Ursula Wyss

Das jähe Ende einer steilen Polit-Karriere

Eine Politikerin, die nicht nur in Bern polarisierte: Ursula Wyss in ihrem Büro.Alex Spichale

Eine Politikerin, die nicht nur in Bern polarisierte: Ursula Wyss in ihrem Büro.Alex Spichale

Sie war die erste Jungsozialistin und jüngste Fraktionschefin im Bundeshaus. Nun hat die Berner SP-Politikerin genug.

Die Ankündigung kommt früh und unerwartet. Die Berner SP-Stadträtin Ursula Wyss tritt in zwei Jahren nicht mehr zu den Wahlen an. Ganz nebenbei erwähnte sie ihren Rücktritt in einem Interview mit der «Berner Zeitung». Sie sei in einem perfekten Alter, um auf etwas Neues zu setzen, sagt die 45-Jährige. Was das ist, lässt sie noch offen. Ein politisches Comeback schliesst sie aber aus. Acht Jahre in einem Exekutivamt seien genug. Und nicht zuletzt habe sie nach der Erfahrung des letzten Wahlkampfs keine Lust mehr auf einen weiteren.

Doch dazu später. Wyss’ Karriere begann früh und verlief steil. Mit gerade einmal 24 Jahren wurde sie zur jüngsten Grossrätin im Kanton Bern gewählt. Nur zwei Jahre später schaffte sie, als erste Jungsozialistin überhaupt, den Sprung in den Nationalrat. 2006 wurde sie mit 33 Jahren jüngste Fraktionschefin im Bundeshaus. Die promovierte Ökonomin galt als gut vernetzt und einflussreich. Bei der Abwahl von Christoph Blocher aus dem Bundesrat hatte sie die Hände im Spiel.

2012 wurde Wyss mit dem besten Resultat aller Kandidaten in die Berner Stadtregierung gewählt. Als Verkehrsdirektorin will Wyss Bern zur Velo-Hauptstadt der Schweiz machen. Wyss gilt als dossiersicher und fleissig. Den Spagat zwischen Beruf und Familie (ihr jüngerer Sohn war bei Amtsantritt erst eineinhalbjährig) meisterte sie scheinbar problemlos.

Zäsur Stapi-Wahl

Als Krönung der Karriere stand nur noch die Wahl zur ersten Stadtpräsidentin Berns bevor. Denn der damalige Berner Stapi Alexander Tschäppät (SP) hatte Ursula Wyss bereits vor ihrer Wahl in die Stadtexekutive als seine Nachfolgerin angekündigt. Damit erwies er ihr einen Bärendienst.

Dass die in der Stadt Bern dominante SP die Thronfolge unter sich bereits abgesprochen hatte, kam im Rot-Grün-Mitte-Bündnis gar nicht gut an. Auf viele wirkte die Ankündigung überheblich. Wyss wehrte sich vergebens gegen die Rolle als Kronfavoritin.

Ursula Wyss trat 2016 tatsächlich zur Stapi-Nachfolge an, ebenso zwei Kandidaten der Bündnispartner. Der Wahlkampf verlief gehässig, Gerüchte und Indiskretionen machten die Runde. Ihre Zielstrebigkeit wurde Ursula Wyss zum Negativen ausgelegt. Als machthungrig, überehrgeizig und zu distanziert wurde sie kritisiert. Es kam zum Rosenkrieg, fast zum Zerwürfnis. Der Grüne Alt-Nationalrat Alec von Graffenried machte schliesslich das Rennen. Die SP als mit Abstand grösste Partei hatte das Nachsehen. Wyss musste die grösste Niederlage ihrer Karriere einstecken.

Nach der verpassten Wahl reagierte Wyss souverän und gelassen. Sie werde eng mit von Graffenried zusammenarbeiten, kündigte sie an. Doch die Anschuldigungen im Wahlkampf gingen nicht spurlos an ihr vorbei, wie sie mehrmals betonte.

Einen solch harten Wahlkampf wünsche sie niemandem und auch sich selber nicht noch einmal, sagt sie gegenüber dieser Zeitung. Ausschlaggebend für ihren Entschluss zum Rücktritt sei die Erfahrung am Ende aber nicht, relativiert sie. Sie habe einen positiven Entscheid gefällt und wolle ihre Amtszeit «mit vollem Elan» zu Ende führen.

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