Eine Szenerie der Empörung legt sich wie ein Schatten über diesen wolkenlosen Morgen, in Bern, auf dem Monbijou-Spielplatz. Viele Mütter und einige der wenigen anwesenden Väter empören sich, tuscheln hinter vorgehaltener Hand. Inkriminiert wird nicht etwa ein Kinderkonflikt, sondern ein Gegenstand: 56 Gramm Polyester in reinstem Schwarz. Ein Kopftuch, getragen von zwei Mädchen im Kleinkind- und Spielgruppenalter.

Sorgte für Unmut auf dem Spielplatz: Kleine Mädchen mit Kopftuch.

Sorgte für Unmut auf dem Spielplatz: Kleine Mädchen mit Kopftuch.

Schon das Kopftuch an und für sich ruft archaische Bilder hervor, Bilder von Fundamentalismus, Gewalt, Unterdrückung. Sitzt es auf dem Kopf eines Kindes, der personifizierten Unschuld sozusagen, schreit es, so denken viele der Anwesenden, nach einem Rückfall ins Mittelalter, besser: vorislamischer Zeit. Warum das so ist, weiss Saida Keller-Messahli, die Präsidentin Forum «Für einen fortschrittlichen Islam». Sie sagt: «Das Befremdende am heutigen, sogenannt islamischen Kopftuch, ist dass es politisch aufgeladen ist und deshalb oft als abgrenzendes Zeichen wahrgenommen wird, von der Trägerin selber und von der Umgebung. Mit dem Aufkommen des politischen Islams ist es leider zu einem Manifest geworden und hat somit seine Unschuld verloren.»

Der Koran ist «das einzig Verbindliche am Islam» (Keller-Messahli). Auf ihn berufen sich Islamisten, wenn es um Bekleidungsvorschriften geht. Allerdings geben nur zwei der 114 Kapitel des Korans Hinweise auf die Bekleidung der muslimische Frau als religiöse Pflicht (konkret heissen sie «Frauen der Gläubigen»), aber keine verwendet das Wort «Kopftuch». Eine einzige Stelle spricht von der Bedeckung der Brust der Frau.

Ursprünglich ein Unterscheidungsmerkmal der Frauen

Allerdings gibt es eine Hadithe, das sind die überlieferten Worte des Prophet Mohammed, die besagt, dass über Haupthaar und Busen ein Ganzkörpergewand gezogen wurde, um die weiblichen Reize zu verhüllen, was historisch lange nur den ehrbaren Frauen vorbehalten gewesen wäre - Strenggläubige machen jeweils geltend, dass das Tragen des Kopftuchs damit eine Art Gleichberechtigungsprozess in Gang gebracht hätte, nämlich keinen Unterschied mehr zwischen ehrbaren und weniger ehrbaren Frauen mehr zu machen.

Moderne Muslime allerdings zweifeln die Hadithe (=überliefertes, gesprochenes Wort) als verlässliche Quellen an. Saidda Keller-Messahli, die urspünglich aus Tunseien stammt, erklärt: «Die Hadithe  sind historisch nicht verlässlich, denn sie wurden über lange Zeit gesammelt und sind grösstenteils frei erfunden worden. Dennoch haben Gelehrte im Verlauf der Zeit versucht, die "wahren" von den "unwahren" zu trennen und zu sammeln. Das Kopftuch ist ein vorislamisches Brauch, der auf die Antike zurückgeht und später von den drei monotheistischen Religionen übernommen wurde.»

Im praktizierenden Islam wird das Tragen des Kopftuchs bei beginnender Geschlechtsreife empfohlen, also beim Eintreten der ersten Menstruation. «Die Erfahrung hat aber gezeigt, dass das nicht immer einfach umzusetzen ist», erklärt Qaasim Illi, Presseverantwortlicher des eher als rechts einzustufenden Islamistischen Zentralrates (IZRS) und Vater dreier Töchter. «Wenn Mädchen erst in der Pubertät das Kopftuch tragen müssen, schämen sie sich oft, weil ihre Frauwerdung nun öffentlich ersichtlich ist.»

Ein Erziehungsprogramm?

Laut Qaasim hat es sich als viel praktikabler herausgestellt, die Mädchen früher an das Thema heranzuführen - ohne ideologischen Druck, wie er betont. «Sie sehen die Mutter zuhause beim Beten oder draussen ein Kopftuch tragen, wie es in vielen religiösen Familien üblich ist. Da die Mutter als Rollenvorbild dient, wollen die Mädchen das auch.» Es sei dasselbe wie Mädchen, deren Mütter Miniröcke trügen oder sich die Nägel lackierten: Mädchen ahmen die Mama nach, sagt Illi. Und Islamkritiker denken womöglich: Erziehungsprogramm. Religiöse Programmierung.

«Natürlich kann das Kind früh, bevor es eine eigene Persönlichkeit entwickelt hat, beeinflusst werden, auch was seine zukünftige gesellschaftliche Rolle betrifft. Deshalb ist es auch einfacher, das Kind möglichst früh ideologisch oder religiös zu prägen», findet Saida Keller-Messahli. Eine andere Sichtweise hat die Islamwissenschaftlerin Rifa‘at Lenzin, Co-Leiterin des Zürcher Lehrhauses. Religiöse Vorschriften seien von der Tradition zu unterscheiden. Somalierinnen beispielsweise trügen traditionell schon als sehr kleine Mädchen ein Kopftuch, als Angewöhnung auf die Frauenrolle. In Balkanländern oder der Türkei sei das sehr selten der Fall. «Warum jemand ein Kopftuch trägt, ist von aussen sehr schwer zu beurteilen», so Lenzin. «Das Kopftuch aber ist zu einer Art Label für Muslime geworden.» In allen streng religiösen Kreisen, ob nun christlich-evangelikal oder jüdisch, gebe es solche Insignien. «Kinder wachsen in einem ganz bestimmten Milieu und elterlichen Ambitionen auf. Eine religiöse Prägung jedweder Natur kann durchaus daraus resultieren. Von aussen beurteilen zu wollen, warum eine Frau ein Kopftuch trägt, finde ich heikel, um nicht zu sagen anmassend.»

Selbstbestimmung versus Porgrammierung?

Muslimische Frauen sind, wenn sie Kopftuch tragen, von weitem erkennbar. Mit diesem Anblick tun sich viele Europäer schwer. Sie empfinden ihn als fremdartig, aussereuropäisch, identitätsfremd. «Das Kopftuch ist zu einem starken, negativ aufgeladenes Symbol», erläutert Lenzin. «Die Flagge des Islamismus», nennt es Alice Schwarzer polemisch. Kopftuchtragenden Frauen die Modernität abzusprechen oder das Kopftuch auf ein politisches Symbol zu reduzieren, sei, so Lenzin, «schlicht absurd». Sie selbst kennt keine einzige Frau, die ihr Kopftuch aus politischen Gründen trägt.

Anders Saida Keller-Messahli. Sie ordnet die Kopftuch-Debatte in einem Meta-Zusammenhang und sieht das festhalten daran als Manifest männlicher (islamischer) Unterdrückung: «Fundamentalisten jeder Religion haben die Kontrolle des Frauenkörpers und damit ihrer Sexualität im Visier. Alle haben seit jeher versucht, die Frau möglichst früh unter Kontrolle zu bringen, um sie nicht zu einem selbstbestimmten Menschen werden zu lassen.» Sie fordert das Recht auf Selbstbestimmung - auch bei Kindern: «Es ist nicht falsch, seine Werte seinem Kind weiterzugeben, solange dem Kind die Möglichkeit gelassen wird, sich später ein eigenes Urteil zu bilden und sich in aller Freiheit für das eine oder andere entscheiden zu können. Das Ziel der Erziehung sollte die Entscheidungsfähigkeit in aller Freiheit sein.»

Lenzin widerspricht: «Von Selbstbestimmung kleiner Kinder halte ich nicht viel. Oder glauben sie, ein kleiner jüdisch-orthodoxer Junge trage seine Löckchen aus eigenem Antrieb? Er trägt sie, weil es in seiner Familie so üblich ist, weil es deren Tradition und Religionsverständnis entspricht. Kinder wachsen nicht im Reagenzglas auf, sondern sind eingebettet in ein familiäres und soziales Umfeld. Der Wunsch der Eltern, Kindern gemäss den eigenen Wertvorstellung und Traditionen zu erziehen, ist legitim. Und schliesslich gilt: Auch eine atheistische Prägung ist eine Prägung.»

Der Kampf um Klischees

Ein Kopftuch ist also nicht immer ein Kopftuch, auch wenn es für manche seine Trägerinnen unzweifelhaft zu Menschen zweiter Klasse macht. Aus westlicher Sicht ist es ein politisches Symbol, das den Frauen Unreinheit und Fremdbestimmtheit unterstellt und zum Gesamtkonzept der Neutralisierung weiblicher Reize gehört. Vielleicht ein Grund, warum es fast immer ist der Auslöser für eine Stellvertreterschlacht in einem Kulturkampf zwischen Islamkritikern und Islamkritiker-Kritikern ist, und auch ein Kampf um Klischees. Dass es die Selbstbestimmung des Kindes, oder später der Frau, beschneiden möge, dieser Gedanke ist dem einen oder anderen sicherlich nicht fremd. Die Realität ist jedoch weitaus komplexer.

Alle zu diesem Thema durchgeführten soziologische Studien ergaben ein einheitliches Bild: Religiöse Frauen wollen nicht zwischen der Moderne und ihrem Glauben unterscheiden, und entscheiden selbst, wann und wie sie das Kopftuch tragen - ob aus Anpassung oder Abgrenzung. «In der ausgeprägten individualisierten Gesellschaft, in der wir leben, gibt es viele Möglichkeiten, seine Zugehörigkeit zu einer Gruppe zu demonstrieren», erklärt Lenzin. «Letztlich tun Punks oder Emos nicht anderes.»

Auch innerhalb der gläubigen Muslime scheiden sich de Geister ob der semantischen Auslegung des Bedeckens der (weiblichen) Körperstelle. So konstatiert Qasim Amin, ein ägyptischer Intellektueller schon 1897 , dass das tragen eines Hjabs (Schleier) «erstaunlich» sei. «Warum befehligt man keinen Schleier oder Kopftuch für die Männer, wenn sie sich schon so sehr fürchten, Frauen möglicherweise verführen zu können? Ist der männliche Wille etwa weniger wichtig als der weibliche?»

Der Schweiz übrigens wirft Amnesty vor, mit einer Verfassungsänderung 2010 internationale Verpflichtungen zu unterlaufen. Seit damals dürfen keine Minarette mehr in dem Alpenstaat gebaut werden. Politikern unternähmen zu wenig gegen Ressentiments «Anstatt gegen diese Vorurteile vorzugehen, machen politische Parteien und Amtsträger allzu oft Zugeständnisse an das Volk, weil es ihnen letztlich um Wählerstimmen geht. In vielen Ländern ist die Meinung weit verbreitet, dass der Islam schon ok ist und die Muslime auch - solange nichts davon zu sehen ist. Diese Haltung bringe am Ende Menschenrechtsverletzungen hervor.»