Coronavirus

Damoklesschwert in der Romandie: Westschweizer fürchten sich vor Grenzschliessung zu Frankreich

Das Genfer Seebecken ist dieser Tage weniger bevölkert: Es fehlen die Touristen.

Das Genfer Seebecken ist dieser Tage weniger bevölkert: Es fehlen die Touristen.

Die Anzahl der Neuinfektionen sind in der «Grande Nation» zuletzt gestiegen und haben einen kritischen Wert überschritten. Sollte nun der Bund Frankreich als Risikoland einstufen, hätte dies laut Politikern und Wirtschaftsvertretern gravierende Folgen.

Es ist ein Damoklesschwert, dass über der Region hängt. Die Westschweizer Kantone sind in Aufruhr. Denn Frankreich hat am Montag die vom Bundesamt für Gesundheit definierte, kritische Schwelle überschritten: In den letzten vierzehn Tagen zählte die Grande Nation täglich mehr als 60 Corona-Neuinfektionen pro 100'000 Einwohner. Würde konsequenterweise heissen: Frankreich gehört auf die Risikoliste. Wer aus Frankreich einreist, müsste in die Quarantäne.

Insbesondere in Genf ist die Aufregung gross. Kein anderer Kanton ist so eng mit dem Nachbarstaat verflechtet. Schliesslich teilt der Kanton 122 Kilometer seiner Grenze mit Frankreich, nur 4 mit der Schweiz. 80'000 Grenzgänger sind vom Kanton angestellt. Im Gesundheitswesen und bei den öffentlichen Verkehrsbetrieben machen sie je rund 40 Prozent des Personals aus. Täglich pendeln mehrere zehntausend Arbeitnehmende von Frankreich in die Romandie – einerseits Franzosen, aber auch viele Schweizer, die sich die teuren Mieten in der Rhone-Stadt nicht mehr leisten können.

Gespräche sind am Laufen

Während des «confinement», wie der Lockdown im Welschland genannt wird, waren die Grenzen schon einmal zu. Unverzichtbare Arbeitskräfte wie zum Beispiel im Gesundheitswesen, konnten mit einer Ausnahmebewilligung aber nach wie vor vom einen Land ins andere. Das dürfte auch dieses Mal der Fall sein, spekuliert «Le Temps». Tatsächlich sind die Romandie-Kantone mit dem Bund in Gesprächen, um eine praktikable Lösung für eine mögliche Grenzschliessung zu finden. Auch mit Frankreich laufen Diskussionen.

Die Angst der Genfer ist nicht zuletzt ökonomischer Natur. Denn die Region leidet schon jetzt überdurchschnittlich unter der Tourismus-Flaute. Während andere Schweizer Feriendestinationen sich auf heimische Gäste verlassen können, fehlt am Genfersee die internationale Kundschaft, die normalerweise mehr als 80 Prozent ausmacht. Dies zeigt sich eindrücklich bei Spaziergängen an sonnigen Wochenenden rund ums Seebecken, wo vor Corona die Menschenmassen die Aussicht auf den Jet d’Eau und den Hausberg Salève genossen. Nun herrscht oft die grosse Leere.

Grosses Konkursrisiko bei Genfer Hotels und Restaurants

Ein Genfer Gastronom bringt es auf den Punkt: «Normalerweise wären die Strassen und meine Geschäfte zurzeit voll. Aber es fühlt sich an, als wäre eine Atombombe auf Genf gefallen. So ruhig habe ich die Stadt im Sommer noch nie erlebt.» Das erste Fünf-Sterne-Hotel, das renommierte «Le Richemond», wird Ende Monat seine Türen schliessen. Wann und ob es je wieder öffnet, ist unklar. Laut einer Studie des Tourismusinstituts der Fachhochschule Westschweiz-Wallis ist das Konkursrisiko für Hotels und Restaurants mit 35 Prozent nirgendwo höher als in der Calvin-Stadt.

Blaise Matthey, Direktor des Wirtschaftsverbands der Westschweizer Unternehmen, vertritt rund 45000 Firmen in der Westschweiz. Für das Economiesuisse-Vorstandsmitglied ist klar: «Eine Grenzschliessung würde zahlreiche Bereiche zum Erliegen bringen.» Ausnahmen für das Gesundheitswesen würden denn auch nicht ausreichen. «Was ist mit der Industrie? Mit den Restaurants?»

Paradoxe Beispiele bei Umsetzung

Gegenüber «Le Temps» warnt Genfs Staatsratspräsident Antonio Hodgers vor der schwierigen Umsetzung: «Müssen wir Genfer, die von ihren Ferien, von ihren Zweitwohnungen oder ihren Familienbesuchen in Frankreich zurückkehren, in die Quarantäne schicken, während manche Grenzgänger nicht betroffen sind? Das ist bizarr.» Ein weiteres Paradox für den Grünen: «Ein Genfer, der aus Spanien heimkehrt, muss hier in die Quarantäne. Aber für jemanden, der in Frankreich lebt und in Genf arbeitet und ebenfalls aus Spanien zurückkehrt, gilt dies nicht.»

Auch Genfs Wirtschaftsminister Pierre Maudet schlägt Alarm: «Die Genfer Wirtschaft, unsere Universitäten und unser Gesundheitswesen können nur dank dem täglichen Beitrag von rund 140'000 Arbeitnehmern funktionieren, die ausserhalb unserer Kantonsgrenzen leben, 85000 davon leben im benachbarten Frankreich.» Die Zukunft gewisser Branchen der Genfer Wirtschaft sei aktuell besorgniserregend, sagt Maudet auf Anfrage dieser Zeitung. Immerhin habe man eine beträchtliche Anzahl von Arbeitsplätzen mit verschiedenen Unterstützungsmassnahmen erhalten können. Man arbeite hart daran, jene Personen zu unterstützen, die Hilfe am stärksten benötigten.

Maudet bezeichnet allfällige Beschränkungen für Grenzgänger durch Bern für einzelne Kantone als «inakzeptabel.» Personen, die ihrem Beruf nachgehen würden, müssten sich weiterhin frei bewegen können solange sie die vom BAG bestimmten Verhaltensregeln beachten.

Der Direktor des Instituts für globale Gesundheit an der Universität Genf, Antoine Flahault, wies in einem Radiointerview zuletzt darauf hin, dass man die Zahlen in Frankreich relativieren müsse. Denn dort werde enorm viel getestet, zwei bis drei Mal so viel wie in der Schweiz. Entsprechend hoch seien auch die Fallzahlen.

Angesichts dieser Ängste vor einer Grenzschliessung, überrascht es denn auch nicht, dass die Westschweizer Kantone am Montag unisono gegen eine Annahme der «Begrenzungsinitiative» geworben haben. Zu gross scheint die Abhängigkeit vom ausländischen Personal.

Meistgesehen

Artboard 1