Testergebnisse

«Das ist ungenügend»: Der Schweizer Finanzplatz ist noch immer auf Erdöl und Kohle fixiert

Der Schweizer Finanzplatz - hier UBS und Credit Suisse am Zürcher Paradeplatz - investiert nach wie vor in den Ausbau von Kohleabbau und Erdölförderung.

Der Schweizer Finanzplatz - hier UBS und Credit Suisse am Zürcher Paradeplatz - investiert nach wie vor in den Ausbau von Kohleabbau und Erdölförderung.

179 Finanzinstitute liessen ihre Anlagen vom Bundesamt für Umwelt auf Klimaverträglichkeit testen. Darunter die beiden Grossbanken CS und UBS. Der Befund: 80 Prozent investieren nach wie vor in Kohle.

Schon vor drei Jahren fanden Pilottests zur Klimaverträglichkeit von Versicherungen und Pensionskassen statt. Sie zeigten: Die Investitionen unterstützen im Schnitt ein Erwärmungsziel von 4 bis 6 Grad. Das Klimaziel von Paris will die Erwärmung aber unter 2 Grad halten.

Heute zeigt ein zweiter Test: Die Fortschritte sind bescheiden. 80 Prozent der Teilnehmer investieren noch immer in Kohle. Die Institute setzen viermal mehr Mittel ein für Firmen, die Strom aus fossilen Quellen erzeugen als in Produzenten erneuerbarer Energien.

Finanzmarkt forciert nach wie vor Erdölförderung und Kohleabbau

Und die Teilnehmer investieren nach wie vor in zusätzliche Kapazitäten des Kohlebaus, die Pensionskassen sogar in zusätzliche Kapazitäten von Kohlekraftwerken generell. Insgesamt forciert der Schweizer Finanzmarkt damit noch immer den Ausbau von Erdölförderung und Kohleabbau.

Das zeigt die Auswertung des Klimaverträglichkeitstests, den das Bundesamt für Umwelt (Bafu) und das Staatssekretariat für Wirtschaft (SIF) nach der Pacta-Methode durchgeführt haben. Das ist eine standardisierte Analyse für globale Aktien, Unternehmensanleihen und Kreditportfolios.

1,15 Millionen Wohngebäude wurden untersucht

179 Finanzinstitute nahmen teil, erstmals auch Banken und Vermögensverwalter. Darunter die beiden Grossbanken Credit Suisse und UBS, wie beide bestätigen. Der Test deckt 230'000 reale Vermögenswerte oder 80 Prozent der Investitionen des Finanzmarktes ab. Er untersucht auch 23'000 Gebäude von institutionellen Investoren und 1,15 Millionen Wohngebäude via Hypothekenportfolios.

«Der Pacta 2020 Test zeigt erste Schritte einzelner Finanzinstitute in eine klimaverträgliche Richtung. Eine klimaverträgliche Ausrichtung ist also möglich», sagt Bafu-Direktorin Katrin Schneeberger. «Nach wie vor investieren die Finanzinstitute aber zu viel in fossile Energien und fördern sogar noch deren weiteren Ausbau. Das läuft den Klimazielen zuwider und ist ungenügend, wenn der Schweizer Finanzplatz eine führende Rolle in nachhaltigen Investitionen einnehmen soll.»

Der Schweizer Finanzsektor sei noch nicht auf die Ziele des Übereinkommens von Paris ausgerichtet, bilanziert der Gesamtbericht. Betrachte man acht zentrale und klimarelevante Sektoren, schneide kein einziges Finanzinstitut in mehr als der Hälfte dieser Sektoren klimaverträglich ab. Gemeint sind Öl- und Gasförderung, Kohleabbau und Produktion von Strom, Autos, Schiffen, Flugzeugen, Stahl und Zement.

Es gibt aber Lichtblicke

Das zeigt: Der Schweizer Finanzplatz hat noch einen weiten Weg vor sich, will er führend werden für nachhaltige Finanzdienstleistungen, wie dies der Bundesrat in einem Bericht vom Juni fordert. Dennoch gibt es Lichtblicke:

  • Pacta-Test: Dass die Schweiz überhaupt testet, ist ein gutes Zeichen. «Die Schweiz ist international Vorreiterin, weil mit dem Pacta-2020-Test erstmals der gesamte Finanzplatz mit derselben Methodik auf Klimaverträglichkeit getestet werden konnte», sagt Bafu-Direktorin Schneeberger. Der Test ist aus einer gemeinsamen Initiative der Schweiz mit den Niederlanden entstanden. Schneeberger: «Weitere Länder werden nun denselben Test durchführen.»
  • Gebäudebereich: Hier besteht ein grosses Potenzial, Emissionen direkt zu vermindern. Institutionellen Investoren kommt dabei eine besonders grosse Bedeutung zu. Die Pensionskassen etwa planen, bis 2030 30 Prozent ihrer Gebäude von Öl- und Gasheizungen auf erneuerbare Energieträger umzurüsten.
  • Klimastrategien: Zwei Drittel aller Institute verfolgen inzwischen eine eigene Klimastrategie. Das ist an sich erfreulich. Doch bei der Umsetzung hapert es. Mehr als die Hälfte der Institute, die in ihren Investitions-Strategien Kohle ausschliessen, halten trotzdem noch Kohlen-Aktien. Zudem greifen nur fünf Prozent der Institute die Klimaziele ihrer Kunden aktiv auf.
  • Test als Treiber: Die Hälfte der Teilnehmer des Pilottests von 2017 haben inzwischen Klimamassnahmen ergriffen. Sie schneiden im Schnitt klimafreundlicher ab als die Konkurrenz.
  • Gute Beispiele: 15 Finanzinstitute haben Portfolios eingereicht, die zu mehr als 25 Prozent auf erneuerbare Energien ausgerichtet sind. Da die Resultate anonymisiert sind, ist aber nicht bekannt, wer zu diesen guten Beispielen gehört.

Für Bafu-Direktorin Schneeberger ist dennoch klar, dass etwas geschehen muss. «Transparenz und Vergleichbarkeit innerhalb der Finanzbranche hilft den Finanzinstituten dabei, ihre Investitionen klimafreundlicher auszurichten», sagt sie. «Nun müssen mehr konkrete Massnahmen folgen. Noch wird zu viel in fossile Energien investiert.»

WWF ist «schockiert», der Klimastreik «alarmiert»

Der WWF zeigt sich «schockiert» über die Klimaverträglichkeitstests, die Bewegung Klimastreik ist «alarmiert». Und Greenpeace schreibt, wer wirtschafte wie bisher, begehe «ein Verbrechen an unseren Nachfahren».

Greenpeace fordert gesetzliche Hebel und der Klimastreik will Regulierungen. «Es ist an der Zeit, dass das Parlament, die eidgenössische Finanzmarktaufsicht und die Nationalbank klare Massnahmen zur Verbesserung der Klimaverträglichkeit beschliessen», sagt Klimaaktivistin Maya Tharian.

Als Vorbild bezeichnet der Klimastreik die EU: Sie lege mit der Taxonomy Regulation detailliert fest, welche klimarelevanten Bedingungen Finanzinstitute erfüllen müssen.

Ein Banken-Ranking ab dem 1. Dezember

Vor allem aber fordert der Klimastreik Transparenz. Die Bafu-Tests geben keinen Aufschluss über einzelne Finanzinstitute. Der Klimastreik selbst wird aber am 1. Dezember ein Ranking publizieren. Dafür hat er einen Fragebogen an 100 Finanzinstitute gesandt – und diese in eine «Abschlussprüfung» geschickt.

Das Bafu selbst macht nun zunächst einen Workshop mit den Instituten, die am Test teilgenommen haben. Diese können zudem über einen interaktiven Leitfaden die Wirkung verschiedener klimafreundlichen Massnahmen auf ihr Portfolio begutachten. 2022 folgt dann eine dritte Testrunde.

Die Banken, Versicherungen und Pensionskassen selbst haben ihre individuellen Testergebnisse noch nicht bekommen. «Wir nehmen die heute veröffentlichten Ergebnisse zur Kenntnis», schreibt die Credit Suisse, «und werden diese nun für unser Institut analysieren.»

Autor

Othmar von Matt

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