Leitartikel
Das kann nur ein Text

Eine Analyse der Vorzüge des geschriebenen Journalismus anhand eines konkreten Beispiels.

Gieri Cavelty (Leiter Mantelredaktion)
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«Die Nordwestschweiz» wird als Schriftzug in die Titel-Logos der einzelnen Regionaltitel integriert.

«Die Nordwestschweiz» wird als Schriftzug in die Titel-Logos der einzelnen Regionaltitel integriert.

Der «Tages-Anzeiger» beschränkte sich auf eine Kurzmeldung: «Der 44-jährige Michael Leupold, Direktor des Bundesamts für Justiz, wird neuer Kommandant der Aargauer Kantonspolizei», hiess es in der Ausgabe vom 30.November knapp und sachlich. «Leupold kehrt nach sieben Jahren in der Bundesverwaltung in seinen Wohnkanton zurück.» Die «Aargauer Zeitung» räumte für den neuen Polizeichef selbstverständlich die Frontseite frei und fokussierte sich zu Recht auf Leupolds (lupenreinen) Leumund. Immerhin war der Vorgänger unter unrühmlichen Umständen aus dem Amt geschieden, so etwas darf sich unter keinen Umständen wiederholen.

Eine alternative journalistische Herangehensweise hätte darin bestanden, Leupolds aktuellen Wirkungsbereich zu beleuchten. Immerhin sitzt der Direktor des Bundesamtes für Justiz an den Schalthebeln der Macht. Sämtliche Entwürfe von Gesetzen und Verordnungen aus allen Departementen werden von Leupolds Leuten zumindest geprüft - sofern sie von diesen nicht gleich von A bis Z selbst verfasst werden.

Gieri Cavelty, stv. Chefredaktor AZ-Redaktor Gieri Cavelty. (Susi Bodmer)

Gieri Cavelty, stv. Chefredaktor AZ-Redaktor Gieri Cavelty. (Susi Bodmer)

Aargauer Zeitung

Besonders deutlich aufzeigen lässt sich der Einfluss des Amtschefs am Beispiel der SVP-Ausschaffungsinitiative: Im Sommer 2008 waren Leupolds Experten zum Ergebnis gelangt, dass diese Vorlage das zwingende Völkerrecht verletze und darum für ungültig erklärt werden müsse. Der Amtsdirektor jedoch überzeugte die damalige Justizministerin Eveline Widmer-Schlumpf vom genauen Gegenteil. Und also wurde in der Parlamentsdebatte wiederholt darauf hingewiesen: Das Bundesamt für Justiz sei unzweifelhaft zum Schluss gekommen, die Initiative sei unbedenklich und zur Abstimmung zuzulassen. Alles Weitere ist bekannt: Die Stimmbürger haben das Begehren im November 2010 gutgeheissen; seither streitet man sich darüber, ob und wie es sich effektiv umsetzen lässt.

Den Hintergrund beleuchten

Warum räumt einer einen so wichtigen Posten? Michael Leupold selbst hat gegenüber der NZZ glaubhafte familiäre Gründe für seinen Wechsel in den Aargau angeführt. Wahr ist aber auch: Die Zusammenarbeit mit der jetzigen Justizministerin Simonetta Sommaruga gestaltet sich keineswegs konfliktfrei. Einige Monate nach Sommarugas Antritt war durchgesickert: Der rechtsliberale Leupold versuchte die linke Nicht-Juristin Sommaruga mit juristischen Argumenten zu bremsen. Insbesondere einigen Vorstössen der SP-Magistratin zur Besserstellung der Frau stand Leupold kritisch gegenüber. Doch just den Bereichen Gesellschaft, Frau und Familie möchte Sommaruga künftig noch mehr Beachtung schenken. So verlangt das Stelleninserat für die Leupold-Nachfolge, das heute Samstag publiziert wird, explizit eine Affinität für ebendiese Themen.
Ein möglicher Artikel über Leupolds Beweggründe für einen Berufswechsel hätte demnach wie folgt beginnen können: «Michael Leupold tritt als Direktor des Bundesamtes für Justiz zurück. Der vom damaligen Bundesrat Christoph Blocher zum Amtschef ernannte Jurist litt zusehends unter der sozialdemokratischen Agenda seiner Vorgesetzten Simonetta Sommaruga. Noch ärger steht es allerdings um Leupolds Verhältnis zu Sommarugas Generalsekretär Matthias Ramsauer. Dem Vernehmen nach sind sich die beiden an Sitzungen wiederholt richtiggehend in die Haare geraten.»
Fakten sind nicht nur Fakten

Auf dem Tagesticker der Schweizerischen Depeschenagentur SDA war die Sache mit Leupold eine von 98 Inland-Nachrichten. Die Zahl legt nahe, dass es an diesem 29.November 2012 grundsätzlich genügend Gründe gab, die Personalie lediglich kurz zu vermelden. Denn Hand aufs Herz: Wen interessiert schon irgendein Sesselwechsel in der Bundesverwaltung? Eine solche Personalie wird erst spannend, wenn sie als eine mit weiteren Fakten unterlegte Geschichte aufbereitet wird - als Aargauer Polizeichef-Story etwa oder mit dem (an dieser Stelle übrigens erstmals publizierten) Hinweis auf Leupolds Rolle bei der Ausschaffungsinitiative.

Dazu aber braucht es Journalisten, die in einem Communiqué die Story erkennen. Journalisten, die recherchieren und sich über die Jahre einen Rucksack erschrieben haben. Hinzu kommt die Textarbeit: Sorgfalt bei Sprache und Aufbau bilden die entscheidenden Argumente für den geschriebenen Journalismus im Wettbewerb mit den bewegten Medien. Die Bedeutung des Internets mit einer unüberschaubaren Zahl an kostenlosen Informationen macht die Notwendigkeit solcher Kompetenzen nur noch viel grösser. Der Journalist muss die News sichten, gewichten und allenfalls zu einer Print- und/oder Online-Story richtiggehend veredeln.

Ebenfalls gefordert ist der Leser: Er muss die journalistischen Leistungen im Heuhaufen nackter Neuigkeiten erkennen und nötigenfalls honorieren. Diesem interessierten Leser ist dann wohl sogar die Wahrheit zuzumuten, dass es oftmals mehr als eben nur eine Wahrheit gibt und dass die eine oder andere Geschichte auch ganz anders erzählt werden kann. - Wie sich auch der Wechsel von Michael Leupold in den Aargau auf verschiedene Arten erzählen lässt. Neben familiären Motiven und dem Verhältnis zur Bundesrätin gibt es übrigens diese Version, vorgetragen von einem seiner Mitarbeiter: «Leupolds Vorgänger amteten nebenbei als Universitätsdozenten. Leupold dagegen ist die Polizistenrolle auf den Leib geschnitten. Er hat einen militärisch-schneidigen Auftritt, und wie jeder gute Polizist misstraut er prinzipiell seiner Umwelt.»