GSoA-Initiative

Das Ende der alten Armee: Wie das Bild des starken Mannes mit der Hellebarde verschwand

Der Bundesrat versuchte 1989 mit den sogenannten «Diamant»-Gedenkfeiern, die Bevölkerung gegen die GSoA-Initiative zu mobilisieren. Ohne Erfolg.

Der Bundesrat versuchte 1989 mit den sogenannten «Diamant»-Gedenkfeiern, die Bevölkerung gegen die GSoA-Initiative zu mobilisieren. Ohne Erfolg.

36 Prozent des Stimmvolkes sagten vor 30 Jahren Ja zur Abschaffung des Militärs. So prägt das Schockresultat die Armee bis heute.

In der Schweiz der Achtzigerjahre kann man sich mit Anstand über Gott unterhalten. Man kann vernünftig über Sex diskutieren. Aber ein gesittetes Gespräch über die Daseinsberechtigung der Armee – das ist nicht möglich.

So beschreibt alt Nationalrat und Historiker Jo Lang in Anlehnung an den Schriftsteller Max Frisch die Stimmungslage 1985. Es ist das Jahr, in dem die Gruppe für eine Schweiz ohne Armee (GSoA) ihre historische Volksinitiative zur Abschaffung der Armee lanciert. Ein Volksbegehren, das die Schweizer Armee und deren Selbstverständnis für immer verändern wird.

Nicht alle GSoA-Anhänger sind von der Idee einer Initiative zur Abschaffung der Armee überzeugt, als die Gruppierung die Unterschriftensammlung im März 1985 startet. Bei der vorangegangenen Vollversammlung im Saal der Solothurner Genossenschaftsbeiz «Kreuz» warnen einige vor den Konsequenzen einer Ablehnung durch das Stimmvolk.

Andere finden, die GSoA sollte als Bewegung die Finger von institutionellen Instrumenten wie einer Volksinitiative lassen. Trotzdem verläuft die erste Unterschriftensammlung in der Geschichte der GSoA erfolgreich. Die Bundeskanzlei zählt im November 1986 rund 111300 gültige Unterschriften. Der damals 32-jährige Aktivist Jo Lang feiert das Zustandekommen in einem Essay als «kleines Polit-Wunder».

Die GSoA-Aktivisten Jo Lang (l.) und Andreas Gross (M.) in den 90er-Jahren.

Die GSoA-Aktivisten Jo Lang (l.) und Andreas Gross (M.) in den 90er-Jahren.

Überhaupt kein Wunder sieht der Bundesrat in der Initiative und erklärt die Abstimmung im Mai 1988 zur Existenzfrage: «Die Schweiz hat keine Armee, sie ist eine Armee», schreibt er in seiner Botschaft an das Parlament. Auch National- und Ständerat lehnen die Initiative mit total 233 von 246 Stimmen ab. Es sieht nicht gut aus für die GSoA. Im Winter 1988 zieht sich der Kern der Gruppierung für eine Retraite in das verschneite Hotel Rigi Kulm zurück. Neben unbeschwerten Momenten beim Schlitteln wird den Aktivisten bewusst: Es wartet ein unglaublich harter Abstimmungskampf.

Sie schliessen eine Wette ab: Jede und jeder schätzt den Ja-Anteil für die Abstimmung vom 26. November 1989. Und zahlt später die Differenz zum tatsächlichen Resultat als Frankenbetrag in einen Topf ein. Wer mit seiner Prognose am genauesten liegt, erhält den Jackpot. GSoA-Mitglied Jo Lang schätzt den Anteil der Ja-Stimmen auf 22,22 Prozent. Und liegt damit weit daneben. Er ist nicht der einzige, der weniger als ein Jahr vor dem Urnengang ein klares Nein erwartet.

Der Bundesrat geht in die Gegenoffensive

Im April 1989 fordert der damalige Militärminister Kaspar Villiger bei einem Auftritt vor Zürcher Unteroffizieren im Hinblick auf die Abstimmung ein «deutliches Signal des Schweizer Selbstbehauptungswillens». Um die Bevölkerung auf seine Seite zu holen, lanciert der Bundesrat in den Monaten vor der Abstimmung eine Serie von sogenannten «Diamant»-Feiern in Gedenken an die Mobilmachung 1939. Sechs Millionen Franken kosten die Erinnerungsfeiern, Ausstellungen und Grossveranstaltungen.

Jo Lang ärgert sich noch heute darüber: «Wir sind das einzige Land, das den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs gefeiert hat.» Im Lauf des Abstimmungskampfes 1989 zeichnet sich allerdings auch ab: Unter den Dienstpflichtigen hat sich viel Unmut aufgestaut. Ein 36-jähriger Kompaniekommandant namens Albert Widmer schildert einen Monat vor dem Urnengang in einem Forumsbeitrag für die «Basler Zeitung» seine «alarmierenden» Eindrücke: Die Hälfte seiner Kompanie habe sich bei einer Befragung für die GSoA-Initiative ausgesprochen.

Aus dem Umgang mit seiner Kompanie wisse er, dass nur ein Bruchteil wirklich für die Abschaffung der Armee sei. «Die anderen sehen in der bevorstehenden Abstimmung die erste Gelegenheit, einer Institution, von der sie glauben, dass sie auf Kritik von innen nicht mehr reagiert, einen Denkzettel zu verpassen.» Zu lange sei die Armee unbequemen Fragen unter Berufung auf den drohenden Ost-West-Konflikt aus dem Weg gegangen. «Es ist nicht verwunderlich, dass sich das nun zu einem Zeitpunkt, da das altbewährte Feindbild ins Wanken kommt, rächt.» Kurz danach fällt die Berliner Mauer. Hauptmann Widmer trifft mit seiner Analyse den sprichwörtlichen Nagel auf den Kopf.

Der Widerstand aus den eigenen Reihen schockiert die Militärs

Am 26. November 1989 stimmen 35,6 Prozent der Bevölkerung für die Abschaffung der Armee. Obwohl ihre Volksinitiative abgelehnt worden ist, hat die GSoA die Abstimmung gewonnen. «Die Schweiz ist keine Armee mehr!», verkündet die Gruppierung triumphierend. Noch schockierender für militärnahe Kreise ist die Bevölkerungsumfrage im Nachgang zur Abstimmung, gemäss der 72 Prozent der 20- bis 32-jährigen Auszugs-Soldaten für die Armeeabschaffung gestimmt haben.

Der «Tages-Anzeiger» resümiert, Bundesrat und Parlament hätten die Stimmung in der Bevölkerung falsch eingeschätzt: «Aus der Perspektive eines einfachen Soldaten wirkt die Armee häufig nicht so überzeugend, wie sie militärische Führer in Manöverbesprechungen darstellen.» Und die «Zürichsee-Zeitung» schreibt: «Die Schweizer Armee nach dem 26. November 1989 ist nicht mehr dieselbe wie vor diesem Datum.» Allen ist klar: Wenn die Armee eine Zukunft haben will, muss sie sich wandeln. Die harte Gangart gegenüber Dienstverweigerern, der fehlende zivile Ersatzdienst, schikanöse Regeln wie die Vorschriften zur Haarlänge, die Leerläufe im Armeealltag, die nicht existierende Möglichkeit, schon am Freitag abzutreten – all das geht nicht mehr.

Urnengang habe eine Verunsicherung herbeigeführt

Die Abstimmung über die GSoA-Initiative hat viel bewirkt. Wie viel, darüber gehen die Meinungen auseinander. Während Jo Lang den Rückgang des Armeebudgets der letzten 30 Jahre und die Reduktion des Armee-Bestandes von über 700'000 (1989) auf 140'000 Angehörige (2019) zu einem wichtigen Teil auf die Anstrengungen der GSoA zurückführt, äussert sich der frühere FDP-Präsident Franz Steinegger skeptisch: «Ich würde die sicherheitspolitischen Folgen der Abstimmung nicht überhöhen.» Der Urnengang habe zwar eine Verunsicherung bei «den ganz harten Landesverteidigern» ausgelöst und bewirkt, dass die Armee stärker auf die Wünsche der Jungen eingehen müsse. Aber die geopolitische Lage habe sich schon vor 1989 deutlich entspannt.

Der emeritierte Basler Geschichtsprofessor Georg Kreis erwähnt ebenfalls die zeitliche Parallele zum Fall des Eisernen Vorhangs. Eine Entwicklung, die bekanntlich schon Jahre vor der Abstimmung begonnen habe. Der hohe Ja-Anteil zur Armeeabschaffungs-Initiative habe die Liberalisierungstendenz in der Schweiz beschleunigt, sei aber gleichzeitig auch deren Produkt gewesen, sagt Kreis. «Das Staatsbürgerideal des starken Mannes, der die Eidgenossenschaft mit der Hellebarde verteidigt, ist nach und nach verschwunden.»

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