CVP-Anlass

«Dä isch en Depp»: Bundesratskandidatin Heidi Z'graggen tappt in Mikro-Falle und beleidigt Podiumsbesucher

CVP-Bundesratskandidatin Z'graggen: «Dä isch en Depp»

CVP-Bundesratskandidatin Z'graggen: «Dä isch en Depp»

Nach der Frage eines Zuschauers fängt Peter Hegglin an zu antworten. Der Zuschauer ruft dazwischen und Heidi Z'graggen sagt: «Dä isch en Depp.»

Das Mikrofon lief, als Heidi Z'graggen an einem CVP-Podium in Bern den kurzen Satz «Dä isch en Depp» hauchte, gerichtet an einen älteren Fragesteller im Publikum. Ihre Reaktion am Tag darauf überrascht.

Die Regel klingt banal, ist es aber nicht. Kommunikationsberater wissen, warum sie ihren Klienten raten: Wer mit einem Mikrofon verkabelt ist, sollte aufpassen, was er sagt. Immer. Auch dann, wenn er gerade nichts zu sagen hat, wenn das Mikrofon vermeintlich ausgeschaltet ist.

Die Urner Regierungsrätin und CVP-Bundesratskandidatin Heidi Z’graggen foutierte sich um diese Regel. Und das ausgerechnet beim wohl wichtigsten Termin vor der offiziellen Kandidatenkür der Partei: bei jenem Podium der CVP, auf dem sich die vier Anwärter der Basis präsentierten. Die Veranstaltung fand im Berner Hotel Bellevue statt, und dank Livestream im Internet war sie im ganzen Land zu verfolgen.

Am Ende stellten sich die Bundesratskandidaten den Fragen der Parteimitglieder. Der Präsident einer Sektion der CVP 60+ wollte von den Papabili wissen, ob das Nationalbankvermögen denn nicht zur AHV-Sanierung eingesetzt werden könnte. Sichtlich nervös holte er zu einem etwas langatmigen Exkurs aus, seine Frage stellte er schliesslich erst nach einer sanften Ermahnung des Moderators.

Der Zuger Regierungsrat Peter Hegglin erklärte sogleich, dass die Nationalbank halt eine unabhängige Institution sei. Jetzt komme das wieder, rief der Fragesteller dazwischen – zur Erheiterung des Publikums. In dem Moment wandte sich Z’graggen lachend an die Walliser Nationalrätin Viola Amherd, die neben ihr sass, und spottete im Dialekt: «Jaa, da isch wichtig. Dä isch en Depp.»

Dieser Satz war auch in den ersten Reihen des Saals vernehmbar, wie Podiumsbesucher berichteten. Vor allem aber war das Mikrofon von Z’graggen im Livestream die ganze Zeit über eingeschaltet, sodass aufmerksame Zuschauer an den Bildschirmen die Äusserung deutlich vernehmen konnten – der Satz wurde von manchen als deplatziert empfunden.

«Akustisches Missverständnis»

Nun sollen auch Politiker mal zu härterem Vokabular greifen dürfen. Gegen zupackende Formulierungen ist nichts einzuwenden, und ausschweifende Wortmeldungen aus den Publikumsreihen eines Podiums können an den Nerven zehren. Aber ein einfaches Parteimitglied als Depp bezeichnen?

Überraschend ist Heidi Z’graggens Reaktion. Obwohl die Aufzeichnung des Podiums im Netz weiterhin für alle zugänglich ist, will sie das Wort «Depp» nie in den Mund genommen haben. Die Redaktion CH Media sprach gestern mehrmals mit der Regierungsrätin. Zitiert werden soll aber bloss eine längere schriftliche Stellungnahme, die sie unserer Zeitung am Abend zustellte:

«Die Unabhängigkeit der Schweizerischen Nationalbank (SNB) ist auf Verfassungsstufe verankert. Diese Unabhängigkeit ist mir wichtig. Ein Zugriff der Politik auf die Institution oder Gelder der SNB lehne ich ab. Man stelle sich vor, welche Begehrlichkeiten da geweckt würden. Das drücke ich so aus. Alles andere ist ein akustisches Missverständnis, das zu bedauern ist.»

Was ein «akustisches Missverständnis» ist, lässt Z’graggen offen. Ebenso, was genau sie bedauert. Auf dem Podium jedenfalls wollte sie zur Nationalbank-Diskussion auch nach Nachfrage des Moderators keine Stellung beziehen, die Antwort überliess sie Hegglin.

Nicht ausgeschaltete Mikrofone haben schon andere Politiker in Erklärungsnot gebracht. Unvergessen ist ein Auftritt des damaligen Bundespräsidenten Moritz Leuenberger im Jahr 2001. Der Sozialdemokrat schimpfte bei einer TV-Schaltung über «unvorbereitete Journalisten» und beschwerte sich mehrfach über «de huere Scheiss». Was Leuenberger nicht bewusst war: Ein Fernsehsender nahm alles auf.

Auf internationaler Ebene sind die Beispiele der Mikrofon-Pannen zahlreich. Der britische Ex-Premier Gordon Brown etwa wurde dabei erwischt, wie er über die Begegnung mit einer Bürgerin fluchte. Brown vergass, dass an seinem Hemd das Mikrofon eines TV-Senders haftete. Ähnlich erging es gleich mehreren US-Präsidenten: George W. Bush lästerte über langatmige Reden, Barack Obama verunglimpfte einen Sänger und Donald Trump redete besonders abschätzig über Frauen.

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