Wochenkommentar
Das Idyll der Schweizer Gemeinden ist gefährdet

Liebe Leserinnen und Leser, aus Anlass des Bundesfeiertages vom Montag erlaube ich mir, mich direkt an Sie zu wenden - in Form einer schriftlichen 1.-August-Rede sozusagen.

Philipp Mäder
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Täuscht das Dorf-Idyll?

Täuscht das Dorf-Idyll?

Limmattaler Zeitung

Der Vorteil dieser Form: Sie können jederzeit aufhören zu lesen, während es in der Regel nicht gut ankommt, wenn Sie bei einer Festrede einfach davonlaufen.

Was macht für Sie die Schweiz zur Schweiz? Der Schwur auf dem Rütli vor 720 Jahren? Die fehlende Mitgliedschaft in der EU? Oder das kollektive Grillieren von Würsten am Bundesfeiertag? Kürzlich bin ich eine Woche durch meinen Wohnkanton gewandert - und habe noch eine andere Formel gefunden, welche die Schweiz unverwechselbar macht: ihre Vielzahl an Gemeinden. Genauer: das Engagement für die Allgemeinheit, das man dort findet - fernab vom Scheinwerferlicht der grossen Öffentlichkeit.

Da ist zum Beispiel die Frau Gemeindeammann, die sich dafür engagiert, dass ihr 1000-Einwohner-Dorf mit seinen Vereinen, seinem Volg und seinen Rebbergen lebendig bleibt. Und sich über den Applaus der Bevölkerung am Ende jeder Gemeindeversammlung freut. Oder der Stadtammann, der mit viel Energie daran arbeitet, dass seine Stadt vom Neubau der Fachhochschule profitieren kann.
All diese Gemeindeammänner, Freiwilligen und Gewerbler sorgen dafür, dass ihre Gemeinde für die Menschen Gemeinschaft bedeutet.

Auf Facebook habe ich meine Freunde gefragt, was sie an ihrer Gemeinde schätzen. Ein Kollege schreibt: «Warum kommt man nach langen Ferien gern zurück? Vertraute Orte, bekannte Gesichter - und die Gewissheit, dass man jederzeit wieder weggehen und wieder zurückkommen kann.» Ein anderer meint: «Dass die Migros-Kassierinnen die Namen der alten Kunden und der Kinderkunden kennen und sie mit Namen begrüssen.»

Philipp Mäder Stellvertretender Chefredaktor der AZ, Philipp Mäder.

Philipp Mäder Stellvertretender Chefredaktor der AZ, Philipp Mäder.

Aargauer Zeitung

Aber ich habe auf meiner Wanderung auch weniger Erfreuliches gesehen: die schöne historische Altstadt, in der es keinen richtigen Laden mehr gibt, weil die Einwohner lieber ins benachbarte Einkaufszentrum fahren. Und Gemeindeammänner, die darüber klagen, dass Bund und Kanton ihnen immer mehr Vorschriften machen. Und zudem versuchen, unliebsame und teure Aufgaben auf sie abzuschieben.

Das Alles führt dazu, dass das Idyll der Schweizer Gemeinden gefährdet ist. Um Gegensteuer zu geben, braucht es das Engagement der Bürger. Und neue Ideen wie eine Zusammenarbeit oder gar die Fusion mit den Nachbarorten.

Danke, liebe Leserinnen und Leser, dass Sie bis hierher durchgehalten haben. Ich wünsche Ihnen einen schönen 1. August. Und viel Freude an und in Ihrer Gemeinde

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