Etwas nervös, aber gut vorbereitet fuhren ein paar Asylfachleute vor einer Woche von Bern an den Neuenburgersee. An den Ausläufern des Juras, ausgangs der malerischen Areuse-Schlucht im Städtchen Boudry wollten die Angestellten des Staatssekretariats für Migration (SEM) der Bevölkerung Red und Antwort stehen. Sagt die Schweizer Stimmbevölkerung am 5. Juni Ja zur Asylgesetzrevision, so wird die Asylunterkunft Perreux in der Gemeinde Boudry 2019 zum Empfangs- und Verfahrenszentrum in der Westschweiz. Von heute 250 Unterkunftsplätzen soll die Kapazität auf 480 ausgebaut werden.

In der «Salle de Spectacle» der schmucken Ortschaft nahmen am Abend rund 60 Personen Platz und hörten den Ausführungen der Behörden zu. Und dann geschah – in den Augen von Deutschschweizern – etwas Seltsames.

Als Sozialarbeiterin koordiniert Jacqueline Lavoyer für die evangelische Landeskirche die Freiwilligenarbeit mit den Asylsuchenden. Wir treffen die bilingue Mittvierzigerin eine Woche nach jenem Informationsabend des Staatssekretariats für Migration. Und Jacqueline Lavoyer erzählt: «Die SEM-Leute wollten die Menschen beruhigen, so wie das die Behörden immer tun, wenn irgendwo im Land eine neue Asylunterkunft eröffnet wird. Bloss, die Leute von Boudry mussten gar nicht beruhigt werden.» Die Fragen der Einwohner drehten sich mehr um das Wohlergehen und um die Bedürfnisse der Asylsuchenden denn um ihre eigene Sicherheit.

Im Dorf gibt es keine SVP

Boudry ist ein historisches Städtchen, tatsächlich ist es aber nicht grösser als die vielen Durchschnittsgemeinden landauf, landab. Die Häuser im historischen Kern sind alt. Einige in prekärem Zustand, andere gut im Schuss. Zuoberst auf den sonnigen Rebbergen thronen ein paar Villen mit Aussicht auf den Neuenburgersee. Die Einbahnsträsschen im alten Kern haben Schlaglöcher, manche Signale stehen nicht mehr fix in ihrer Verankerung. Was aber auffällt: Es ist blitzsauber.

Hausbesitzer mähen ihre Rasen, Weinbauern spritzen ihre Reben, Rentner sitzen im «Fleur de Café» bei portugiesischem Bier und einheimischem Weisswein. An der Wand des kleinen Restaurants hängt eine grosse Schweizer Flagge. Drei Stammgäste unterhalten sich lautstark an der Bar.

Der italienische Besitzer serviert Pizza und Kebab. «Wir sind ein offenes Dorf, und heute haben wir wegen des Asylzentrums keine Probleme mit der Sicherheit», sagt einer der drei Gäste und nimmt einen Schluck Bier. «Das sind nicht alles Diebe und Profiteure», erklärt er. Seine beiden Kollegen, ein Spanier mit Schnauz und ein Romand mit lichtem Haar, pflichten bei.

«Sind Sie Mitglieder der SVP?» fragt der Gast skeptisch, nachdem wir uns nach Problemen im Zusammenhang mit dem Asylheim erkundigt haben. Die Schlagzeilen über Oberwil-Lieli haben es bis in die Westschweiz geschafft. Die Aargauer Gemeinde will sich von der Pflicht freikaufen, Asylbewerber unterzubringen.

Wir verneinen und erklären, dass wir vernommen haben, wie einvernehmlich es in Boudry mit den Asylbewerbern laufe. «Eine SVP-Sektion gibt es hier im Ort auf jeden Fall nicht», sagt der Romand mit dem lichten Haar lächelnd. In der Nachbargemeinde Cortaillod sei eine am Entstehen. «Die Gründe für den Erfolg der SVP dort haben allerdings mit anderen Themen als Asyl zu tun.»

Das Nebeneinander ist Realität

Am Café gehen zwei orange bekleidete dunkelhäutige Männer vorbei. Der vordere Stämmige trägt einen Abfallsack in der einen, eine Abfallgreifzange in der anderen Hand. Der zweite Hagere hat lässig eine Fegbürste über die Schulter geworfen. Gemeinsam schlendern sie in Richtung Bahnhof. Von der Fegbürste tropft Wasser auf die gekehrte Strasse.

Auf dem Schulhausplatz spielen und kreischen die Kinder. Sie haben grosse Pause. Zwei Asylbewerber, ein Nigerianer und ein Syrer, lesen in der Nähe achtlos weggeworfene Papierchen und Zigarettenstummel zusammen. 30 Franken erhalten sie für einen Tag Arbeit. Er sei zufrieden – «it’s okay», sagt der Nigerianer, der seit acht Monaten in der Asylunterkunft Perreux wohnt.

Um Punkt halb fünf wird ein schwarzer Kleinbus die putzenden Asylbewerber am Bahnhof abholen und sie zurück ins Asylzentrum bringen, das etwas abseits vom Dorfkern liegt. «Mitunter ein Grund, dass es so gut läuft», sagt der zuständige Gemeinderat Daniel Schürch von der SP. Mit den Freisinnigen teilen sich die Genossen die Macht im Hôtel de Ville. Wichtiger für das ausserordentlich friedliche Zusammenleben mit den Flüchtlingen ist für Schürch aber ein anderer Grund: «Boudry hat eine grosse Erfahrung mit einer anspruchsvolleren Klientel», erklärt er im Ratskeller.

Was er damit meint: Flüchtlinge sind nicht die erste Randgruppe, mit der es die Bevölkerung von Boudry zu tun hat. In Nachbarschaft zur Asylunterkunft sind bis heute ältere psychisch erkrankte Menschen zu Hause, und auch ein Heilzentrum für Drogen- und Alkoholsüchtige gibt es dort. Zudem seien die Asylbewerber ja schon länger hier.

Ganz im Geiste Neuenburgs

Die Situation in Boudry war nicht von Beginn weg einfach. Anfangs waren viele Asylbewerber aus Tunesien untergebracht. Darunter wohl auch Straftäter, die in den Wirren der arabischen Revolution in ihrem Heimatland aus den Gefängnissen entlassen worden waren. Es kam zu Diebstählen und die Neuenburger hegten ernsthafte Sicherheitsbedenken. Total ausser Kontrolle drohte die Situation zu geraten, als Betreuer vor drei Jahren Flüchtlinge zu sexuellen Handlungen genötigt haben sollen. Zu Verurteilungen kam es nie, der Sexskandal von Perreux blieb aber in den Köpfen der Menschen hängen. Damals war die Unterkunft noch vom Kanton organisiert, erst im September 2014 übernahm der Bund die Verantwortung.

Heute hat der Pragmatismus über die Angst vor fremden Menschen obsiegt. In Boudry spricht Gemeinderat Schürch stolz von einem «esprit neuchâtelois». Und tatsächlich: Kulturelle Unterschiede zur Deutschschweiz sind augenfällig. So ist der Kanton Neuenburg bis heute der einzige, der das Ausländerstimmrecht nicht nur auf Gemeindeebene kennt, sondern auch auf Kantonsebene.