Nun sucht Yannick Buttet keine Ausflüchte mehr: Sprach er am vergangenen Freitag noch von einer Medienkampagne, die gegen ihn im Gange sei, sucht er den Fehler jetzt nur noch bei sich. «Ich möchte mich zutiefst bei meiner Frau und meiner Familie und den Menschen entschuldigen, die durch mein unangemessenes Verhalten verletzt wurden, auch bei meinen Parteikollegen», schreibt der CVP-Nationalrat in einem Communiqué, welches er am Montagvormittag von seinem Anwalt Andreas Meili an die Medien verschicken liess. Per sofort lässt sich der 40-Jährige krankschreiben und verpasst so die letzten neun Tage des parlamentarischen Jahres 2017. Auch sein Amt als Gemeindepräsident von Collombey-Muraz lässt Buttet ruhen.

Auf einen definitiven Rücktritt aber verzichtet Buttet. Stattdessen begibt er sich in eine ärztliche Kur, um «meinen Alkoholkonsum in den Griff zu bekommen». Nach der Genesung wolle er mit seiner kantonalen Partei – der CVP Unterwallis – absprechen, ob er sein Mandat als Nationalrat weiterführe oder nicht, schreibt Buttet.

Zu Kreuze gekrochen

Mit dem Eingeständnis eines Alkoholproblems und der öffentlichen Ankündigung, dieses mit ärztlicher Hilfe anzugehen, kriecht Buttet zu Kreuze – offensichtlich gut beraten von dem so erfahrenen wie gewieften Medienanwalt Andreas Meili, der vor drei Jahren schon den Aargauer Grünen-Nationalrat Geri Müller gegen mediale Skandalisierung beriet. Meili weiss: Nur wenn Buttet seine Schuld ohne Umschweife zugibt, hat er überhaupt eine kleine Chance, im Amt zu verbleiben. Wer sich öffentlich Asche aufs Haupt streut und glaubwürdig Willen zur Besserung zeigt, hat in der Schweiz – die im Unterschied etwa zu Deutschland keine ausgeprägte Rücktrittskultur kennt – durchaus politische Überlebenschancen.

Im letztmöglichen Moment hat Buttet die Diskurshoheit am Montagvormittag an sich gerissen. Ende der vergangenen Woche noch hatte er ausgesprochen defensiv kommuniziert: Nachdem er der Zeitung «Le Temps», welche die Stalking-Vorwürfe gegen Buttet publik gemacht hatte, einige Sätze diktiert hatte, stellte er sich auf den Standpunkt, es sei alles gesagt. Meili hat ihn nun offensichtlich vom Gegenteil überzeugt. Buttets Communiqué, das offenbar nicht mit der CVP abgesprochen war und welches verschickt wurde, noch bevor die Parteileitung am Montagnachmittag über ihren fehlbaren Nationalrat urteilen wollte, ist cleveres Skandalmanagement.

Ausgang der Affäre offen

Nichtsdestotrotz ist alles andere als ausgemacht, dass Buttet mit dieser Strategie durchkommt. Drei Aspekte werden entscheidend sein: erstens der Rückhalt innerhalb der eigenen Partei, zweitens die Reaktion der Wählerschaft und der medialen Öffentlichkeit, drittens seine persönliche Aufrichtigkeit.

Der Rückhalt in der Partei: Wenn sich seine CVP-Kolleginnen und -Kollegen dezidiert gegen ihn stellen, steht Buttet auf verlorenem Posten – denn ein gänzlich isolierter Nationalrat kann in Bundesbern nichts ausrichten. Sein politisches Umfeld kann die Affäre am Köcheln halten, wenn es will – Buttets Ziel aber muss sein, dass sich die Politik und die Medien schon bald wieder einem anderen Thema zuwenden. Sein Problem ist es, dass in der laufenden Wintersession keine wirklich prickelnden Themen um die Aufmerksamkeit des Publikums konkurrenzieren.

Die öffentliche Reaktion: Je stärker ein skandalisierter Vorfall dem öffentlichen Image einer Person widerspricht, umso gefährlicher ist sie für ihn – und Buttet gilt als ausgesprochen konservativer Politiker. Die Tatsache, dass er in der Vergangenheit keine Gelegenheit ausliess, um den Wert der Familie zu betonen, fällt nun auf ihn zurück. An einen Politiker, der öffentlich als Moral-Apostel gilt, werden zurecht besonders hohe moralische Ansprüche gestellt. Doch gilt das auch für die CVP-Wählerschaft im Wallis? Deren Reaktion ist schwer zu prognostizieren: Dem früheren Parteipräsidenten Christophe Darbellay verzieh sie die Zeugung eines unehelichen Kindes trotz medialer Skandalisierung und wählte ihn im Frühling 2017 mit dem einem Glanzresultat in den Staatsrat. Notabene: Auch Darbellay war von Meili gut beraten worden.

Buttets Aufrichtigkeit: Sollte Yannick Buttet Verfehlungen verschweigen, ist er geliefert. Sprich: Wenn in den nächsten Tagen weitere Vorwürfe gegen ihn erhoben werden, wird ein Rücktritt unausweichlich. Denn eine Salamitaktik ist für eine skandalisierte Person nie erfolgsversprechend.