Bettler

Das Betteln wird zur Stadtplage

Sie erwecken Mitleid und kommen so auf einen ansehnlichen Stundenlohn. Nur geht es hier weder um Randständige noch um sozial Benachteiligte, sondern um organisierte Bettelei. Die Bevölkerung ist zusehends verärgert, die Stadtpolizei aber fast machtlos.

Roman Huber

Wer sich gern barmherzig zeigt, für den wird der Marsch durch die Badener Innenstadt an einem belebten Mittwoch oder Samstag zum Spiessrutenlauf.

Beim Kafi Himmel kniet ein Mann und spricht jeden Passanten mit «Messi Mössieur» an, mit «Messi Madame» die vorbeigehenden Frauen. Viele Leute machen einen Bogen um ihn. Andere werfen einen verächtlich-fragenden Blick auf den komischen Kauz, der osteuropäischer Herkunft sein dürfte. Doch einige zücken ihr Portemonnaie und legen ihm einen Batzen in die Mütze.

Kaum hundert Meter davon entfernt kniet der Nächste. Demonstrativ streckt er den Leuten seinen verstümmelten Unterarm entgegen und sichert sich so das Mitleid. In der Baseballmütze glitzert schon eine flotte Summe an Münz. Dass der Mann um die 30 eine modische Jeans trägt und weder an Hunger noch sonst an Not leiden dürfte, scheint die Spender nicht zu irritieren.

Das Geld wird abgeliefert

Wer sich denkt, der invalide Bettler könne das Geld für sich verwenden, täuscht sich abermals. Der Mann verschwindet plötzlich in den Moserweg Richtung Kino Sterk, nimmt das Handy hervor und avisiert einen Hintermann. Der kreuzt auf. Man macht Kassensturz. Wenige Minuten später kniet er wieder am selben Platz.

Inzwischen hat jemand die Stadtpolizei avisiert. Doch der Bettler ist aufmerksam genug, um der nahenden uniformierten Patrouille rechtzeitig zu entwischen. «Einige schnappen wir, doch wir haben keinerlei rechtliche Handhabe gegen sie», erklärt Martin Zulauf, Chef Stadtpolizei Baden. Das Geld werde ihnen abgenommen und obendrauf gebe es eine Ordnungsbusse, wenn das Geld noch dazu reicht.

«Wir weisen die Leute zwar weg, doch kaum haben wir ihnen den Rücken zugekehrt, sind sie schon wieder da», schildert der Polizeichef den fast aussichtslosen Kampf. Andere Möglichkeiten gebe es nicht. «Wir nehmen sie auf den Posten und kontrollieren ihre Papiere, können sie aber nicht einsperren.»

Die meisten von ihnen kommen aus der Slowakei oder aus Rumänien und Bulgarien. Ab und zu hat es Fahrende oder Schwarze, die oftmals gar keine Papiere bei sich hätten.

Bettler werden immer dreister

Andere sind bei der Geldbeschaffung dreister: Mütter mit Kindern sprechen Leute im Strassencafé an, erzählen irgendwelche Gruselgeschichten und erhalten prompt Geld; einige schütteln den Kopf, weisen sie weg, müssen sich dann aber Schimpfwörter gefallen lassen. Selbst Kleinkinder werden zum Betteln missbraucht. Eine Frau mit einem Kind auf dem Arm erbettelt sich im Metro Shop Geld.

In rund 20 Minuten dürften mindestens 30 Franken zusammengekommen sein. Dann verschwindet die angebliche Mutter mit dem Kind. Fünf Minuten später taucht eine andere Frau auf - ebenfalls bettelnd und mit demselben Kind auf dem Arm.

Noch dreister ist jene Gruppe von Leuten südländischer Herkunft, die mit einem Unterschriftenbogen für ein angebliches Behindertenzentrum in der Region Geld eintreibt. Wer nicht freiwillig Geld herausrückt, wird nahezu genötigt. Taucht dann die Polizei auf, sind sie längst über alle Berge. Und diese muss sich manchmal von Zuschauern gar anhören, sie sollen diese armen Bettler doch in Ruhe lassen.

In den grösseren Städten geht man rigoros gegen die Bettelei vor. Kein Wunder, sind sie längst auf die Kleinstädte ausgewichen. Stadtrat Reto Schmid, Vorsteher Ressort Sicherheit, ist sich des Problems bewusst.

Weil trotz Bettelverbot einschneidende rechtliche Mittel fehlen, gibt es für ihn nur ein Rezept: «Wer einen Bettler trifft, soll ja nichts spenden, sondern umgehend die Polizei rufen.» Schmid ist überzeugt, dass nur ein konsequentes Eingreifen der Polizei dem Übel ein Ende setzen kann. Doch das sei nur mit Mehraufwand zu bewerkstelligen.

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