Der Torbogen aus Mussolinis Zeiten schmückt den Dorfeingang wie eh und je. Ein Spruchband zur Rettung der Spielbank flattert im Wind – deutlich vergilbt. Ende Juli war es von erbosten Angestellten des Casinò Municipale aufgehängt worden. Sie protestierten gegen die Schliessung der Spielbank, die vom Konkursrichter verhängt worden war. 486 Angestellte verloren ihren Job. 100 Gemeindearbeiter folgten, denn die 2000-Seelen-Gemeinde Campione hängt vollständig von der Spielbank ab. Der Schuldenberg forderte seinen Tribut.

Giorgio Zanzi, ehemals Präfekt von Varese, verwaltet mittlerweile die bankrotte Gemeinde. Doch die Situation der italienischen Exklave am Luganersee, umgeben vom Kanton Tessin, hat sich nicht verbessert. Die überdimensionale Spielbank, ein Werk des Tessiner Architekten Mario Botta, thront wie ein erloschener Vulkan in der Dorfmitte. Kein Licht, kein Leben, verschlossene Türen. Nur wenige Personen sind überhaupt auf den Strassen unterwegs, meist Rentner. Der gemeindeeigene Kindergarten ist geschlossen, genauso wie das Tourismusbüro. Der grosse Parkplatz vor dem Casinò: leer. «Nicht einmal Weihnachtsbeleuchtung gibt es dieses Jahr», klagt eine Passantin. Immerhin ein Weihnachtsbaum ist auf private Initiative hin aufgestellt worden.

Belebt ist das Zelt neben dem Gemeindehaus, das von ehemaligen Spielbankangestellten als Protest- und Info-Camp seit Ende Juli betrieben wird. Im Sommer konnte man es hier vor Hitze kaum aushalten, jetzt flackern zwei Öfen. «Wir sind auch eine soziale Anlaufstelle», sagt Rosy Bianchi. Die 50-Jährige mit dem Kapuzenpullover und der Aufschrift «#SalviamoCampione» war Betriebsrätin im Casinò. Die Situation sei äusserst schwierig, erzählt sie, denn viele Menschen seien nun schon länger ohne Lohn.

Bei den Gemeindearbeitern bleiben die Überweisungen seit zehn Monaten aus. Eine Lebensmittelhilfe ist im Ort aktiv geworden, an der sich neu auch die Schweizer Initiative «Tischlein deck Dich» beteiligt. «Aus dem Tessin haben wir sehr viel Solidarität erfahren», lobt Bianchi. Tatsächlich werden vom Tessin auch Dienstleistungen wie die Kehrichtabfuhr oder die Busanbindung garantiert, obwohl Campione gegenüber den ausführenden Betrieben verschuldet ist.

Dramatisch sei die Lage für diejenigen, die wirklich in Campione wohnten, meint Gewerkschafter Matteo Guanziroli, der Beratungen im Zelt durchführt. Alle Spielbankangestellten haben erst in diesen Tagen ihre offiziellen Entlassungsbriefe erhalten. Damit können sie nun in Italien Arbeitslosenentschädigung beantragen. «Doch mit 900 Euro kommst du in einem Ort wie Campione, wo Schweizer Preisniveau herrscht, nicht weit», meint Guanziroli.

Arbeitslosengeld aus der Schweiz

Finanziell besser geht es denen, die im Tessin wohnen und als «umgekehrte Grenzgänger» nach Campione gependelt sind. Sie erhalten bereits seit August Schweizer Arbeitslosengeld, auch wenn sie nie Beiträge in der Schweiz einbezahlt haben. Dies erboste Lega-Nationalrat Lorenzo Quadri so sehr, dass er in einer Motion die Rücknahme dieser Unterstützung forderte, deren Kosten auf 2,8 bis 4,6 Millionen Franken geschätzt werden. Der Bundesrat wies diese Forderung zurück, «weil der Wohn- und nicht der Arbeitsstaat für die Arbeitslosengelder zuständig ist». Laut Guanziroli haben rund 20 Ex-Spielbankangestellte einen neuen Job gefunden oder sind in Rente gegangen, von den verbleibenden 460 ist die Hälfe im Tessin wohnhaft.

Wenigstens sind die Politiker im entfernten Rom inzwischen aufgewacht. So wurde beschlossen, bis Mitte Januar einen Kommissär einzusetzen, der eine Wiedereröffnung der Spielbank in die Wege leiten soll. Wann und unter welchen Umständen diese erfolgen kann, steht in den Sternen. «Aber das hat etwas Hoffnung gemacht», sagen viele Campionesi. Doch zugleich ist klar, dass in einem solchen Falle die komfortablen Anstellungsbedingungen wohl definitiv Geschichte sein werden. Eine Redimensionierung erscheint wahrscheinlich.

Direkt neben der Piazza befindet sich die Immobilienagentur Wehner, die ihre Liegenschafen auch in russischer Sprache anpreist. Eigentümerin Ursula Wehner, deren Familie in vierter Generation in Campione wohnt, setzt einen Kontrapunkt zum weit verbreiteten Wehklagen im Dorf. «Vieles dieser Krise ist doch hausgemacht», schimpft die eloquente Maklerin. Die Belegschaft in der Spielbank habe sich, unterstützt von den Gewerkschaften, immer gegen Restrukturierungen gewehrt. Die vollkommen überzogenen Löhne hätten in das Desaster führen müssen, genauso wie die allzu üppige personelle Ausstattung der Gemeinde. Nun habe man die Quittung erhalten. «Campione ist jetzt ein Gespensterdorf», sagt Wehner.