Alpentransit

Darum hapert es bei der Neat noch: Die Schweiz baut aus, Deutschland bremst aus

Die letzte fehlende Röhre der Neat: Blick aus dem Führerstand im Ceneri-Basistunnel.

Die letzte fehlende Röhre der Neat: Blick aus dem Führerstand im Ceneri-Basistunnel.

Mit der Eröffnung des Ceneri-Basistunnels ist die Alpentransversale vollendet. Doch die Deutschen sind mit ihrem Anschluss massiv im Rückstand. Springt Frankreich ein?

Sie ist das grösste, teuerste Bauwerk in der Geschichte des Landes: Die Schweiz hat Milliarden in die Neue Eisenbahn-Alpentransversale Neat investiert. Mit der Eröffnung des Ceneri-Basistunnels ist das Bauwerk fertig, und alle gemeinsam mit dem Gotthard-Basistunnel geplanten Zufahrtsstrecken im Landesinnern sind es ebenso.

Die Flachbahn durch die Alpen – sie ist Wirklichkeit. Gebohrt wurden die Schweizer Röhren für ganz Europa. Von einer «grossartigen, helvetischen Meisterleistung» schwärmt Peter Füglistaler, der Direktor des Bundesamts für Verkehr. «Die Neat wurde von Anfang an europäisch gedacht und konzipiert.» Güter sollen effizient zwischen Nord und Süd transportiert werden, zwischen Nordsee und Mittelmeer, zwischen den Häfen Rotterdam und Genua. Bloss: Besonders Deutschland hinkt bei seinen Zulaufstrecken hinterher.

Der Ausbau der Rheintalstrecke Karlsruhe–Basel auf vier Spuren kommt nicht voran. Tausende Einsprachen verzögern das Projekt, dazu kommen Schwierigkeiten bei der Planung. Und schliesslich mangelt es zuweilen schlicht an politischem Willen.

Rund 15 Jahre Verspätung hat das nördliche Nachbarland. Unterdessen hat der Staat das Geld für den Ausbau zwar gesprochen. Jüngsten Prognosen zufolge soll der Neat-Anschluss jedoch erst 2040 abgeschlossen sein. Dabei unterzeichneten die Schweiz und Deutschland im Jahr 1996 eine Vereinbarung, die nicht nur die Leistungsfähigkeit der Neat-Zulaufstrecken sicherstellen sollte, sondern auch den durchgehenden Ausbau der Rheintalstrecke vorsah.

Sommaruga kritisiert Deutschland

Verkehrsministerin Sommaruga kritisiert: «Italien ist auf Kurs, Deutschland nicht.»

Verkehrsministerin Sommaruga kritisiert: «Italien ist auf Kurs, Deutschland nicht.»

«Italien ist auf Kurs, Deutschland nicht», fasste Verkehrsministerin Simonetta Sommaruga die Lage im Gespräch mit dieser Zeitung zusammen. Während Jahren waren Schweizer Verkehrsminister mit Kritik an Deutschland zurückhaltend; zuerst musste 2016 der Gotthard-Basistunnel eröffnet werden. Sommaruga nimmt für sich in Anspruch, die Gangart verschärft zu haben:

Tatsächlich unterzeichnete die Bundesrätin mit ihrem Berliner Amtskollegen Andreas Scheuer im Frühling 2019 eine neue Erklärung. «Wir haben viel zu investieren», räumte der deutsche Minister damals ein. Vorderhand einigten sich die beiden auf technische und betriebliche Verbesserungen, bis die Strecke vierspurig ist. Vorgesehen sind etwa kleinere Ausbauten im Knotenpunkt der Stadt Offenburg. Weitere Massnahmen, wie Verbesserungen beim Wechsel des Lokpersonals im süddeutschen Raum, sollen den Bahngüterverkehr zudem etwas flüssiger machen.

Diesbezüglich sei Deutschland jetzt auf Kurs, findet Sommaruga. Morgen Donnerstag trifft sich die Bundesrätin in Lugano abermals mit europäischen Amtskollegen. Der deutsche Verkehrsminister Scheuer reist allerdings nicht an; er schickt lediglich seinen Staatssekretär ins Tessin.

Eine neue Route links des Rheins

Die Strecke im Rheintal verfügt über keine einfach zu befahrende Ausweichroute. Das will das Schweizer Parlament ändern: Beide Kammern haben diesen Sommer den Bundesrat beauftragt, parallel eine Zulaufstrecke links des Rheins auf französischem Boden zu prüfen – eine Art Doppelstrategie also. Die Schweiz solle entsprechende Verhandlungen mit Frankreich und Belgien aufnehmen.

Konkret müsste die Route von Basel über Strassburg und Metz nach Belgien zu einer Hochleistungsstrecke für Güterzüge ausgebaut werden, wiederum mit Vier-Meter-Korridor. Damit verbunden wäre auch der Ausbau mehrerer Tunnel.

Ein neuer Staatsvertrag soll laut Bundesamtschef Füglistaler in den kommenden Jahren vereinbart werden. Gespräche namentlich mit den französischen Bahnbehörden laufen. Kann das Nadelöhr im Norden mit einer neuen Route schneller beseitigt werden? Allzu grosse Erwartungen mögen die Verantwortlichen in Bern nicht schüren. Auch Frankreich und Belgien würden «nicht von heute auf morgen fertig», betont Verkehrsministerin Sommaruga. Zumal die Strecke für die beiden Länder strategisch auch nicht unbedingt vorrangig sei.

Die Schweiz muss wohl finanziell zeigen, ob ihr Interesse daran wirklich so gross ist. Oder, wie es die Bundesrätin formuliert: «Es ist kein neuer Gedanke, dass die Schweiz nachhilft, wenn es in unserem Interesse ist.»

Autor

Sven Altermatt

Sven Altermatt

Meistgesehen

Artboard 1