Konsum
Ausgerechnet in der Pandemie kommen Jugendliche leichter zu Bier und Schnaps

Testkäufe zeigen, dass in Restaurants und Läden im Pandemiejahr weniger auf den Jugendschutz geachtet wurde.

Dominic Wirth
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Die Verkaufsquote bei Alkohol-Testkäufen schnellte im vergangenen Jahr von 22 auf 37 Prozent hoch – auch wegen Corona.

Die Verkaufsquote bei Alkohol-Testkäufen schnellte im vergangenen Jahr von 22 auf 37 Prozent hoch – auch wegen Corona.

Bild: Getty

2020 war das Jahr des Coronavirus, es hat alles andere einfach weggewischt. Jetzt zeigen neue Zahlen, dass das selbst für den Jugendschutz gilt. Im Pandemiejahr kamen Jugendliche viel leichter zu Alkohol als zuvor. Das geht aus den Testkäufen des Blauen Kreuzes in einer ganzen Reihe von Schweizer Kantonen hervor. In fast vier von zehn Fällen erhielten die jungen Menschen im letzten Jahr, was sie eigentlich aufgrund ihres Alters nicht hätten bekommen dürfen, Bier etwa oder Schnaps.

37 Prozent betrug die Verkaufsquote der schweizweiten Testkäufe 2020; oft waren die Jugendlichen also erfolgreich, wobei das eben kein Erfolg ist. Sondern ein Rückschlag. Denn so hoch war die Quote noch gar nie, seit die Testkäufe im Jahr 2009 eingeführt wurden. 2019 etwa betrug sie 22 Prozent; im Jahr zuvor waren es 26 Prozent. Auch Zigaretten erhielten die Jugendlichen viel häufiger: bei jedem fünften statt wie 2019 bei jedem zehnten Versuch. «Die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf den Jugendschutz machen uns Sorgen», sagt Simon Weiss, der beim Blauen Kreuz schweizweit die Testkäufe koordiniert.

Die Maske erschwert die Alterskontrolle

Rund 2800-mal schickte das Blaue Kreuz im vergangenen Jahr Jugendliche in Gastrobetriebe, Läden, Tankstellen oder an Events, um dort zu prüfen, wie es um den Jugendschutz steht. Wegen der Pandemie wurden weniger Testkäufe durchgeführt als in anderen Jahren. Es gab Kantone, die sie bewusst zurückfuhren, um die wegen der Pandemie ohnehin schon gebeutelten Betriebe nicht noch weiter zu belasten. Das Blaue Kreuz kritisiert das. «Restaurants und Läden schonen und den Schutz der Jugendlichen dafür vernachlässigen: Das geht in unseren Augen nicht», sagt Weiss.

Was aber steckt hinter der Entwicklung? Warum ging ausgerechnet im Coronajahr der Alkohol leichter über die Theke als sonst? Weiss sagt, er könne nur Vermutungen anstellen. Die Maskenpflicht beispielsweise dürfte es Verkäufern und Wirtinnen erschwert haben, das Alter aus den Gesichtern zu lesen. «Ich kann mir auch vorstellen, dass der gewaltige Druck etwa auf die Gastronomiebranche ihre Folgen hatte und man eher geneigt war, ein Auge zuzudrücken», so Weiss.

Warum der Jugendschutz gerade besonders wichtig wäre

Der Suchtexperte versteht das einerseits zwar ein Stück weit. Doch andererseits macht ihm die Entwicklung auch Sorgen. Denn die Pandemie hat gerade für die Jugendlichen das Leben sowieso schon schwerer gemacht. Keine Altersgruppe ist stärker von depressiven Symptomen betroffen. Die Freizeitgestaltung ist eingeschränkt, Freunde treffen ist viel schwieriger als in normalen Zeiten. Dazu kam der vorübergehende Fernunterricht gerade an vielen weiterführenden Schulen. Die Eltern im Homeoffice. Und so weiter. «Wir wissen, dass es den Jugendlichen schlechter geht, da ist es verheerend, wenn sie auch noch einfacher an Suchtmittel wie Alkohol kommen», sagt Weiss.

Der Zugang ist also leichter geworden. Ob die Jugendlichen aber auch tatsächlich mehr trinken, lässt sich noch nicht abschliessend sagen, weil schweizweite Untersuchungen fehlen. Doch es gibt Indizien, die nichts Gutes erahnen lassen. Zum Beispiel eine Untersuchung des Blauen Kreuzes Bern-Solothurn-Freiburg. Laut einer Umfrage bei rund 1000 Oberstufenschülern zwischen 12 und 17 Jahren ist der Konsum im letzten Jahr teilweise stark angestiegen. So stieg der Anteil der Jugendlichen, die angaben, wöchentlich Alkohol zu konsumieren, von 1,7 auf 4,4 Prozent. Monatlich tranken 11,1 statt wie im Jahr zuvor nur 5,7 Prozent.

Die Angst vor den Spätfolgen

Das Thema beschäftigt auch Jugendarbeiter und Suchtpräventionsstellen. So verzeichnen etwa die Suchtberatungsstellen in Basel-Stadt aktuell mehr Anfragen von Eltern, die wegen des Konsums ihrer Kinder besorgt sind. Von der Offenen Jugendarbeit Zürich heisst es, man stelle eine negative Entwicklung bei Alkohol, Tabak und anderen Substanzen fest.

Sucht Schweiz hat zwar keine aktuellen Zahlen zu den Jugendlichen. Monique Portner-Helfer befürchtet aber, dass nun wegen der Pandemie Schäden entstehen, die lange bleiben. «Die Auswirkungen der Coronapandemie auf das Suchtverhalten werden sicher lange Zeit nachwirken», sagt sie. Gerade die Jugendlichen müssten derzeit besonders geschützt werden, weil übermässiger Alkoholkonsum für sie besonders gefährlich ist und etwa die Hirnentwicklung beeinträchtigen kann. «Umso wichtiger ist es, dass alles unternommen wird, damit die Abgaberegeln eingehalten werden», sagt Portner-Helfer an die Adresse von Verkaufspersonal, deren Vorgesetzten und Behörden.