Davon abgesehen, dass es fürs Freibad bald ohnehin zu kühl sein dürfte: Das Bremgarter Badi-Verbot zeugt von bemerkenswerter Naivität. Den Stadtbehörden könnte man dies allenfalls nachsehen. Von den Profis im Bundesamt für Migration indes musste man mehr Sensibilität und Umsicht erwarten.

Wer sich mit der Geschichte des Rassismus auch nur etwas beschäftigt hat, weiss: Im Weltbild des Rassisten bildet das Schwimmbad eine ganz besondere Attraktion. Es geht um den «gesunden Volkskörper», der keinesfalls mit vermeintlich minderwertigen Gestalten in Kontakt kommen darf. Saul Friedländer, einer der bedeutendsten Historiker des Holocaust, hat es so formuliert: «Die Anwesenheit von Juden in öffentlichen Badeanstalten war für die pornografische Fantasie der Nazis ein wichtiges Thema, das in seinem Stellenwert nur von regelrechter Rassenschande übertroffen wurde.» Und in Südafrika kam es nach dem Ende der Apartheid wiederholt vor, dass Weisse öffentliche Badeanlagen zerstörten, um sie nicht mit Schwarzen teilen zu müssen.

Es ist also keineswegs nur dem Sommerloch geschuldet, wenn die Einschränkungen für badefreudige Asylbewerber zum internationalen Medienthema avancieren. Bei einem solchen Angebot an drastischen Geschichtsbildern wohnt dem Bremgarter Badi-Verbot auf den ersten Blick in der Tat ein enormes Skandalpotenzial inne. So haben gestern die «Frankfurter Allgemeine» und die Berliner «Tageszeitung» prominent darüber berichtet, ARD und «Al Jazeera» waren tags zuvor zur Stelle. Ebenfalls am Donnerstag titelte die Online-Ausgabe des Londoner «The Independent»: «Die Schweiz führt apartheidartige Restriktionen ein.»

Wer ist ein Rassist?

Und doch: So verlockend es ist, einen Assoziationsbogen vom alten Südafrika in den Aargau zu schlagen – wer sich ernsthaft mit dem Thema Rassismus auseinandersetzt, weiss auch: Ein Vorbehalt und ein Stereotyp allein bedeuten noch keinen Rassismus. Der Medizinhistoriker Sander L. Gilman schreibt: «Ohne Stereotype sind wir nicht handlungsfähig.» Kommt es in unserer Umgebung zu einer Veränderung, wird dies zunächst unwillkürlich als Bedrohung wahrgenommen.

Das Stereotyp gibt einem die Möglichkeit, die Verunsicherung scheinbar rational zu artikulieren. Konkret: Werden in einer Gemeinde Vorbehalte gegen die geplante Unterbringung von Asylbewerbern sowie Forderungen nach Rayonverboten laut, so ist das zunächst bloss (allzu)menschlich. Ein Rassist ist erst, wer die vermeintliche Andersartigkeit und Minderwertigkeit als genetisch festgelegt betrachtet. Er spricht dem anderen ab, auf gleicher Stufe zu stehen und diese angeblich niedere Stufe je verlassen zu können.

Die bisherige Erfahrung mit den Bundeszentren für Asylsuchende dagegen zeigt: Wo auch immer ein solches eröffnet werden sollte, ertönte im Vorfeld der Ruf nach restriktiven Vorkehrungen – mit der Inbetriebnahme des Zentrums aber verstummten diese Stimmen. Das war im bündnerischen Sufers so. Als das anfangs umstrittene Zentrum nach sechs Monaten plangemäss geschlossen wurde, hätte mancher Einheimische «seine» Asylbewerber am liebsten adoptiert.

Kaum eine Fussnote in der Rassmusmus-Geschichte

Im bernischen Hasliberg konnten zu Beginn gar nicht genug Sicherheitsleute postiert werden; später beklagten sich die Einheimischen über die Präsenz der Securitas-Wächter. Die Kantone Freiburg und Neuenburg haben derweil beim Bund den Antrag gestellt, ihre auf ein paar Monate befristeten Zentren in Châtillon und Les Pradières länger betreiben zu dürfen: Die lokalen Lieferanten schätzen die Mehraufträge. Und ist ein Asylsuchender irgendwo dann doch unangenehm aufgefallen, waren die Einheimischen durchaus in der Lage, dies als individuelles Fehlverhalten zu interpretieren.

Vor diesem Hintergrund ist davon auszugehen, dass der «Fall Bremgarten» am Ende kaum eine Fussnote in der Geschichte des Rassismus hergibt. Vielmehr dürften sich die Wogen im Reussstädtchen glätten, sobald die Stereotype anderen, aus der persönlichen Erfahrung gespeisten Bildern gewichen sind. Und was das blöde Badi-Verbot angeht: Die Flut an Medienberichten wird die Verantwortlichen hoffentlich rasch zur Besinnung bringen. Asylministerin Simonetta Sommaruga ist gestern ja schon einmal als Erste kräftig zurückgerudert.