Reportage
«Damit die Behörde nicht mitliest» – das rät der Islamische Zentralrat seinen Seminarteilnehmern

Was der Islamische Zentralrat in seinem IT-Seminar «Sicherheit und Privatsphäre» rät, um sich vor der digitalen Verfolgung zu schützen.

Fabio Vonarburg
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Der Islamische Zentralrat gibt Tipps, wie man sich vor Hackern und Viren schützen kann. (Symbolbild) key

Der Islamische Zentralrat gibt Tipps, wie man sich vor Hackern und Viren schützen kann. (Symbolbild) key

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«Wir werden die genauen Ortsangaben erst kurz vor dem Event mitteilen», stand im Mail. Absender: der Islamische Zentralrat Schweiz (IZRS). Ein paar Augenblicke zuvor hatte ich mich über das Internet für das IT-Seminar «Sicherheit und Privatsphäre» angemeldet. Ein Kurs, in dem die Teilnehmer lernen sollen, ihre Daten im Netz zu schützen. Ein IT-Seminar, wie es viele gibt. Das aber brisant ist, wenn der Organisator unter der Beobachtung des Nachrichtendienstes des Bundes steht. Statt vorverurteilen hineinschauen. Darum habe ich mich als normaler Teilnehmer für den öffentlichen Anlass angemeldet und nicht als Journalist. Ziel: einen unverfälschten Eindruck gewinnen.

40 Stunden vor Kursbeginn kommt das zweite Mail mit den erwarteten Infos. Das Seminar sollte am Samstag in Zürich stattfinden, im Grünen Saal des Volkshauses. Zur gleichen Zeit wie im Blauen Saal eine Englischprüfung stattfindet, im Weissen Handgefertigtes angepriesen wird und im Gelben Kurs-Teilnehmer lernen, die eigene Sensitivität und Medialität zu entdecken.

Handy in den Kühlschrank

Eine Viertelstunde vor Kursbeginn bin ich im Volkshaus, betrete den Grünen Saal und setze mich auf einen der noch vielen freien Plätze – in die hinterste von vier Reihen an den linken Rand. Rechts von mir sitzen bereits zwei Frauen – zwischen uns drei noch leere Plätze. Kaum habe ich mich gesetzt, begrüsst mich der Kursadministrator, bittet um die 20 Franken Gebühr und fordert freundlich dazu auf, mich doch eine Reihe nach vorne zu setzen. Das Seminar sei ausgebucht, erzählt er kurz darauf zwei Teilnehmern, die er offensichtlich kennt.

Von 24 möglichen Plätzen bleiben 6 leer. Unentschuldigt. Ich bin der einzige Nicht-
Muslim. Aber nicht das einzige Nichtmitglied. Mehrheitlich sitzen junge Männer, 20 bis 35 Jahre alt – meist mit Bärten –, im Raum. Zudem vier Männer 50+, rasiert. In der hintersten Reihe sitzen vier junge Frauen mit Kopftuch. Bis auf zwei haben alle Teilnehmer den Laptop vor sich. Bei der Hälfte ist die integrierte Kamera zugeklebt.

Ab wann ist ein Passwort sicher, wie schütze ich mich vor Viren, wie vor Hackern. Es werden Themen behandelt, die man auch in einem IT-Sicherheitskurs von einem anderen Organisator erwartet hätte. «Wie kann ich meine Kinder vor Pornografie im Internet schützen?», will zum Beispiel mein Banknachbar wissen. Es wird aber auch diskutiert, wie man sich vor dem Abhören übers Mobiltelefon schützen kann. Der Dozent rät, das Handy bei heiklen Gesprächen in den Kühlschrank zu legen. In diesem IT-Seminar geht es eben in erster Linie darum, wie man sich vor den Behörden schützt.

Vorab das neue Nachrichtendienstgesetz gibt zu reden, dessen Annahme Ende September der IZRS bedauerte. «Ich habe nichts zu verstecken», sagt mir ein Teilnehmer in der Pause. «Dennoch habe ich ein Recht darauf, dass die Behörde nicht mitliest, was ich meiner Mutter schreibe.» Die Muslime des IZRS fühlen sich unter Generalverdacht (siehe auch «Nachgefragt»). Zwei junge Teilnehmer diskutieren in der Pause angeregt: «Der Nachrichtendienst stürzt sich auf Leute wie uns, Leute, die nichts gemacht haben», schnappe ich auf. «Für mich ein Zeichen, wie verzweifelt sie sind.» Später erzählt mir einer der beiden, bei ihm sei auch schon alles durchsucht worden. «Sie haben nichts Relevantes gefunden.»

Am besten ein neues Gerät

In der zweiten Pause wird plötzlich die Sprache gewechselt. Das Einzige, was ich verstehe, ist «Nordwestschweiz». Ich werde gegoogelt. Die IZRS-Generalsekretärin ist skeptisch, dass ich mich nicht offiziell angekündigt habe. «Wir sind immer offen und transparent gegenüber den Medien, das hätte ich mir von Ihnen auch gewünscht», sagt Ferah Ulucay. Als es weitergeht, sagt der Dozent: «Was ich zu Beginn ganz vergessen habe, es sind in diesem Seminar weder Tonaufnahmen noch Fotos von Folien erlaubt.» Ein Teilnehmer fragt dennoch: «Schickst du uns die Folien nach dem Kurs per Mail?» – «Nein.»

Das Seminar neigt sich dem Ende zu. Auch als klar war, dass ich Journalist bin, blieben die Teilnehmer offen und freundlich. Ich bin am Zusammenpacken, als ein Teilnehmer – kein IZRS-Mitglied – den Dozenten zu sich bittet. «Wenn ich nach Palästina will, wie kann ich meine Handy-Daten vor dem israelischen Geheimdienst schützen?» Er habe nichts zu verstecken. Aber das letzte Mal sei er wie im Film gescannt worden. Er solle einfach vor der Reise ein neues Handy kaufen, rät ihm der Dozent.

Ferah Ulucay Die Kauffrau ist Generalsekretärin des Islamischen Zentralrats Schweiz (IZRS).

Ferah Ulucay Die Kauffrau ist Generalsekretärin des Islamischen Zentralrats Schweiz (IZRS).

Zur Verfügung gestellt

Nachgefragt: «Die Muslime fühlen sich unter Generalverdacht»

Wieso bietet der Islamische Zentralrat ein IT-Seminar Privatsphäre und Sicherheit an?

Ferah Ulucay: Die Nachfrage bei unseren Mitgliedern nach einem solchen Kurs war gross. Die Muslime fühlen sich unter Generalverdacht gestellt und möchten mehr darüber wissen, wie sie ihre Privatsphäre, aber auch private Daten schützen können.

Provoziert der IZRS damit nicht unnötig?

Es ist ein ganz normales IT-Seminar, wie es viele gibt, auch von anderen Organisatoren. Alles andere sind Fantasieprodukte, die in den Köpfen entstehen. Es wird aus etwas ein Problem gemacht, das keines ist. Dasselbe Phänomen gibt es beim Kopftuch, von dem sich auch viele provoziert fühlen.

Besteht nicht die Gefahr, dass Personen, die einen Terroranschlag planen, am Kurs teilnehmen und vom vermittelten Wissen profitieren könnten?

Ich bezweifle, dass solche Personen bei uns ein Seminar besuchen würden. Zudem finden diese immer einen Weg, um an das nötige Wissen zu gelangen.

Der Kursort wurde erst kurzfristig kommuniziert. Wusste man so
lange nicht, wo der Kurs stattfinden sollte?

Das Volkshaus stand schon lange als Seminarort fest. Es ist unsere gängige Praxis, dass wir den Veranstaltungsort erst kurz vorher bekannt geben, dies aus organisatorischen Gründen. So können wir zum Beispiel verhindern, dass plötzlich weitere Personen unangemeldet am Kurs teilnehmen und nicht mehr genügend Plätze vorhanden sind. Zudem kommt es immer mal wieder vor, dass ein bestehender Mietvertrag missbräuchlich gekündigt wird, sobald die Medien bei den Vermietern anrufen und Druck ausüben.

Warum durfte ich nicht in der letzten Reihe sitzen, wie die Frauen?

Die Geschlechtertrennung ist ein wichtiger Teil unserer Religion. Das hat aber nichts mit Diskriminierung zu tun. Wir Frauen hätten auch in
der ersten Reihe sitzen können.