Bundesratsserie

Das Berset-Dorf

Die Kirche überragt das Dorf: Belfaux im Saane-Bezirk.

Die Kirche überragt das Dorf: Belfaux im Saane-Bezirk.

Berset ist ein grosser Name im freiburgischen Belfaux. Mindestens so bekannt wie Bundesrat Alain ist hier seine Mutter. Die Gemeindepolitik war einst erbarmungslos. Jetzt ist alles ruhig. Fast zu ruhig.

«Zum Tanken brauchte man eine Dreiviertelstunde!» Gelächter am Stammtisch im Café de l’Etoile. Es ist Apéro-Zeit, und die Runde der Belfagiens erinnert sich an den Grossvater von Alain Berset. Er betrieb eine Tankstelle, fuhr einen blauen Opel und sei dabei fast an der Windschutzscheibe geklebt. Eine ältere Frau ahmt den Grossvater am Steuer nach. Viel Herzlichkeit liegt in der Geste, in den Erzählungen. «Er war ein offenes Buch», sagt die Frau. Deshalb hat auch das Tanken so lange gedauert. Sie hat als Kind in der alten Schmiede gelebt: in diesem stattlichen Herrschaftshaus, wo heute die Familie Berset wohnt. Bundesrat Alain mit Frau und den drei Kindern, den Eltern, Onkel und Tante. Der Clan residiere – je nach Blickwinkel – wie eine Fürstenfamilie oder eine albanische Grossfamilie unter einem Dach, schrieb die «Weltwoche» kürzlich.

In Belfaux weiss jeder, wo die Bersets wohnen. Das alte Patrizierhaus sticht hervor: Von der Grösse her natürlich – aber auch, wie es renoviert worden ist. Dabei ersteigerte Grossvater Berset das Haus aus einer Laune heraus. Die Gemeinde wollte es 1959 loswerden – es war in einem desolaten Zustand. Der Grossvater richtete seine Hufschmiede im Hof ein. In seiner Wohnung soll stets ein Pferdegeruch gelegen haben, und im Hof versammelten sich die Dorfkinder um das Feuer, wo die Rösser beschlagen worden sind.

Die Familie Berset: Das ist in Belfaux weit mehr als Bundesrat Alain. Die Bersets sind je nach Sichtweise eine Institution, eine Macht oder ein Clan. Zumindest aber: alteingesessen.

Eifersucht, Rache und Rivalitäten

Belfaux liegt zwischen Stadt und Land. Von Freiburg her erreicht man das Dorf mit dem Zug in sieben Minuten. Wer aussteigt, sieht zwei Welten: rechter Hand die grünen Wiesen mit knorrigen Obstbäumen und Wäldern. Linker Hand eine seelenlose Neuüberbauung, wie sie in jeder Schweizer Agglomerationsgemeinde vorkommt. Viele Wohnungen und ein wenig Kommerz – von der Pizzeria über eine Akupunkturpraxis bis hin zur Migros. In zehn Jahren ist die Bevölkerung von 2000 auf 3500 Personen angewachsen. Kein Wunder. Die Lage ist hervorragend, Belfaux verkehrstechnisch gut erschlossen. Das Dorf hat zwei Bahnhöfe und liegt an zwei verschiedenen Zuglinien: Freiburg–Neuenburg und Freiburg– Yverdon. Und auch die Buslinie nach Avenches führt durch die Gemeinde. Ein Paradies für Pendler.

Das Dorf entstand um die Kirche herum. Im 15. Jahrhundert wurde sie durch ein Feuer vollständig zerstört. Ein Holz-Kruzifix blieb unversehrt – ein wundersames Ereignis, dachte man sich. Und so wurde Belfaux zu einem bedeutenden Pilgerort. Um die Reisenden zu beherbergen, entstanden die «auberge du mouton» und das «13 cantons». Diese historischen Gebäude bilden zusammen mit der Kirche den Kern des alten Belfaux.

Im «mouton» trifft sich die CVP, im «13 cantons» die SP. Die beiden Parteien prägen die Dorfpolitik. Und nicht immer ging es in der Vergangenheit friedlich zu und her. Das letzte Drama liegt noch nicht lange zurück. Mittendrin: Solange Berset – die Mutter des heutigen Bundesrates. 10 Jahre lang war die SP-Politikerin Gemeindepräsidentin. 2011 wurde sie zwar mit dem besten Resultat wieder in den Gemeinderat gewählt – doch ihre Kollegen in der Exekutive machten einen CVP-Mann zum Chef. Solange Berset trat zurück, später drei andere SP-Gemeinderäte. Mobbingvorwürfe wurden laut. In der SP witterte man einen Racheakt gegen die Bersets, von Neid und Missgunst war die Rede. Der Präfekt des Bezirks liess die Geschichte untersuchen. Die Gründe für das schlechte Klima ortete er in einem Gewirr aus lang anhaltenden politischen Spannungen, alten persönlichen Konflikten und Streitigkeiten im Dorf. Geschichten und Gerede, wie es sie in vielen Gemeinden gibt. In Belfaux musste der Präfekt in den letzten 20 Jahren aber gleich dreimal eingreifen.

Das Dorf gilt als sehr politisch – und das nicht im positiven Sinn. Doch die aktuelle Gemeindepräsidentin Rose-Marie Probst versichert: Im Moment ist alles ruhig. Die Gemeindebehörde beschäftigt sich mit einer Umfahrungsstrasse, um das Dorf vom Autoverkehr zu entlasten, neuen Schulhäusern und der Erarbeitung eines Zonenplans. Die Zeichen stehen auf Wachstum: «Doch ein Schlafdorf sind wir nicht», sagt Rose-Marie Probst. Sie verweist auf das reiche Vereinsleben: Musikgesellschaft, Chor, Fussball- und den Leichtathletikklub.

Ein Klub, ein Name

Letzterer ist die Domäne der Bersets. Die Eltern von Alain prägten den Klub – und tun es immer noch. Die Vereinsrekorde sind beinahe eine Familienangelegenheit. Alain Berset hält noch immer den Rekord über 400 Meter, und er gehörte zur schnellsten 4×100-Meter-Staffel, die der Klub je hatte. Auch Frédéric Krauskopf gehörte dazu: «Es ist keine Selbstverständlichkeit, dass ein so kleiner Klub eine gute Staffel zusammenstellen kann», sagt Krauskopf. Eine Staffel erfordere viel Teamgeist. Ein wenig Stolz schwingt mit, wenn sich der heutige Rechtsprofessor der Universität Bern daran erinnert. Er lobt die unglaubliche Arbeit der Eltern Berset für den Verein und erinnert sich, dass Alain oft die Fahrdienste zu den Wettkämpfen oder ins Trainingslager übernahm. Klug, umsichtig und integer nennt er seinen einstigen Staffelkollegen, mit dem er noch heute freundschaftlich verbunden ist. Nur die Treffen sind seltener geworden. Am häufigsten kreuzen sie sich im Wald von Belfaux: am Wochenende beim Joggen. «Alain ist noch gut in Form», lacht Krauskopf.

Comics, Muscheln und eine Miss

Bundesrat Berset nimmt am Dorfleben vor allem durch seine Kinder teil. Am Fussballmatch des Juniors, am Tag der offenen Tür in der Schule und immer am Comic-Festival Bédémania. Die Familie Berset reserviert jeweils einen Tisch – und isst «Moules et frites». In rauen Mengen offenbar. Oder zumindest so viel, dass es der Bevölkerung im Kopf haften bleibt.

Ansonsten sehen sie ihn nicht viel. Aber sie sind stolz auf «notre Alain» und erwähnen im gleichen Atemzug, dass auch die Miss Schweiz Lauriane Sallin in der Gemeinde wohnt. Man hat sich an den Helikopter und das schwarze, schöne, grosse Auto gewöhnt, das jeweils bei der alten Schmiede hält. Und so wendet sich der Stammtisch wieder Wichtigerem zu. Den Ferien in Marokko. Den Steinpilzen im nahegelegenen Wald. Oder der Angst, dass Belfaux zu einem Schlafsaal verkommt.

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