Ein «Supermuslim», ein «bestens integrierter» Schweizer mit Migrationshintergrund. Nachdem Kerem Adigüzel im Sommer bekannt gab, dass er gemeinsam mit einer Gruppe von jungen Muslimen eine offene Moschee gründen will, rannte er damit offene Türen ein. Der Tenor in der Öffentlichkeit: Hier kommt einer, der es besser macht.

Besser als jene, die Männer und Frauen in Moscheen trennen. Und besser als die Radikalen vom Islamischen Zentralrat Schweiz (IZRS) sowieso. Hier kommt einer, der kompatibel ist mit den Schweizer Werten. Ein 30-Jähriger, bescheiden auftretender Mann mit schlichten Jeans, schwarzem Pulli. Ein Schweiz-Türke, der als Software-Entwickler bei den SBB arbeitet, Mathematik und Informatik studierte, im Militär Karriere machte und auf Whatsapp mit seiner Frau vor einer Schweizer Flagge posiert.

«Ich bin nicht der Klischee-Südländer, der sich als Alphamännchen aufspielt», sagt er selbst.
Seit vergangenem Sommer ist dieser Adigüzel also das Gesicht der geplanten liberalen offenen Moschee, deren Grundstein – zumindest auf Papier – gelegt wurde: Die Gruppe von Muslimen mit Wurzeln aus der Türkei, dem Balkan und der Schweiz gründete den Verein «Al-Rahman – mit Vernunft und Hingabe» (die «Nordwestschweiz» berichtete). «Al-Rahman» will über die Schweiz verteilt Räume einrichten, in denen Frauen und Männer, Schiiten, Sunniten und Sufis sowie Homosexuelle nebeneinander beten können.

Mehr noch: Frauen sollen als Imaminnen die Gebete leiten dürfen. Ein kühnes Unterfangen: Mehr als 80 Prozent der 350'000 Muslime in der Schweiz sind Sunniten. Zumindest die Autoritäten dieser Gruppe lehnen das alles ab. Entsprechend zurückhaltend sind die meisten Mitglieder der progressiven Gruppe. Auf der Website des Vereins tauchen sie nur mit Vornamen und abgekürztem Nachnamen auf.

Ein Mann auf Mission

Anders Adigüzel. «Einer von uns muss unsere Sache gegenüber den Medien vertreten», sagt der Ostschweizer. Dass er dieser «eine» ist, ist kein Zufall. Der junge Mann mag fortschrittlich sein, doch wenn es um seinen Glauben geht, ist er genauso konsequent und radikal wie die anderen religiösen Gemeinschaften.

Kerem Adigüzel ist auf einer Mission. Die offene Moschee, die Anstrengung für deren Gelingen, ist sein Dienst an Gott. «Das ist mein Dschihad», sagt er. Mit Krieg und Terror hat das bei ihm aber nichts zu tun. Auch wenn es ein Kampf ist, den er führt. Er kämpft mit Worten für seine Wahrheit. Für den einen Glauben, den er für richtig hält. Wie alle muslimischen Gruppierungen. Adigüzels Schlachtfeld liegt nicht in Syrien. Sondern im Internet.

Eigene Koranintepretation

Vor elf Jahren gründete er die Plattform Alrahman.de mit. Auf dieser veröffentlicht er seither Koraninterpretationen. Über die Website erreicht er monatlich bis zu 25'000 Userinnen und User. Daneben bietet er seine Interpretationen als Video-Blogger auf Youtube an, bespricht sie auf Diskussionspodien oder – und das ist sein grösster bisheriger Lupf – er verkauft sie als Buch. An der Koranübersetzung hat er Jahre gearbeitet. Dafür lernte er auch Arabisch – keine Sprache, die man im Vorbeigehen aufschnappt.

Am Koran liegt ihm viel, wenn nicht fast alles. Allein das, was dort steht, ist für ihn wahr und richtig – wenn der Interpretationsspielraum auch gross ist. Das zeigt sich schon beim täglichen Gebet. Die Mehrheit der Muslime richtet sich fünfmal am Tag auf den Knien Richtung Mekka aus. Nicht Adigüzel: «Ich habe den Koran auf diese Frage hin studiert und bin zum Schluss gekommen, dass nur drei Gebetszeiten verlangt sind.» Auch wenn es um moderne gesellschaftliche Fragen geht, gibt die Heilige Schrift ihm den Takt vor. Stichwort Homosexuellen-Ehe. «Dazu habe ich noch keine abschliessende Meinung, da muss ich zuerst über die Bücher», sagt er. Was, wenn der Koran die Homosexuellen-Ehe verbietet? «Dann wäre sie nicht richtig.»

Der junge Schweiz-Türke war nicht schon immer auf Mission, dem Dschihad verpflichtet. «Als Jugendlicher war ich ein ‹Papierli-Muslim›, ein ‹Ramadan-Muslim›.» Einer, bei dem der Islam nur bei besonderen Gelegenheiten eine Rolle spielte. Früher trank er vereinzelt auch Alkohol, heute lebt er abstinent.

Was hat ihn verändert, erweckt? «Enttäuschende Erfahrungen mit den etablierten Muslimen», sagt er. An die erste erinnert er sich genau: Es kam dazu, nachdem sein Freund vor vielen Jahren gestorben war. Während der Trauerfeier verkündete der Imam, dass den trauernden Eltern nach drei Tagen kein Beileid mehr bekundet werden durfte. So erfordert es das sunnitische Ritual. Für Kerem Adigüzel war das undenkbar: «Bei einem solchen Verlust müssen die Eltern doch länger zusammen mit anderen, eben auch mit Beileidsbekundungen trauern dürfen.»

Die Meinung ist gemacht

Der Imam war ein Sunnit. Er folgte – wie die meisten Muslime in der Schweiz – der Sunna: den überlieferten Aussagen und Handlungen des Propheten Mohammed. Sie sind die zweite Quelle der Muslime – neben dem Koran. «Bei vielen Sunniten geht es meist unbewusst darum, die Obrigkeit blind zu akzeptieren. Andererseits geht es um Macht, um den Status Quo.» Dagegen kämpft Adigüzel. Er ist keiner, der blind annimmt, er diskutiert. «Auch mit solchen, die anderer Meinung sind.» Und doch ist seine Meinung in einem Punkt gemacht: «Die konsequentesten Sunniten sind die, die für den IS kämpfen.»

Mit der Verwirklichung einer Koran-zentrierten Moschee will er genau diesen Muslimen entgegenhalten. Das passt nicht allen. «Mich regt eure Dummheit so sehr auf. Ihr könnt froh sein, dass ihr noch lebt. Am liebsten will ich euch umbringen», drohte kürzlich ein User in einem Kommentar auf Adigüzels Website. Angst habe er deshalb keine, versichert Adigüzel. «Ich weiss, welche Drohungen ich ernst nehmen muss.» In der Schweiz seien die radikalen Gegner nicht gewaltbereit. Nicht so wie in Berlin, wo Seyran Ates, die Gründerin der dortigen offenen Moschee, Polizeischutz brauchte.

Etablierte Muslime sind kritisch

Erfreut sind die etablierten muslimischen Verbände trotzdem nicht. «Sie beobachten genau, was passiert», weiss Hansjörg Schmid, der Direktor des Schweizerischen Zentrums für Islam und Gesellschaft. Nicht geheuer ist ihnen, dass die Progressiven um Adigüzel so viel Aufmerksamkeit bekommen. «Sie befürchten, dass durch den einseitigen medialen Fokus eine pauschale Unterscheidung zwischen guten progressiven und schlechten konservativen Muslimen gemacht wird.»

Welche Chancen räumt er der offenen Moschee ein? «Ich sehe das zurückhaltend.» Man könne nicht erwarten, dass auf einen Schlag Tausende die offene Moschee besuchen würden. Ein gesellschaftlicher Trend ist der Grund: Viele wollen ihren Glauben unabhängig von Institutionen praktizieren und sich weniger in religiösen Gemeinden engagieren, sagt Schmid. Dennoch vermutet er, dass das Angebot bei jungen Muslimen fruchten könnte. «Sie wollen sich herkunftslandübergreifend engagieren, was etwa bereits in muslimischen Studierendenvereinen geschieht.» Die meisten Moscheen sind nach Herkunftsländern organisiert.

«Unsere Moschee ist eine Befreiung für jene, die nicht wissen, wie sie ihren Glauben mit einem modernen Leben in der Schweiz vereinbaren können», sagt Kerem Adigüzel. Und für jene, die unentschlossen auf der Suche nach der eigenen Identität sind. «Wir wollen die jungen Muslime nicht allein lassen. Und wir wollen das Feld nicht den Radikalen überlassen.»