Von Gutenbergs Druckmaschine bis zur ersten TV-Debatte in Amerikas Präsidentschaftswahl – neue Kommunikationsmittel haben in der Geschichte immer auch Politik und Wahlen geprägt. Beppe Grillos Erfolg bei den italienischen Parlamentswahlen – laut ersten Resultaten und Hochrechnungen erhielt seine Fünf-Sterne-Bewegung rund 25 Prozent der Stimmen – wirft interessante Fragen auf. Können soziale Medien Wahlen beeinflussen? Europäer sind im Schnitt vier Stunden am Tag online, am Computer oder auf dem Smartphone, und tauschen sich via Facebook, Twitter, Google+ oder LinkedIn aus – auch über Politik.

In Europa gibt es rund 250 Millionen Facebook-Konten. Bereits der Arabische Frühling hat eindrücklich demonstriert, dass mithilfe des sogenannten «Web 2.0» neue soziale und politische Bewegungen schneller und weitaus einfacher gegründet werden können als zuvor. In den letzten drei Jahren demonstrierten dies auch die English Defence League in Britannien, die Piratenpartei in Deutschland oder die Occupy-Bewegung auf eindrückliche Art und Weise. Für viele junge Menschen ersetzt die virtuelle Auseinandersetzung mit Politik online die frühere formelle Mitgliedschaft in einer Partei und damit verbundene reale Aktivitäten.

Jeder vierte Wähler für Grillo

Beppe Grillo hat das Potenzial der sozialen Medien in Europa als einer der ersten Politiker erkannt und seinen Wahlkampf voll darauf ausgerichtet: Soziale Medien waren für ihn und seine Bewegung das hauptsächliche Mittel für Kommunikation, Rekrutierung und Organisation. Quasi über Nacht wurde das im Herbst 2009 gegründete «Movimento 5 Stelle» (M5S) zu einer der populärsten politischen Kräfte in Italien – am Sonntag und gestern stimmte jeder vierte Wähler für die «Fünf Sterne».

Soziale Medien sind für Grillos Vision einer stärkeren direkten Demokratie und einer stärkeren Involvierung normaler Bürger in der Politik zentral. Beppe Grillo ist im Web 2.0 äusserst populär. Die Statusmeldungen auf seiner Facebook-Seite verfolgen über 1,1 Millionen Fans; seine regelmässigen Twitter-Einträge lesen 933 000 Follower.

Erfolg auch anderswo in Europa?

Der britische Think-Tank «Demos» führte unter Grillos Facebook-Fans eine Umfrage durch, bei der 2245 Menschen mitmachten. Grillos digitale Freunde sind laut der kürzlich publizierten Studie zu 63 Prozent männlich; 64 Prozent sind über 30-jährig und damit älter als der durchschnittliche Facebook-User. Die Grillo-Fans sind überdurchschnittlich gebildet, stellen aber auch einen höheren Anteil an Arbeitslosen als im Landesschnitt. Als wichtigste Themen gaben sie die Wirtschaftslage (62%) und die Arbeitslosigkeit (61%) an. Sie sind klassische «Wutbürger» – 83 Prozent sind höchst unzufrieden mit Demokratie und Parteipolitik in Italien.

Die Autoren der britischen Studie glauben, dass sich Grillos Erfolg auch im übrigen Europa wiederholen lasse. Denn die Kombination von einer Anti-Establishment-Rhetorik und smarten modernen Medien spricht überall in Europa Menschen an. Mainstream-Politiker sollten die Grillo-Bewegung ernst nehmen – nicht nur in Italien und in der EU, sondern auch in der Schweiz.