Kommentar

Danke, liebe Politiker

Die CVP mit ihrem Chef Gerhard Pfister hat diese Woche auf Aufregung gesorgt.

Die CVP mit ihrem Chef Gerhard Pfister hat diese Woche auf Aufregung gesorgt.

Der Wochenkommentar zu den Bürden und Würden im Wahlkampf.

«Langeweile und fehlende Brisanz» konstatierte vor Wochenfrist ein Kollege an dieser Stelle. Der Schweizer Wahlkampf plätschere ereignislos dahin. Diese Aussagen würden wohl die wenigsten der knapp 5000 Kandidierenden für das Parlament so unterschreiben.

Vielleicht ist der Wahlkampf im Vergleich zu Österreich langweilig, für die Kandidierenden ist er aber ein echtes Stück Arbeit. Und manchmal auch ganz schön kostspielig. Natürlich: Es gibt Ständerate, die ohne Konkurrenz bereits in stiller Wahl bestätigt worden sind. Andere, die als Bisherige nichts zu befürchten haben. Eine Wahl im Schlafwagen sozusagen.

Für viele sieht die Realität indes anders aus.

Die Anspannung ist im Bundeshaus zu greifen. Die Emotionen, welche die CVP mit ihrer Onlinekampagne diese Woche ausgelöst hat, sind ein Beispiel dafür. Selbst gestandene Politiker beweisen in diesen Tagen ein dünnes Nervenkostüm. Herausragende Kampagnenmacher in den Parteizentralen, die nichts aus der Ruhe bringt, klingen plötzlich aufgeregt. 

Politiker drängen noch stärker in die Medien mit neuen und alten Ideen. Manch einer geht dabei nicht subtil vor, sondern mit echter Penetranz. Die Behandlung der Konkurrenz wird genau registriert. Anzahl Erwähnungen, Textlängen und Bildergrössen sind die Massstäbe. Ungerecht behandelt fühlt sich fast jeder. Präsenz und Aufmerksamkeit ist alles in der Endphase des Wahlkampfes.

Wer mag es den Kandidaten und den Wahlkämpfern auch verübeln? Denn ja, Wahlen sind eine unerbittliche Angelegenheit. Am 20. Oktober wird abgerechnet. Natürlich öffentlich. Zählen tut dann nur eine nackte Zahl, die Stimmenzahl. Und manchmal auch noch das Proporzglück.
Wer denkt, dass die Wahlen nur für bisherige Parlamentarier oder Kandidierende mit besonders reellen Wahlchancen anstrengend sind, der irrt. Heute wird selbst von Listenfüllern volles Engagement erwartet.

Es erschöpft sich nicht mit dem Aufhängen von Plakaten (eine echte Wissenschaft). So ist es zumindest bei der CVP. Jeder der 700 Kandidatinnen und Kandidaten hat ein individuelles Wahlziel erhalten. Die Partei sagt, wie viele Panaschierstimmen erwartet werden. Diese Zielvorgabe soll motivierend wirken und natürlich zur Mobilisierung beitragen. Tatsächlich sagte ein Nationalrat diese Woche aber auch, die Gewissheit, vor vier Jahren Panaschierkönig in seinem Kanton gewesen zu sein, habe ihn die letzten vier Jahre über viele bittere Momente hinweg getröstet. Den entsprechenden Zeitungsartikel hat er ausgeschnitten.

Ein politisches Amt bringt Einfluss und Prestige und viele Annehmlichkeiten. Aber auch Bürden. Politiker sind exponiert, sie teilen aus, müssen einstecken. Die Hürden für persönliche Angriffe und Beleidigungen sind in den letzten Jahren massiv gesunken. Politiker ziehen sich mit Vorteil eine dicke Haut über. Mitleid muss zwar nicht sein, aber so ein Wahlkampf ist eine gute Gelegenheit, um Danke zu sagen, dass sie für ihre Überzeugungen und Werte einstehen. Und die Demokratie lebendig machen.

Jetzt touren die Kandidierenden also noch einen Monat durch ihre Kantone. Verteilen Flyers und Goodies, besuchen Feste und Veranstaltungen, Schütteln Hände und füllen Fragebogen von Verbänden aus. Und daneben füttern sie Twitter, Facebook, Youtube und Instagram mit neuen Inhalten. Die Zahl der Kanäle, welche die Kandidierendem bespielen müssen, hat zugenommen. Das paradoxe dabei ist: Gerade deshalb wird der persönliche Kontakt zu den Wählerinnen und Wählern wichtiger.

Was wir hier erleben, ist nur der finale Höhepunkt des Wahlkampfes. Die Weichen für die Wahlen wurden natürlich viel früher gestellt. Das gilt nicht nur für die Strategien in den Parteizentralen. Sondern auch die internen Ausmarchungen um Ständeratskandidaturen oder Listenplätze. In manchen Kantonalparteien ein echter Intrigantenstadel. Die ärgsten Feinde finden sich oft in der eigenen Partei.

Also, geniessen wir es als Wähler, wie wir für einmal von den Politikern umworben werden. Und sagen für einmal Danke, den Vielgescholtenen.

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