Das Geschäft mit dem Adrenalinkick

Das Outdoor-Geschäft ist nach dem jüngsten Unfall vom Dienstag im Saxetbach bei Interlaken erneut in den Schlagzeilen. Ein Augenschein vor Ort.

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Das Geschäft mit dem Adrenalinkick

Das Geschäft mit dem Adrenalinkick

Silvan Hartmann, Interlaken

Dienstag, 9.45 Uhr: Die Rega rückt in Interlaken aus. Ein Tourführer ist beim Canyoning im Saxetbach auf einem Stein ausgerutscht und Meter weiter unten auf einem Stein aufgeschlagen. Er zog sich dabei schwere Verletzungen zu und musste noch notoperiert werden. Mittlerweile ist er ausser Lebensgefahr, muss aber einen weiteren Eingriff über sich ergehen lassen.

«Beim verunfallten Guide handelt es sich um einen 35-jährigen Neuseeländer mit sehr viel Erfahrung. Er hat diese Tour schon Hunderte Male gemacht. Er ist ein Vollprofi», sagt Philippe Willi, Geschäftsführer der betroffenen Firma «Outdoor Interlaken». Er betont, dass die Gruppe zu keinem Zeitpunkt in Gefahr war und die Unfallstelle nie passiert hat. «Der Guide liess die Gruppe vor sich hinuntergehen und wählte dann eine schwierigere Route, um zur Gruppe zu kommen», so Willi.

Der Fall weckt Erinnerungen: Auf den Tag genau vor 11 Jahren fanden im selben Bach 21 Personen beim Canyoning ihren Tod. Den gestrigen Fall hat Willi «sehr betroffen». «Wir haben sofort einen Krisenstab eingerichtet und uns nur noch darum gekümmert.»

Über 100 Gäste pro Tag suchen den Kick

Gestern musste die Konzentration wieder dem Tagesgeschäft gelten. Zurzeit ist Hauptsaison, die Abenteueraktivitäten sind besonders gefragt. Das Angebot ist breit: Seilpark, Riverrafting, Canyoning oder Boots-Touren auf der Aare. Zudem können in Zusammenarbeit mit Partnerfirmen Bungeesprünge, Gleitschirmfliegen oder Fallschirmspringen gebucht werden.

Gestern wollten über 100 Gäste – meist Touristen aus aller Welt – das Angebot nutzen. Bevor die Person aber an einer Aktivität teilnehmen kann, braucht sie die Geschäftsbedingungen des Unternehmens zu akzeptieren. Mit der Unterschrift auf dem Formular bestätigt der Teilnehmer, dass er keine gesundheitlichen Beschwerden hat und er durch den Veranstalter nicht versichert ist.

Bei den Abenteuern im Wasser gibt es verschiedene Schwierigkeitsgrade. Deshalb wird zuerst in Absprache mit dem Teilnehmer die ideale Tour gesucht. Menschenkenntnisse sind dabei gefragt, damit keiner auf der Strecke stets ans Limit muss und sich nicht überschätzt.

«Gesunder Konkurrenzkampf»

Der Teilnehmer erhält daraufhin die Ausrüstung – vom Neoprenanzug über Schwimmweste bis hin zum Helm. Dann trifft er auf den Tourführer, der Anweisungen gibt und mit der Gruppe Trockenübungen durchführt. «Der Guide selbst kann dann nochmals entscheiden, ob der Teilnehmer die Voraussetzungen für die jeweilige Tour mitbringt», erklärt Willi. Stimmt etwas nicht, müssen sie den Teilnehmer abweisen. Das kann sein, weil dieser sich nicht an die Anweisungen hält oder zu oft an sein Limit muss. «Das passiert regelmässig. Schliesslich hat der Tourführer die Verantwortung über die Gruppe», so Willi.

In Interlaken bieten drei Firmen solche Abenteuer mit Adrenalinkick an. Dass aufgrund der Konkurrenz deshalb mal eher ein Gast auf eine Tour mitgenommen und nicht abgewiesen wird, hat Willi noch nie erlebt. «Wir pflegen einen gesunden Konkurrenzkampf, doch die Sicherheit geht vor. Ausserdem kennen wir uns sehr gut und arbeiten seriös zusammen.» Ein Beispiel gebe es vom Dienstag, als die Konkurrenzfirmen zu Hilfe eilten, um dem schwer verletzten Tourführer zu helfen.

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