CVP-Parteikurs

CVP-Nationalrat Lohr: «Hat Pfister Interesse am Amt des Bundesrats, soll er kandidieren»

Christian Lohr.

Christian Lohr.

Nationalrat Christian Lohr spricht im Interview mit der «Schweiz am Wochenende» über die Situation der CVP.

Herr Lohr, wie dramatisch ist die Situation nach dem letzten Wochenende für die CVP?

Christian Lohr: Sie ist durchaus schwierig. Wir konnten die Abwärtstendenz in den letzten zwei Jahren noch nicht stoppen. Das muss uns wachrütteln.

Es ist deutlich zu spüren: Bei den CVP-Parlamentariern geht die Angst um, ihre Mandate zu verlieren.

Das hat etwas Menschliches. Wir sind ja Teil dieser Entwicklung. Es gelingt uns zu wenig, klare Botschaften und Wertvorstellungen zu transportieren. Wir dürfen nicht in Panik ausbrechen, müssen aber deutliche Signale aussenden, dass wir uns weiterentwickeln wollen.

Sonst könnte es bei den Wahlen 2019 bös enden. Eine Analyse zeigt, dass die CVP sechs bis zehn Nationalrats-Mandate zu verlieren droht.

Das wäre dramatisch. Wir müssen uns klar dazu bekennen, dass wir nicht in die Bedeutungslosigkeit versinken wollen. Und da nehme ich alle in die Pflicht, auch alle Mandatsträger.

Ist der bürgerlich-soziale Kurs von Pfister gescheitert?

(Überlegt) Ich warte zu lange mit der Antwort. Das realisiere ich gerade selber. (Fährt fort) Der Abwärtstrend ist schon lange im Gang. Zwei Jahre sind eine kurze Zeit. Es wäre völlig ungerecht und zu einfach, alles Gerhard Pfister anzuhängen. Er hat sich selber hohe Massstäbe gesetzt. Das ist Gerhard Pfister, wie wir ihn kennen und schätzen. Schaut man sich aber nur die nackten Zahlen an, ist klar: Das kann nicht befriedigen.

Deshalb braucht es einen Weckruf?

Ja. Aber es ist ja nicht so, dass wir einfach zuschauen.

Doch, schon. Die Fraktion ist blockiert. Zu viele schielen auf den Bundesrats- Sitz von Doris Leuthard.

Das lässt sich nicht abstreiten. Das spüren wir selber auch. Es finden viele Eiertänze statt. Man setzt die Kräfte zu stark in Aussenauftritte, statt intern Energie für gute, starke Debatten einzubringen.

Sollte Doris Leuthard im Interesse der Partei schnell zurücktreten?

Sie werden verstehen, dass ich auf diesem Weg keine Empfehlung an Doris Leuthard abgebe. Persönlich rechne ich aber damit, dass sie im Sommer geht, wenn sich die Situation bei der Post einigermassen geklärt hat.

Wie steht es bei Präsident Pfister? Mehrere Fraktionsmitglieder fordern, er müsse nun erklären, ob er Bundesrats-Kandidat sei oder nicht.

Persönlich fände ich es gut, wenn er uns in dieser Frage reinen Wein einschenkt.

Die Klärung könnte helfen?

Als Bundesrat hätte Gerhard Pfister eine hohe Glaubwürdigkeit. Er kann sich auch durchaus in die Kollegialität einer Regierung einfügen. Sobald er aber Signale in Richtung Bundesrat aussendet, wird es sehr schwierig mit dem Parteipräsidium. Eine Klärung ist deshalb nicht nur für die Partei wichtig. Sondern auch für ihn selber.

Was raten Sie ihm?

Wenn er Interesse hat an diesem Amt, dann soll er kandidieren. Ein langes Hin und Her macht keinen Sinn. Die CVP braucht einen Präsidenten, der sich wirklich nur der Partei widmet.

Die Ambitionen sind offensichtlich.

Ich denke ja. Das denke ich wirklich.

Sollte er es also riskieren?

Mit 55 Jahren ist er im besten Alter. Von der Parteibasis her geniesst er die nötige Unterstützung. Sie denkt, er würde die CVP im Bundesrat stark vertreten.

Eine Kandidatur Pfisters würde aber bedeuten, dass sich die CVP sehr schnell neu organisieren müsste.

Die Herausforderung wäre dann sicher noch grösser. Mit der politischen Konstellation, wie wir sie in der Schweiz haben, kann so etwas aber geschehen. Und man muss eines sehen: Für Gerhard Pfister ist dies die einzige und letzte Chance, wenn er Bundesrat werden will.

Loben Sie ihn taktisch weg?

(Schweigt lange, beginnt dann laut zu lachen) So gefällt mir dieses Interview. (Fährt fort) Es gibt wirklich zwei Seiten. Ich habe ein klares Interesse an einem starken CVP-Bundesrat. Das hat nichts zu tun mit wegloben oder hochloben. Gerhard Pfister ist eine hochintelligente, starke Persönlichkeit. Hat er Interesse am Bundesratsamt, muss er sich im Sinne der Partei dazu bekennen.

Und die andere Seite?

Da gibt es den Posten an der Parteispitze. Er spielt natürlich eine wichtige Rolle, aber nicht eine alles entscheidende. Ausschlaggebend ist, dass wir in den Kantonen selber gute Arbeit leisten.

Was ist der Grund dafür, dass die CVP in dieser Abwärtsspirale steckt?

Wir vertrauen zu stark nur auf die Vergangenheit – und dabei auf unsere Stärke im traditionellen Stammlande. Dabei stehen wir mitten in einem gesellschaftlichen Wandel, den wir mitgehen sollten. Wir sind zu reaktiv und deshalb immer wieder dazu gezwungen, Positionen nachzujustieren. Ich wünsche mir den Diskurs in der CVP offener. Wobei ich, wohlgemerkt, nicht einfach unsere Werte aufgeben möchte.

Für Sie geht es also nicht um die Frage, ob die CVP christlich-sozial oder bürgerlich-sozial sein soll?

Das sind Schlagworte. Es kann nicht sein, dass man sich ständig neu ausrichtet. Das ist nicht glaubwürdig. Es geht nicht nur um Ideologien, sondern vor allem um politische Realität und Alltagsentwicklungen. Wir müssen an der Basis mit den Menschen sprechen. Hier können und sollten wir viel mehr tun. Ich orientiere mich dafür an den drei Punkten, die Aristoteles definierte.

Welche sind das?

Man muss rhetorisch gut sein, erklären können. Wichtig sind zweitens ethische Haltung, Integrität und Glaubwürdigkeit – und drittens Leidenschaft und Emotionen.

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