeigt sich an den Demonstrationen, die in diesen Tagen stattfinden - auf dem Bundesplatz in Bern oder vor der UNO in Genf.

Dabei sind viele Flaggen der Tamilen-Rebellen LTTE zu sehen. Haben Berichte, wonach die Rebellen in Sri Lanka auch Zivilisten als Schutzschilde missbrauchten, nicht Skepsis gegenüber den Rebellen-Tigern hervorgerufen?

Solche Berichte über menschliche Schutzschilde gab es. Aber es gab auch Berichte, dass Regierungstruppen Gebiete bombardierten, für die sie zuvor eine Waffenruhe erklärt hatte. Beide Seiten betrieben Propaganda, Informationen waren schwierig einzuordnen.

Welche Rolle spielt die Schweiz für die LTTE, um weiterhin an Geld zu kommen?

Persönlich bezweifle ich, dass Tamilen in der Schweiz noch im gleichen Ausmass wie früher Geld an die LTTE überweisen werden. Das wird weniger werden. Vor allem, weil LTTE-Führer Prabhakaran tot ist. Tamilen in der Diaspora werden wohl zunehmend keinen Sinn mehr darin sehen, den LTTE Geld zu geben.

Die LTTE erpressen auch Geld?

Es gibt einen sozialen Druck. Neben der LTTE gibt es in Sri Lanka aber etwa sechs weitere Gruppen, die bewaffnet sind. Und auch diese Gruppen sammeln Geld in der Schweiz.

Sehen Sie die Gefahr, dass nun Spannungen zwischen diesen Gruppen und damit zwischen Tamilen in der Schweiz zunehmen?

Nein. Früher gab es Spannungen, ja. Aber in den vergangenen Monaten ist etwas anderes passiert: Unter dem Eindruck der Eskalation des Bürgerkrieges in Sri Lanka entstand eine Solidarität unter Tamilen in der Schweiz. Aktionen wie die Demonstrationen oder Aufrufe zum Blutspenden wurden nicht von den LTTE dominiert, sondern von verschiedenen Gruppen organisiert.

Sie selber sind 1996 in die Schweiz gekommen, als sie 16 waren. Welche Bedeutung hat der Konflikt in Sri Lanka für junge Tamilen hier in der Schweiz?

Er bewegt gerade junge Tamilen der zweiten Generation hier sehr stark. Das sieht man an den Demonstrationen, an denen viele junge Tamilen teilnehmen. Aber sie sollten auch eine gewisse Nachhaltigkeit und politische Lösungen suchen. Schliesslich leben wir hier im Wohlstand, während die Menschen in Sri Lanka auch materiell leiden. Deshalb braucht es politisch nachhaltige Lösungen. Diese Ansicht fehlt bei den tamilischen Jugendlichen hier.

Warum ist das so?

Tamilen sind in der Schweiz nach wie vor schlecht integriert, das zeigen verschiedene Studien. Das hängt auch damit zusammen, dass Tamilen hier hauptsächlich in der Gastronomie und im Reinigungsbereich arbeiten. Die erste Generation von Flüchtlingen aus Sri Lanka blieb stets stark auf ihr Heimatland Sri Lanka fokussiert, statt sich um ihre Zukunft in der Schweiz zu kümmern. Diese Haltung gab sie der zweiten Generation mit. Und deswegen sorgen sich heute gerade junge Tamilen in der Schweiz nur um die Lage in Sri Lanka. Es wäre aber wichtig, dass die Tamilen sich hauptsächlich um die Integration in der Schweiz kümmern.

Was kann die Schweiz tun?

Die internationale Staatengemeinschaft und die Schweiz sollten Investitionen und Gelder für Sri Lanka von der Auflage eines wirklich demokratischen Prozesses und der Gleichberechtigung aller Minderheiten abhängig machen.

Diaspora mit «Sogwirkung»

In der Schweiz nahmen in den vergangenen Monaten die Asylgesuche aus Sri Lanka zu. Der Bestand der ausländischen Wohnbevölkerung aus Sri Lanka lag Ende 2008 bei 27721 Personen. Die relativ grosse tamilische Diaspora könne eine gewisse «Sogwirkung» haben auf Flüchtlinge aus Sri Lanka, sagt Jürg Bühler, interimistischer Leiter des Dienstes für Analyse und Prävention (DAP) beim Bund. Insbesondere
müsse jetzt frühzeitig erkannt werden, wenn Kader der Tamilen-Rebellen LTTE Sri Lanka verlassen würden, so Bühler: «Achten müssen wir darauf, dass die LTTE in der Schweiz keine neuen Strukturen aufbauen.» Wie es im gestern veröffentlichten Bericht zur Inneren Sicherheit 2008 heisst, setzte die Situation der LTTE auf Sri Lanka die hiesige tamilische Gemeinschaft im letzten Jahr zunehmendem Druck des LTTE-Ablegers in der Schweiz aus. Die Zahl der Propagandaveranstaltungen habe zugenommen. Mit solchen Veranstaltungen seien auch Aufforderungen verbunden, den LTTE Geld zukommen zu lassen, heisst es im Bericht weiter. (WAF)

Zur Person Der 28-jährige Tamile Rupan Sivaganesan ist Kantons- und Gemeinderat der Alternativen in Zug. Er kam mit seiner Familie 1996 aus Sri Lanka in die Schweiz. Bei einer Nichtregierungsorganisation setzt er sich für Beschäftigungsprogramme für Sozialhilfebezüger, Arbeitslose und Flüchtlinge ein. (MZ)

Zur Person Der 28-jährige Tamile Rupan Sivaganesan ist Kantons- und Gemeinderat der Alternativen in Zug. Er kam mit seiner Familie 1996 aus Sri Lanka in die Schweiz. Bei einer Nichtregierungsorganisation setzt er sich für Beschäftigungsprogramme für Sozialhilfebezüger, Arbeitslose und Flüchtlinge ein. (MZ)

Aargauer Zeitung