Wikileaks
«Das ist ein Internetkrieg»

Schweizer stemmen sich gegen Attacke auf Enthüllungsplattform. Auch die Piratepartei macht ihrem Ärger Luft.

Lorenz Honegger
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Server von Wikileaks wegen Hackerversuchen stillgelegt

Server von Wikileaks wegen Hackerversuchen stillgelegt

Keystone

«Wikileaks moves to Switzerland» – Wikileaks zieht in die Schweiz. Diese knappe Nachricht auf der Internetseite Twitter markierte gestern Morgen einen neuen Höhepunkt im Kampf der Enthüllungsplattform, geheime Depeschen aus US-Botschaften übers Internet zugänglich zu machen: Der Domaindienstleister Every-DNS hatte die bisherige Adresse der Organisation (wikileaks.org) gesperrt. Every-DNS begründete den Schritt mit den ständigen Hacker-Angriffen auf das Portal, die seit Sonntag andauern. Überraschend bestimmte die Wikileaks-Führung alsbald wikileaks.ch zu ihrer neuen offiziellen Adresse.

Die Freude über die neue Heimat währte nicht lange: Während der Besitzer der Schweizer Domain, ein gewisser Denis Simonet, Informatikstudent und Präsident der hiesigen Piratenpartei, eine Pressekonferenz arrangierte, ereilte die Schweizer Wikileaks-Adresse das gleiche Schicksal wie ihre Vorgängerin: Every-DNS zog den Stecker. Auf seiner Website betonte das US-Unternehmen, der Schritt stelle «keinen Positionsbezug» dar. Zudem habe man Wikileaks 24 Stunden vor der Abschaltung gewarnt.

Piratenpartei reagierte prompt

Die Piratenpartei reagierte und fand neue DNS-Server. Ab 20 Uhr am Freitagabend funktionierte wikileaks.ch wieder einwandfrei. Hörbar frustriert machte der Vize-Präsident der Schweizer Piratenpartei, Pascal Gloor, gestern Abend seinem Ärger Luft: «Diese Leute betreiben einen regelrechten Internetkrieg.» Wikileaks werde nicht verschwinden. Gloor: «Schon jetzt verweisen über 50 Domain-Namen auf die Wikileaks-Internetseite.»

Wikileaks steht unter Beschuss. Hacker überschwemmen die Internetseite seit Tagen mit Anfragen und stellen sie so ausser Gefecht. Als Urheber der Angriffe im Verdacht stehen die Cyber-Truppen von Regierungen weltweit, allen voran der amerikanischen. Wohl, weil sie nicht hilflos zuschauen möchten, wie die Aktivisten um den Australier Julian Assange Tag für Tag neue Geheimnisse aus der amerikanischen Diplomatie ins Netz stellen.

Auch die Politik schaltet sich ein: In den USA verbannte das Internetunternehmen Amazon auf Druck des demokratischen Senators Joe Lieberman die Enthüllungsplattform von ihren Servern. Danach machte Wikileaks seine Dokumente über Server in Frankreich verfügbar – wo Nicolas Sarkozys Regierung nun ebenfalls nach Möglichkeiten sucht, Wikileaks abzuschalten.

Die Schweizerisch-Amerikanische Handelskammer (Amcham) sieht im Umzug der Wikileaks-Domain in die Schweiz «überhaupt kein Problem», wie Amcham-CEO Martin Naville auf Anfrage der az sagt. «Erst wenn sich ein Schweizer Unternehmen anerbietet, die Dokumente zu hosten, wird es problematisch.»