Formel E
Das grosse Surren: Nach über 60 Jahren findet in der Schweiz wieder ein Rundstreckenrennen statt

Die Vorbereitungen für das grösste Elektroauto-Rennen in der Schweiz laufen auf Hochtouren. Dass Zürich zur Rennstrecke wird, passt aber nicht allen.

Lina Giusto
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Sieht aus wie ein Formel-1-Auto. Der Bolide des Schweizers Sébastien Buemi fährt aber mit Strom.
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Am Zürcher Formel-E-Rennen wird auch der Schweizer Fahrer teilnehmen.
Dieser liess es sich nicht nehmen, mit seinem Renault im April eine Testfahrt durch Zürich zu unternehmen.
Formel E: Nach mehr als 60 Jahren findet in der Schweiz ein Rundstreckenrennen statt
Während der Testfahrt musste sich der Schweizer ans Tempolimit halten und sogar vor einem Fussgängerstreifen anhalten.

Sieht aus wie ein Formel-1-Auto. Der Bolide des Schweizers Sébastien Buemi fährt aber mit Strom.

Keystone

Auf dem Veloweg liegen Gerüstelemente, die für Unmut sorgen. Eine junge Dame stürmt aus dem Häuschen der Hafen-Enge-Beiz, das zurzeit von Holzbalken, Betonelementen, Bohrgeräuschen und vom Strassenlärm eingeengt ist. «Ihr versperrt hier den Durchgang. Da wollen noch Leute durch», sagt sie.

Die 15 Arbeiter des Elektrizitätswerks der Stadt Zürich (EWZ) zucken mit den Schultern – man müsse hier nun mal ein Gerüst für die Kabel über den Weg bauen. Sie verwirft die Hände, schüttelt den Kopf und kehrt hinter die Theke zurück, schenkt Kaffee aus, reicht Eingeklemmte. Ihre Gäste tragen derzeit meist gelbe Westen. Seit zwei Wochen arbeiten sie hier am Aufbau des Zürich E-Prix.

Diesen Sonntag ist es so weit: Die Stadt Zürich wird zum schweizweit ersten Austragungsort eines Formel-E-Rennens. Es ist nach 64 Jahren das erste Rundstreckenrennen hierzulande. Dass dieser «historische Anlass» nun Realität wird, beruht auf der Initiative von Roger Tognella, Zürcher FDP-Gemeinderat und Präsident des Vereins E-Mobil Züri.

2015 hatte er die Kandidatur für Zürich als Austragungsort des E-Prix bei der Fédération International de l’Automobil in Paris eingereicht. 2016 stieg Bundesbern ein und schuf Ausnahmebewilligungen für Formel-E-Meisterschaften. Das war notwendig, weil Rundstreckenrennen in der Schweiz seit den 1950er-Jahren verboten sind.

Es rumort in der Stadt

Schliesslich gaben im vergangenen Herbst Stadt und Kanton Zürich grünes Licht, jedoch unter Auflagen. Neben verkehrstechnischen Bedingungen forderte der Stadtrat einen Rahmenanlass mit dem Namen «More than a race». Er soll über die aktuelle Forschung und Entwicklung in der Automobilindustrie informieren, weil das Thema E-Mobilität die Stadt in Zukunft stark beschäftigen wird. Der Anlass passe wegen der städtischen 2000-Watt-Ziele gut ins Zentrum, fand der Stadtrat.

Zu guter Letzt springt die Schweizer Bank Julius Bär als Hauptsponsor auf das Formel-E-Ross auf – «aus Überzeugung, weil die Schweiz als eines der weltweit innovativsten Wirtschaftssysteme ein idealer Austragungsort für ein Elektrofahrzeug-Rennen ist», wie es Marco Parroni, Head of Global Sponsoring bei der Bank, damals begründete.

Während beim Verein Pro Sport Zürich Freude herrscht, erhitzen sich die Gemüter der politischen Gegner. Erst vor einigen Tagen kündigte Rot-Grün im städtischen Parlament an, gegen eine zweite Durchführung des Rennens vorzugehen. Die Formel-E-Holding hat vom Stadtrat für Zürich nämlich eine zweijährige Lizenz erhalten. «Wir verfügen über eine Lizenz zur Durchführung eines jährlichen Formel-E-Rennens in der Schweiz bis 2027», sagt Stefan Oehen, Sprecher des Zürich E-Prix.

«Dagegen sollte man vorgehen», sagt eine Besucherin des Cafés am Hafen Enge, das am Rennsonntag geschlossen bleibt. Der Parkplatz ist dann die Boxengasse der E-Boliden. Dort entsteht Balken um Balken gerade ein zweistöckiges Holzhaus. Vom Start-und-Ziel-Bereich führt der temporäre Stadtkurs für 2,46 Kilometer entlang der Seepromenade am Arboretum vorbei durch den Stadtteil Enge. Insgesamt zählt die Rennstrecke elf Kurven – einige mit 90-Grad-Winkel sowie eine Spitzkehre –, zwei Schnellfahrtstrecken, eine Schikane sowie schmale und breite Streckenabschnitte. Parallel zur Boxengasse beschleunigen die Formel-E-Rennautos auf bis zu 220 Stundenkilometer.

Es hämmert, röhrt und bohrt von allen Seiten. Wo einst ein Baum stand, spendet nun eine Holzbrücke Schatten. Für das Fällen und den Ersatz kommen die Organisatoren auf. Zudem schenken sie der Stadt fünf zusätzliche Bäume, teilte das Tiefbau- und Entsorgungsdepartement der Stadt Zürich vergangene Woche mit.

Bei den Vorbereitungen des Grossanlasses helfen städtische Mitarbeiter unterschiedlicher Abteilungen mit. Auskunft über die mögliche Summe der Dienstleistungen für das Rennen gibt der Stadtrat in seiner Antwort auf einen parlamentarischen Vorstoss: Man rechnet mit 2 bis 2,5 Millionen Franken, die der private Veranstalter dafür bezahlt. Sein Budget liegt bei 15 Millionen Franken.

Vonseiten der Veranstalter sind laut Oehen mehrere hundert Personen – Strassenbauer, Ingenieure, Gebäudetechniker und IT-Spezialisten – im Einsatz. Was an Material angefahren, verbaut und wieder abtransportiert wird, kann er nicht sagen. Ausser, dass das gesamte Material über die Strasse anrollt. «Da in Europa noch keine entsprechenden E-Modelle verfügbar sind, sind es Lastwagen», sagt Oehen.

Dafür kann das EWZ seinen Aufwand genau beziffern. Für den Festbetrieb und die streckentechnischen Anlagen werden 53 Hauptanschlüsse mit Zähler installiert. Hinzu kommen 6,5 Kilometer Kabel sowie 12 Trafostationen und 150 Steckdosenverteiler. Damit werden Festbetrieb, Zeittafeln, Boxen und Tribünen elektrisch versorgt. Den Strom für die Fahrzeuge erzeugen von den Organisatoren bereitgestellte Generatoren.

Von Absperrungen gesäumt

Der von Betonsockeln und Gitterzäunen gesäumte Mythenquai hat bereits die Form einer Rennstrecke angenommen. Zwischen Absperrungen und Gebüschen eingepfercht, schlängeln sich Fussgänger und Velofahrer aneinander vorbei. Der Kiesplatz bei der Voliere dient als Parkplatz. Auf dem Arboretum ziehen etwa 20 Männer in gelben Westen die Gebäude für das E-Village hoch. Dort präsentieren am Wochenende die Autohersteller BMW, Mercedes und Porsche ihre Hybrid- und Elektroautos. Auch die ETH Zürich stellt dort ihre Mobilitätsideen der Zukunft vor. Für die Besucher ist dieser Bereich kostenlos. Kostenpflichtig dagegen sind die insgesamt 2500 Plätze auf den fünf Haupttribünen. Die Veranstalter rechnen mit rund 100 000 Besuchern.

Vom General-Guisan-Quai biegen die E-Boliden am Sonntag ins Quartier ein. Es folgen einige 90-Grad-Kurven und schmale Streckenabschnitte. Der schwarz geteerte Boden verrät, dass die Strasse bereits für das Rennen präpariert ist. Diese Arbeiten wurden in den vergangenen Nächten ausgeführt, damit der Verkehr tagsüber weitgehend unbeeinträchtigt blieb, sagt Oehen. Stadtangestellte überprüfen die Lichtsignale, die sie abbauen müssen. Zwischen Galerieschaufenster und Betonsockel hat der Fussgänger einen Meter Platz.

Im Schatten der Gebäude wandelt sich das Engequartier zum kleinen Monaco, wo für Jahr der Formel-1-Grand Prix steigt. Ab und an bleiben Passanten stehen, beugen sich vor, begutachten die entstehende Rennstrecke. Zum Schluss können die 70 bis 80 Dezibel leisen Rennwagen auf der zweiten Schnellfahrtstrecke noch einmal aufdrehen. Dieser Abschnitt liegt im bewohnten Gebiet des Quartiers. «Bis jetzt hält sich der Lärm in Grenzen, aber ich bin ja auch nur tagsüber hier», sagt eine 30-jährige Frau, die auf dem Balkon eines Treuhandbüros gerade eine Zigarettenpause einlegt.

Kaum begonnen, schon zu Ende

Was bereits steht, ist die VIP Race Box. Sie steht dort, wo die Alfred-Escher-Strasse über eine Spitzkehre an den Mythenquai führt. Wer den E-Rennwagen in der Haarnadelkurve zuschaut, hat für sein Ticket 1500 Franken bezahlt. Teurer ist es auf der Overlay-Brücke, die sich direkt nach der Kurve auf der Zielgeraden befindet. Ein Platz kostet dort 2500 Franken. Die günstigeren Zuschauerplätze, wie jene für 100 Franken, waren laut Veranstaltern im Nu ausverkauft.

Der Kran beim Hafen positioniert mittlerweile den letzten etwa zwölf Meter langen Holzbalken für den Zwischenboden. Ein Passant beobachtet die Szenerie, schüttelt den Kopf und sagt: «Schon ein Riesenaufwand für einen Tag.» Ab Sonntagnacht werden dann während zweier Wochen entfernte Verkehrsinseln wieder aufgebaut, Lichtsignale und Bäume an Ort und Stelle gepflanzt, Betonsockel und Gitterwände aus der Stadt gerollt. Dann kehrt am Hafen Enge wieder Ruhe ein.

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