Vor zwei Wochen war Rachid Nekkaz in Kopenhagen vor dem dänischen Parlament und bezeichnete den Premierminister als Terrorfinanzierer. Vor ihm standen im Halbkreis mehr als ein Dutzend Journalisten und Politiker. Dänemark hatte zuvor ein Gesetz gegen die Verschleierung eingeführt.

Zwei Wochen später in St.Gallen vor dem Sitz der Stadtregierung: Nekkaz und eine verschleierte Frau posieren mit einem Buch vor dem Sitz der Stadtregierung. Umringt werden sie von Fotografen, Kameraleuten und Reportern. St.Gallen hatte am 23. September das Verhüllungsverbot angenommen.

Wo immer Nekkaz auftaucht, wartet schon eine Schar Journalisten. Der 46-jährige Politaktivist und Geschäftsmann weiss, wie er sich Aufmerksamkeit verschaffen kann.

Das muss er auch. Denn Nekkaz hat eine Mission. Der algerisch-französische Doppelbürger will das Burkaverbot in Europa bekämpfen. Mit seinem Portemonnaie. Und mit medienwirksamen Auftritten. Wo immer die Einführung eines Verhüllungsverbots ansteht oder beschlossen wird, taucht der 46-Jährige auf – im Schlepptau meist eine verhüllte Frau und mehrere Aktivisten – und verspricht, alle Bussen zu bezahlen, die Frauen wegen des Verstosses gegen das Verhüllungsverbot auferlegt werden.

Elegantes Auftreten

Auf einem Video sieht man ihn charmant, eloquent und mit einer Engelsgeduld die Fragen der Journalisten beantworten. Mit fast schon penetranter Höflichkeit führt er aus, weshalb das Verhüllungsverbot gegen eine freiheitliche Verfassung verstösst.

Zwischendurch erklärt er auf Arabisch, direkt in die Kameralinse und an seine 1.1 Millionen Facebook-Follower gerichtet, warum man im Gegensatz zu autokratischen Ländern wie Algerien eine Aktion durchführen kann, ohne von einer Hundertschaft Polizisten behelligt zu werden. Im Anschluss tourt Nekkaz durch die Stadt und erkundigt sich mit einem Selfiestick bewaffnet bei Passanten nach ihrer Meinung zum Burkaverbot.

Die Schweizer seien gespalten, sagt er im Gespräch mit watson: «Die Jungen akzeptieren, dass es in der Freiheit jedes Einzelnen liegt, einen Nikab zu tragen. Bei den Alten ist hingegen die Angst vor dem Islam spürbar.» Dass in der Schweiz das Verhüllungsverbot ein Thema ist, habe ihn überrascht:« Es gibt hier kaum Frauen, die den Nikab tragen und es gibt kaum Probleme mit der muslimischen Bevölkerungsgruppe.» Nekkaz glaubt, dass es sich letztlich um ein «Kommunikationsproblem» in der Gesellschaft handle.

Einmal pro Monat würde er von jetzt an in St.Gallen auftauchen und zwar für die nächsten 20 Jahre, behauptete Nekkaz im Video gegenüber einer Journalistin. Ob es als Scherz gemeint ist oder nicht, wird nicht ganz klar. Das verschmitzte Lächeln des graumelierten Mannes hinterlässt Fragezeichen.

«Weit entfernt» von salafistischen Positionen

Raum für Spekulationen lässt auch die politische Haltung Nekkaz'. Im Unterschied zu radikalen Burkaverbots-Gegnern wie dem Islamischen Zentralrat IZRS, betont der Algerier zwar bei jeder Gelegenheit, kein Befürworter der Ganzkörperverschleierung zu sein. Er sei liberal und verfassungstreu. Trotzdem muss er sich immer wieder den Vorwurf anhören, die Islamisten zu unterstützen. Nicht zuletzt, weil er sich nicht scheut, gemeinsam mit fundamentalistischen Kräften aufzutreten. Im Tessin etwa wurde er von Nora Illi begleitet, der Kommunikationsverantwortlichen des IZRS, die mit umstrittenen Aussagen zum «IS» oder zur Scharia auf sich aufmerksam gemacht hatte.

Im Gespräch weist er die Vorwürfe der Nähe zu Islamisten von sich. Seine Positionen seien weit entfernt von denen einer Nora Illi. Das halte ihn aber nicht davon ab, für ihre Grundrechte zu kämpfen. Ausserdem sei Europa nur ein Schauplatz seines Kampfes: «In Europa verteidige ich die Freiheit der Frauen, den Niqab zu tragen. In muslimischen Ländern verteidige ich die Freiheit von Frauen, den Niqab nicht zu tragen.» Im März zum Beispiel habe er sich im Iran erfolgreich für 29 Frauen gewehrt, die sich geweigert hatten, den Hidschab zu tragen.

Schon vor drei Jahren, als das Tessin das Burkaverbot beschloss, erklärte er, den Nikab in Europa abzulehnen – da die Verschleierung die Integration erschwere. Aber er halte es mit Voltaire: Er möge anderer Meinung sein, aber er werde das Recht, diese Meinung auszudrücken, wenn nötig bis zum Tod verteidigen. Mittlerweile hat er dazu ein Buch geschrieben: «The Niqabs Voltaire».

Der Titel spielt auf ihn selber an. Als «Zorro des Nikab» bezeichnete ihn die «Washington Post», für die Vogue ist er der «Burkini Batman», und der «Spiegel» nannte ihn wegen seinem distinguierten Auftreten und der eleganten Kleidung den «Gentleman-Guerilla». Nekkaz selber sieht sich viel eher in der Tradition des Schriftstellers, der einer der Wegbereiter der Aufklärung in Frankreich war.

Der Märtyrertod für die Meinungsfreiheit, wie Voltaire ihn pathethisch beschwört, droht Nekkaz im Kampf gegen das Burkaverbot aber nicht. Der Geschäftsmann kann auf ein prall gefülltes Konto zurückgreifen. Das Scheckbuch ist seine stärkste Waffe im Kampf gegen das Verhüllungsverbot.

Mehr als 1500 Bussen habe er schon bezahlt, alleine 1200 in Frankreich, einige in Belgien, Holland und Dänemark und vier im Tessin, wo das Verhüllungsverbot im Sommer 2016 in Kraft getreten ist. Insgesamt belaufe sich die Summe der Bussgelder, die er berappt hat, auf über 318'000 Euro, sagt er. Das ist viel Geld, selbst für einen, der sich als Millionär bezeichnet.

Wie er zu seinem Vermögen gekommen ist, ist nicht ganz klar, überhaupt bleibt einiges an der Biographie Nekkaz' vage. Zur Welt kam Nekkaz am 9. Januar 1972 in Villeneuve-Saint-Georges, einer kleinen Vorortsgemeinde südöstlich von Paris. Die Eltern waren aus Algerien eingewanderte Berber, Analphabeten und ungelernt. Nekkaz wuchs mit 11 Geschwistern auf. Die Kindheit in den Vororten von Paris habe ihn zum Optimisten gemacht, sagt Nekkaz. Wer es aus den Banlieues schafft, kann alles erreichen.

Nach der Schule studierte er Geschichtsphilosophie an der Sorbonne, anschliessend gründete er ein Internet-Start-Up, machte während der Dotcom-Blase das grosse Geld und verkaufte das Unternehmen mit Mitte 20. Gemäss der französischen Zeitung «Le Figaro» besitzt er mehr als 1000 Apartments über ganz Frankreich verteilt. Diese habe er mittlerweile veräussert, die finanzielle Unabhängigkeit sei die «Basis seiner persönlichen Freiheit», sagte er dem «Spiegel» 2016.

Als Frankreich 2011 ein Gesetz erliess, das die Verschleierung im öffentlichen Raum vorgeblich aus Sicherheitsgründen verbot, gründete Nekkaz einen «Fonds für die Verteidigung der Freiheit und der Laizität» und spies ihn mit einer Million Euro. Fast täglich begleiche er seither Bussen, so Nekkaz. Eine SMS oder eine Mail an ihn genüge und er zücke sein Portemonnaie. Allerdings nur, wenn die Busse im öffentlichen Raum auf der Strasse ausgesprochen worden sei. «Ich bin einverstanden mit einem Verbot in Spitälern oder Schulen, wie es etwa Luxemburg handhabt», sagt Nekkaz. Die Strasse aber sei ein spezieller Ort in einer Demokratie, sei das «Weltkulturerbe der freiheitlichen Gesellschaften».

Die spendable Haltung veranlasste die französischen Behörden, ein Gesetz zu erlassen, das es Dritten untersagt, Nikab-Bussen zu bezahlen. Das Gesetz ist Nekkaz auf den Leib geschneidert.

Die Angst vor dem Islam

In den letzten Jahren hat eine regelrechte Verbotswelle Europa erfasst. Neben Frankreich, Belgien und den Niederlanden hat jüngst auch Dänemark ein Burkaverbot erlassen. Und auch die Schweiz wird 2020 über ein nationales Gesetz abstimmen, das eine Verhüllung im öffentlichen Raum verbietet. Die Angst vor dem Islam, so scheint es, manifestiert sich in den Verhüllungsverboten.

Wie ist es zu dieser Entwicklung gekommen? Nekkaz seufzt. «Die Terrorattacken in den letzten Jahren haben Europa verändert. Viele Leute fühlten sich nach den Anschlägen nicht mehr sicher, Politiker und Medien haben diese Angst bewirtschaftet und so eine Stimmung der Islamophobie geschaffen.» Er sehe es als seine Verantwortung, das Image der Muslime in Europa zu verbessern.

Sein Engagement beschränkt sich nicht auf das Recht, sich verhüllen oder nicht verhüllen zu dürfen. Nekkaz protestiert auch gegen die Inhaftierung des Schweizer Islamwissenschafters Tariq Ramadan, der in Frankreich wegen Vergewaltigungsvorwürfen in Haft sitzt, oder gegen den greisen algerischen Autokraten, Abd al-Aziz Bouteflika. 2014 hat er die französische Staatsbürgerschaft abgelegt und sich in Algerien als Präsidentschaftskandidat aufstellen lassen.

Gefangen in Europa

Nekkaz' Kalender liest sich wie die Tourdaten einer Rockband. Am Mittwochmorgen war Nekkaz in Lugano, am Nachmittag in St.Gallen, jetzt telefoniert er von Paris aus, im Hintergrund hört man Polizeisirenen und Grossstadt-Strassenlärm. Bald wird er in die USA reisen, wo seine Frau, eine zum Islam konvertierte Kanadierin, und sein Sohn leben, anschliessend geht es nach Algerien, wo ihn das letzte Mal «15 Polizisten 24 Stunden am Tag überwachten», wie er lachend sagt.

Ganz so einfach gestaltet sich das Reisen für Nekkaz im Moment allerdings nicht. Weil sich die algerischen Behörden weigerten, einen neuen Pass auszustellen, könne er sich momentan nur im Schengenraum bewegen und – dank eines Visums – in den USA.

Dass ihm in seinem Kampf bald das Geld ausgeht, damit ist nicht zu rechnen. Auch wenn die auf der Wikipedia-Seite angegebene Website nekkaz.com ins digitale Nirvana führt.