Interview: Dieter Minder

Herr Bütler, sie sind nun 100 Tage im Amt, wie haben sie sich eingelebt?

Josef Bütler: Sehr Gut, ich hatte natürlich den Vorteil dass ich durch meine 4-jährige Tätigkeit als Gemeinderat die Mitarbeiter und die Internen Abläufe bereits kannte. Zudem kenne ich einen Grossteil der Mitarbeiter persönlich, da ich in Spreitenbach aufgewachsen bin.

Bisher waren sie Leiter eines Privatunternehmens, nun sind sie Leiter einer Gemeinde und deren Verwaltung, wo liegen die grossen Unterschiede?

Früher waren die alltäglichen Themen bei meiner Tätigkeit als Geschäftsführer in der Elektrobranche, mehrheitlich technischer Art. Nun sind diese grossmehrheitlich mit persönlichen Schicksalen verbunden, diese können nicht immer der Gesetzesnorm entsprechend oder nach Schema F behandelt werden. Dies erfordert gesunden Menschenverstand und einen Anteil an Lebenserfahrung, sei es beruflicher wie auch privater Art. Was sich zudem markant verändert hat, ist die Tatsache, dass ich viel mehr in der Öffentlichkeit stehe.

Wie sieht der «normale» Arbeitstag des Ammanns aus?

Oft dauert mein Arbeitstag 16 Stunden (siehe Tagesablauf). Viele Sitzungen finden an den Abenden statt. Ich bin bestrebt mindestens einen Abend für mich, sprich mit der Familie oder unter Freunden, also im Turnverein zu verbringen.

Wie sah es letzte Woche aus?

Die Woche begann am Montag mit der Gemeinderatssitzung, sie dauerte bis 22 Uhr. Am Dienstag folgte, bis 22.30 Uhr, die Sitzung der Forstrevierkommission. Am Mittwoch war ich bis 22 Uhr an der Versammlung der Gemeinde- und Stadtpräsidenten des Limmattales.

Sie sind jetzt der Chef ihrer bisherigen Gemeinderatskolleginnen und Kollegen, hat sich das auf Ihr Verhältnis mit diesen ausgewirkt?

Nein, ich werde von Ihnen in meiner neuen Rolle akzeptiert und wir haben im Rat ein kollegiales Verhältnis. Das Ziel, für die Gemeinde die besten Lösungen zu erarbeiten, hat sich mit diesem Wechsel nicht verändert.

Wie oft sind sie in den einzelnen Verwaltungsabteilungen?

Sehr viel! Mir ist wichtig dass ich die anstehenden Aufgaben persönlich mit den Verantwortlichen in der Verwaltung bespreche und den direkten Dialog führen kann. Damit ich die verschiedenen Abteilungen in diesem heterogenen Unternehmen besser verstehe, will ich in jeder Abteilung einen halben Tag mitarbeiten. So weiss ich, wo der Schuh drückt, und meine Mitarbeiter spüren mich auch als Arbeitskollegen.

Wo hat der Gemeindeammann schon mitgeholfen?

Im Bauamt war ich aktiv, um so am eigenen Körper zu spüren wie der Rücken nach dem Rabatten-Jäten schmerzt. Am Nachmittag habe ich im Sozialdienst live die angespannte Stimmung erfahren, wenn die Unterstützungsbezüger für die Auszahlung Vorsprechen. Alles Erfahrungen, die mir in meinem Amt viele neue Einblicke vermittelt haben und es noch werden.

Welche politischen Schwerpunkte hat der neu zusammen gesetzte Gemeinderat gesetzt und welche Projekte sollen in diesem Jahr angestossen werden?

Neue Schwerpunkte hat sich der aktuelle Gemeinderat nicht gesetzt. Die Legislaturziele sind immer noch aktuell. Da im Herbst Gesammterneuerungswahlen anstehen sind zu diesem Zeitpunkt mit der neuen Zusammensetzung Ziele zu definieren. Ein Projekt das weiter vorangetrieben werden muss, ist die Entwicklung des Langäckerquartiers. Hier stehen die Information und die Mitwirkung der betroffenen Bevölkerung zum zentralen Thema. Dies ist nicht einfach, da die die Ideen dieses Projekts durch unterschiedliche Empfindlichkeiten, verschieden Aufgefasst werden.

Bei der Limmattalbahn machen die Kantone Aargau und Zürich vorwärts, was muss die Gemeinde nun vorkehren um für den neuen Verkehrsträger bereit zu sein?

Wir müssen das Trasse auf unserem Gemeindegebiet sicherstellen. Der Bauzonenplan in Spreitenbach ist soweit vorbereitet, dass die Gemeinde mit den zu erwartenden Projekten sinnvoll weiter entwickelt werden kann.

Die Wirtschaft läuft schlechter, wie reagiert die Gemeinde darauf? Kann die Gemeinde eigene Wirtschaftsförderungsprogramme starten?

Falscher Aktivismus ist hier fehl am Platz. Die Gemeinde muss die Projekte, welche vom Souverän bereits bewilligten sind, ohne Verzögerung umsetzen. Der Punkt an dem die Gemeinde zur Wirtschaftsförderung beitragen kann, ist die Bewilligungsprozesse für Investitionen speditiv ab zu handeln.

Das Projekt Gemeinden Bezirk Baden (GBB) sieht Spreitenbach teilweise als Subzentrum. Wie fühlen sich die Spreitenbacher dabei?

Ich habe immer kommuniziert dass Spreitenbach viel mehr zu bieten hat als Allgemein bekannt ist. Für mich zeigt die Studie nur das, was viele bereits wissen, und manche nicht wahrhaben wollen. Spreitenbach kann sich mit dieser Rolle als Subzentrum neben Baden und Wettingen sehr gut identifizieren und für die Zukunft positionieren.

Der Kanton stellt an die Regionalpolizeien immer grösser Forderungen, wie können Sie diese erfüllen?

In dem wir die Organisation weiter optimieren und wo nötig die richtigen Kooperationen mit anderen Regionalpolizeien suchen.

Sie verpassten die Wahl in den Grossen Rat knapp. Was unternehmen Sie um Spreitenbach auf kantonaler Ebene trotzdem zu vertreten?

Ich baue mein persönliches politisches Netzwerk aus, damit die «Stimme von Spreitenbach» in Aarau nicht in Vergessenheit gerät. Zudem ist auch in der Verwaltung ein bestehendes Netzwerk vorhanden welches wir in Zukunft den Umständen entsprechend intensiver nutzen werden.

Wie wichtig sind die Kontakte zu den Zürcher Nachbargemeinden?

Gleich wichtig wie die zu den Gemeinden im Aargau. Wir als Grenzgemeinde haben sehr viele Verbindungen und ein gutes Verhältnis über die Kantonsgrenzen. Diese Beziehungen werden wir weiter pflegen und vertiefen. Denn die Problemstellungen sind in jeder Gemeinde die gleichen unabhängig von der Kantonszugehörigkeit.

Welchen Repräsentationaufgaben müssen Sie nachkommen?

Müssen ist das falsche Wort, besser ist hier «wo wird erwartet». Ich bin bestrebt den Kontakt zur Bevölkerung und zur Industrie und Gewerbe weiter auszubauen. Jedoch bin ich einer von fünf Gemeinderäten, und wir teilen diese Aufgaben untereinander auf.

Sie haben nun einen viel kürzeren Arbeitsweg als früher, sind sie öfters zuhause?

Mindestens am Mittagstisch bin ich bei der Familie was mir sehr wichtig ist. Ansonsten sind die Verpflichtungen nicht weniger geworden, aber ich bin bestrebt mir den Freiraum für die Freizeit zu planen.

Sie gehen zum Mittagessen nach Hause, trägt das zur Lebensqualität bei?

Ja, mir wird jetzt bewusst, wie viel am Mittagstisch besprochen und beraten wird.

Wie hat sich das Amt bisher auf die Familie ausgewirkt?

Bis jetzt ist mir nichts Negatives aufgefallen. Wir alle sind uns der neuen «Rolle» bewusst und geniessen die gewonnene Zeit miteinander.