Pädokriminalität

Das dunkle Geheimnis eines Juniorentrainers: Ausländische Ermittler finden seine Kinderpornos

© Andreas Maurer und Daniel Vizentini

Ein scheinbar ganz normaler Mann führte ein Doppelleben. Auf dem Fussballplatz arbeitete er mit Kindern zusammen. Und zu Hause am Bildschirm schaute er Kinderpornos. Die Polizei erfuhr nur per Zufall davon.

An einem Dienstagmorgen um sechs Uhr bricht das alte Leben von Markus Huber* auseinander. Der Ton der Türklingel kündigt die Veränderung an. Drei Zivilpolizisten bitten freundlich um Einlass. Sie durchsuchen die Wohnung des 50-Jährigen und beschlagnahmen seine drei Laptops, seine Festplatte, seine zwei Smartphones und seine sechs Memorysticks. Darauf gespeichert sind 1123 Bilder und 332 Videos mit Kinderpornografie. Das Material, durch das sich die Ermittler arbeiten, ist verstörend.

Nach zwei Stunden ist die Wohnungsdurchsuchung vorbei. Die Nachbarn haben nichts mitbekommen. Die Polizisten sind mit einem zivilen Auto vorgefahren. Am Nachmittag erscheint Huber wieder zur Arbeit. Seine Abwesenheit entschuldigt er als persönlichen Notfall. Niemand erfährt, dass gerade seine Lebenslüge aufgeflogen ist.

Dreissig Jahre lang hat Huber Fussballjunioren in den Kantonen Aargau und Zürich trainiert. In all den Jahren haben Tausende Buben seinen Unterricht besucht. Seine ganze Freizeit widmete er dem Juniorenfussball. An drei Abenden pro Woche arbeitete er mit den Nachwuchstalenten des Vereins zusammen. Ferientage nahm er immer nur in der Saisonpause.

Sein Leben bestand aus seinem Job und dem Fussball

In seinem Leben gab es eigentlich nur eine Auffälligkeit: Er lebte alleine. Seine Beziehungen waren nie von langer Dauer, und irgendwann gab er es auf, sich um eine neue zu bemühen. Ansonsten aber führte er ein scheinbar ganz normales Leben in einer Aargauer Gemeinde. Es bestand hauptsächlich aus seinem Beruf in einer Lagerhalle und seiner Leidenschaft auf dem Fussballplatz.

Zum Bruch kam es vor sieben Jahren. Er wurde arbeitslos. Plötzlich hatte er viel Zeit, mit der er nichts anzufangen wusste. Die Bilder, durch die er sich am Anfang klickte, waren harmlos: Buben in Badehosen. Doch schon bald verloren diese ihren Reiz. Es folgten Buben ohne Badehosen, in aufreizender Stellung und schliesslich in Praktiken, die sich kaum in Worte fassen lassen. Ohne es richtig zu realisieren, wurde er süchtig nach Kinderpornografie. Er geriet in der Onlinewelt in einen Strudel, der ihn immer tiefer hineinzog.

An das Material zu kommen, war einfach. Huber startete in einem Onlineforum, wo er anonym chattete und Gleichgesinnte fand. Mit diesen tauschte er Kontaktdaten aus: die Namen, mit denen sie sich im KIK-Messenger registriert haben. Das ist eine App, mit der man wie bei Whatsapp Mitteilungen, Bilder und Videos verschicken kann, aber ohne sich mit einer Telefonnummer registrieren zu müssen. Huber loggte sich mit dem Benutzernamen «boylove_12» ein. So teilt man in der Szene seine Präferenz mit.

Die Kinderpornografie wird wie auf einem altertümlichen Markt gehandelt. Es ist ein Geben und Nehmen. Man schickt Bilder und Videos und erhält dafür andere. Huber hat keine Aufnahme selber gemacht. Das Material, das er vom einen erhielt, leitete er einem anderen weiter, wofür er neue Bilder erhielt, die er wiederum eintauschte.

Der Tipp: Ohne die kanadische Polizei wüsste die Schweiz nichts

Es war ein Zufall, der alles zum Einstürzen brachte. Ein Chatbenutzer mit dem Namen «martin reimer», der aus Kanada stammt, geriet dort in ein Strafverfahren. Die Ermittler stellten fest, dass er zwölf Dateien mit Kinderpornografie von einer mobilen IP-Adresse der Swisscom erhalten hatte. Das National Child Exploitation Coordination Centre der kanadischen Polizei meldete die Angaben der Polizeibehörde Europol, welche die Schweizer Bundespolizei Fedpol informierte. Diese wiederum leitete das Dossier der Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau weiter, die dann den Durchsuchungsbefehl bei Huber erteilt hat. Umfangreiche Ermittlungen tätigte sie keine.

Die Strafverfolgungsbehörde wertete das beschlagnahmte Material aus und fand dabei keine Hinweise, dass der Trainer selbst Kinderpornos hergestellt oder sich an Junioren vergriffen haben könne. Die Staatsanwältin benötigte lediglich drei Seiten, um in der Anklageschrift ihre Vorwürfe zu begründen. Dennoch dauerte es mehr als zwei Jahre, bis Huber vor Gericht steht. Sein Amt als Juniorentrainer hat er inzwischen freiwillig abgegeben. Als Grund gibt er Überlastung an.

Vor dem Bezirksgericht Lenzburg tritt Huber im Juni kleinlaut auf. Er nuschelt, man versteht ihn kaum. Eine Freiheitsstrafe wäre eine Katastrophe für ihn, sagt er. Dann würde er alles verlieren. Seine Arbeitsstelle, für die er so lange gekämpft habe, und wohl auch den Kontakt zu seinen Eltern, die noch immer nichts ahnen.

Der Prozess: Ein Satz der Richterin bleibt hängen

Obwohl der Fall öffentlich verhandelt wird, bleibt der Kreis der Eingeweihten klein. Von Hubers dunklem Geheimnis erfahren nur die Richter, die Staatsanwältin, ein Psychologe, sein Verteidiger und ein Journalist dieser Zeitung, der dem kurzen Prozess beiwohnt. Der Psychologe diagnostiziert eine gespaltene Persönlichkeit und eine pädophile Neigung, aber mit guten Therapiechancen.

Huber sagt vor Gericht: «Dass ich diese Krankheit habe, ist für mich nicht fassbar. Ich will wissen, warum ich das gemacht habe.»

Die Gerichtspräsidentin sagt zu ihm, das sei nicht genug: «Sie müssen herausfinden, was es für die Opfer bedeutet. Hinter jedem einzelnen Bild steckt ein Kind.» Sie ordnet eine fünfjährige Therapie an. Lernt Huber dabei, mit seiner Pädophilie umzugehen, muss er nicht ins Gefängnis. Zudem verhängt das Gericht ein Tätigkeitsverbot. Zehn Jahre lang darf er keine Junioren mehr trainieren oder ähnlichen Kontakt mit Kindern haben.

Huber befindet sich in einem Lernprozess. Zuerst bagatellisierte er seine Tat, wie die Staatsanwältin feststellt. In den Einvernahmen versuchte er, seine Onlinedelikte kleinzureden. Dann gestand er seine Schuld vor Gericht ein, redete dabei aber immer nur von sich selber. Nun ist er einen Schritt weiter. «Hinter jedem einzelnen Bild steckt ein Kind.» Der Satz der Richterin ist ihm eingefahren. Er verwendet ihn jetzt als seinen eigenen Satz und entwickelt ihn weiter. Er sagt: «Indirekt habe ich jedes Kind ein zweites Mal missbraucht.»

Die Erklärung: Er nahm das Leid in den Bildern nicht wahr

Auf Anfrage erklärt sich Huber zu einem Gespräch bereit. Abends um 20 Uhr fährt er mit seinem Auto beim vereinbarten Treffpunkt vor und setzt sich auf eine Betonbank. Er ist nervös, weil er Angst hat, dass seine Identität bekannt werden könnte. Noch immer hat er mit niemandem ausführlich über sein Geheimnis geredet. Die Therapie beginnt erst, wenn das Urteil rechtskräftig ist.

Unsicher ist Huber auch, weil in seinem Kopf viele Fragen schwirren, aber kaum Antworten. Das Schwierigste ist für ihn, das Bild, das er von einem Pädophilen hat, mit seinem Bild von sich selbst in Einklang zu bringen. Einen Pädophilen stellt er sich als «Lüstling» vor, der jedes Kind als Sexobjekt sehe. Er habe seine Fantasien aber nur in dieser Onlinewelt ausgelebt.

«Natürlich hat man als Juniorentrainer eine Beziehung zu den Kindern, aber es ist immer nur um Fussball gegangen», sagt er. Es habe ihn fasziniert, wie er die Buben zu Bestleistungen antreiben konnte. Aber er sei nie einem Kind zu nahe gekommen. Die Umkleidekabinen der Junioren habe er nur betreten, wenn er von draussen hörte, dass es Ärger gab. Dabei sei er nie alleine gewesen, sondern habe sich immer von einer anderen erwachsenen Person begleiten lassen, wie es die Richtlinien des Fussballverbands vorsehen.

Das ist ein Grund, weshalb sich Huber dem Gespräch stellt. Er will den kleinen Rest, der von seiner Ehre übrig bleibt, verteidigen.

Huber vergleich die Pädophilie mit einem Virus, das jahrelang unbemerkt in ihm geschlummert sei und plötzlich in der Zeit seiner Arbeitslosigkeit ausgebrochen sei. Über die Onlinewelt der Vergewaltigungsbilder, in der er sich bewegt hat, sagt er heute: «Ich war wie in einem Tunnel gefangen und habe nicht gemerkt, wie viel Leid in den Bildern steckt, die ich mir anschaute.»

Ruhig schlafen kann er nicht mehr

Zweifel sind ihm allerdings schon einige Monate vor der Wohnungsdurchsuchung gekommen. Eines Tages sei ihm die Brutalität der Bilder schockartig bewusst geworden und er habe das Chatprogramm deinstalliert, sagt er. Weitere Spuren löschte er aber nicht. Er hätte nie gedacht, dass die Polizei auf ihn aufmerksam werden könnte.

Die Bilder, die er sah, verschwinden nicht mehr aus seinem Kopf. Gut schlafen könne er nicht mehr. «Ich kann mir nicht verzeihen, was ich getan habe. Aber diese Bürde muss ich alleine tragen», sagt er. Seine grösste Sorge ist, dass Freunde und Familie davon erfahren. «Das haben sie nicht verdient.»

*Name geändert

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