Evangelischer Kirchenbund

«Das ist ein sexistisches Rollenbild»: Pfarrerin Rita Famos spricht vor ihrer Kampfwahl Klartext

Wäre die erste Frau an der Spitze der Schweizer Reformierten: Rita Famos in ihrem Büro.

Wäre die erste Frau an der Spitze der Schweizer Reformierten: Rita Famos in ihrem Büro.

Die Zürcher Pfarrerin Rita Famos erklärt der «Nordwestschweiz» im Interview, warum sie glaubt, dass es an der Spitze der Schweizer Reformierten einen Wechsel braucht.

Im Altbaubüro in Zürich empfängt eine entschlossene und fröhliche Frau die Journalisten. Sie serviert Kaffee und Wasser. Rita Famos (52) äussert sich offen und präzis. Am Sonntag kommt es in Schaffhausen vor den Abgeordneten der Reformierten zur Kampfwahl: Famos kandidiert gegen Amtsinhaber Gottfried Locher für das Präsidium des Evangelischen Kirchenbundes.

Frau Famos, Gottfried Locher empfindet Ihre Gegenkandidatur offenbar als Affront. Haben Sie Verständnis dafür?

Rita Famos: Ich glaube, meine Kandidatur ist für ihn eine Herausforderung. Er kann nun einigen Fragen, die sich seit vier Jahren latent stellen, nicht mehr ausweichen.

Er vermeidet aber die direkte Auseinandersetzung mit Ihnen?

Ja. Aber in Interviews oder in einem Brief an die Delegierten hat er jetzt doch begonnen, sich zu rechtfertigen und zu entschuldigen. Aber leider reagiert er nur auf Druck. Das reicht einfach nicht. Wenn man durch Provokation Themen lanciert – und das darf man –, muss man sich der Debatte stellen, die man selbst angestossen hat.

Eines dieser Themen sind Lochers Aussagen zur Prostitution.

Ich finde es eigentlich gut, dass man die ganze Doppelmoral rund um Prostitution anspricht. Problematisch ist aber Lochers Aussage: Frauen litten unter der Prostitution, aber dieses Leiden habe einen Sinn. Dieser bestehe darin, Männer zu friedlicheren Wesen zu machen. Der Skandal an dieser Aussage ist, dass Locher das Leiden der Frauen theologisch überhöht. Sinngemäss meint er: Schaut, liebe Frauen, was ihr rund um Prostitution erlebt, ist zwar ganz schlimm, aber ihr vollbringt damit ein gutes Werk. Wenn man sagt: Prostitution muss einfach sein, kann man sie gar nicht mehr hinterfragen. Kommt hinzu, dass die Aussage falsch ist: In der Geschichte haben Kriegsfürsten ihren Soldaten immer Prostituierte zugehalten. Das machte diese deswegen nicht friedlicher. Sexuell befriedigte Männer sind also keineswegs friedlichere Männer.

Aber sind dies nicht einfach persönliche Aussagen Lochers?

Ein derart öffentliches Amt kann man nicht von der Person trennen.

In der «Weltwoche» warnte Locher vor einer Feminisierung der Kirche.

Ich finde auch: Es ist nicht erstrebenswert, dass, wie bei Primarlehrerinnen, am Schluss hauptsächlich Frauen den Beruf ausüben. Es braucht Ausgeglichenheit der Geschlechter. Wobei: Es gibt immer noch mehr Pfarrer als Pfarrerinnen. Erst an den Fakultäten hat ein Trendwechsel stattgefunden. Stossend ist aber Lochers Aussage, dass wir die Männer, die er mit Eliten gleichsetzt, nicht mehr erreichen würden, wenn zu viele Frauen im Pfarramt wären. Da werde sogar ich zur Feministin! Heisst das erstens, dass die Elite nur männlich ist? Und zweitens, dass nur Männer die Elite ansprechen können? Das ist ein sexistisches Rollenbild.

Ist Ihre Kandidatur auch ein Protest gegen diese Haltung?

Es ging darum, eine Alternative zu bieten. Die letzte Abgeordnetenversammlung hat an der Kirchenverfassung eine Änderung vorgenommen, indem sie sagte: Die geistliche Leitung liegt nicht nur bei der personalen Leitung, also dem Präsidenten. Sondern auch bei den anderen Gremien. Und es braucht nicht zwingend eine Ordination, um diese Leitung zu übernehmen.

Wollte Locher die geistliche Leitung dem Präsidenten vorbehalten?

Das tauchte jedenfalls in den Vorschlägen des Rats immer wieder auf. Die Abgeordnetenversammlung hat das nun in seiner sehr sachlichen Diskussion korrigiert. Und da fand ich: Die Abgeordneten haben das Amt jetzt so geändert, wie ich selbst es auch verstehe. Ich fand, auch wenn nur wenig Zeit blieb, man müsse die Plattform für eine Diskussion darüber bieten, ob der Amtsinhaber nach der Formung des Amts noch der richtige Kopf ist. Ich bedauere, dass man diese Diskussion abzuklemmen versucht. Als Präsidentin würde ich mich dafür einsetzen, viel mehr und viel offener zu diskutieren.

Passt der Amtsinhaber nicht mehr zum Amt, wie es jetzt herauskam?

Verbal stellt er sich hinter die Beschlüsse der Abgeordnetenversammlung. Er sagt, es sei ganz klar, dass die geistliche Leitung bei allen Gremien sei. Aber es gibt auch das Nonverbale, das er ausstrahlt, indem er mit diesen grossen Kreuzen und dem Römerkragen auftritt. Das sind Symbole, die der reformierten DNA, dem Ur-Protestantischen, ja dem Ur-Schweizerischen widersprechen. So wie wir nicht gerne Fürsten haben, haben wir auch nicht gerne Bischöfe.

Wie würden Sie das Amt ausüben?

Um mit einem Bild aus der Kirchengeschichte zu sprechen: Ich leite nach der Art der Prophezey.

Das müssen Sie erklären.

Zwingli und Luther übersetzten beide die Bibel. Luther ging in die Wartburg, schrieb einen Text und veröffentlichte ihn. Zwingli rief hier im Grossmünster täglich die besten Theologen zusammen. Am Morgen übersetzten sie miteinander, dann diskutierten sie, und am Schluss predigte Zwingli oder einer der Theologen darüber. Das ist meine Art von Führung. Ich finde, in unserem reformierten Verständnis muss man die besten, die spannendsten und kreativsten Köpfe zusammenholen und gemeinsam die besten Lösungen suchen.

Könnten Sie so den Mitgliederschwund aufhalten?

Ich allein sowieso nicht. Der Mitgliederschwund ist gemäss Studien auch einem Mega-Trend geschuldet, der nicht nur die Kirche erfasst, sondern auch Parteien, Sportvereine, fast alle Institutionen. Man will sich heute nicht mehr an etwas binden, sondern punktuell holen, was man gerade braucht. Leute treten aus und sagen, sie könnten ja trotzdem in die Kirche gehen. Ich verurteile das nicht. Wir müssen den Mitgliederschwund ernst nehmen, aber er ist nicht das grosse Drama. Entscheidend ist, welche Wirkung die Kirche hat. Es gibt sehr kleine Kirchen, die haben eine grosse Wirkung. Ich studierte 1989, bei der Wende, in Halle, DDR. Dort hatte die Kirche kein Geld, sie wurde vom Staat schikaniert. Aber sie nutzte in einem politisch entscheidenden Moment ein einfaches Instrument, nämlich das Abendgebet, um eine friedliche Revolution anzuzetteln. Das heisst: Die Wirkung einer Kirche hängt nicht von ihrer Grösse ab.

Wie politisch muss die Kirche sein?

Wir sind eine Volkskirche. Diese bildet ein breites politisches Spektrum ab. Alle Parteien sind vertreten. Die Chance der Kirche wäre, dass sie jenseits von Parteipolitik Themen aus christlichem Standpunkt angehen und mit verschiedenen parteipolitischen Meinungen einen Diskurs führen kann. Es gibt wenige Themen, zu denen die Kirche politische Statements abgeben sollte.

Flüchtlinge, Islam?

Ich denke eher etwa an medizinische Fragestellungen: Organtransplantationen, pränatale Diagnostik, assistierte Suizide. Es geht nicht darum, dass man mit der Moralkeule kommt und sagt, man darf nicht Suizid begehen. In solchen individualethischen Fragen müssen wir als Seelsorger nahe bei den Menschen sein. Aber es geht um das Gesellschaftsethische: Was ist das für eine Gesellschaft, in der sich assistierte Suizide unhinterfragt etablieren? Hier finde ich, dass die Stimme der Kirche gefragt ist.

Aber nicht in der Alltagspolitik?

Wir sind viel effizienter, wenn wir durch das sprechen, was wir tun. Beispielsweise die Flüchtlingspolitik: Ich setzte mich ein für die Seelsorge an Asylsuchenden in den Bundeszentren. Das machte ich nicht allein, aber ich setzte mich mit anderen dafür ein, dass man im Zürcher Zentrum einen interreligiösen Versuch macht, und der Bund hat sogar Gelder dafür gegeben. In der Flüchtlingskrise haben unsere Kirchen innert kürzester Zeit riesige Programme aufgezogen: Sprachkurse, Wohnungssuche, Arbeitsvermittlung. Wir dürfen uns nicht dazu verführen lassen, Politik nur mit Parolen zu machen. Wir als Kirche sind politisch viel aktiver und wirksamer, indem wir handeln. Wir müssen tun, was es zu tun gibt im Auftrag des Evangeliums.

Sie würden sich nicht äussern wie die höchste Zürcher Katholikin, die die SVP aus katholischer Sicht für unwählbar hält?

Wir sollten aufhören, uns aufgrund von Parteizugehörigkeiten gegenseitig das Christsein abzusprechen. Unsere Chance wäre, die politisch unterschiedlichen Kirchenmitglieder zusammenzubringen. Herr Blocher ist reformierter Christ, wie auch Frau Badran. Es würde mich reizen, mit ihnen zusammenzusitzen und darüber zu diskutieren, was das Christsein bedeutet.

Wie stehen Sie zur öffentlichen Anerkennung des Islam?

Es ist eine Realität in unserer Gesellschaft, dass immer mehr Leute dieser Religion angehören. Damit müssen wir umgehen. Der richtige Umgang ist sicher nicht, diese Leute in den Untergrund oder in die Hinterhof-Moschee abzudrängen. Wir müssen einen Islam Schweizer Prägung generieren, der sich von seinen Ursprungsländern emanzipieren kann. Einer, der zum Dialog mit der hiesigen Kultur fähig ist. Das ist aber ein längerer Prozess, den man nicht erzwingen kann.

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