Wer die Oberwalliser Berggemeinde Kippel verstehen will, muss das Lötschental verstehen. Und wer das Lötschental versteht, versteht vielleicht ein bisschen die CVP. Oder zumindest einen Teil dieser Partei, die so heterogen ist wie keine zweite in der Schweiz. Es ist jener Teil, in dem Traditionen, Zusammenhalt und der Katholizismus einen Stellenwert einnehmen, die er andernorts – in der «Üsserschwyz», wie man hier sagt – längst verloren hat.

In engen Kurven schlängelt sich das Postauto den Berg hinauf. Goppenstein, ein Weiler, der nicht viel mehr als der eine Endpunkt des alten Lötschbergtunnels ist, verschwindet im Rückspiegel. Vor einem öffnet sich ein breites Tal von vielleicht zwanzig Kilometer Länge, flankiert von Bergen, die mehrheitlich 3000 Meter überragen. Die ersten Häuser kommen zum Vorschein, die Witterung hat in all den Jahren ihre Spuren an den dunklen Querbalken hinterlassen. An manchen Hauswänden hängen geschnitzte Masken, sie haben weit über die Talschaft hinaus Berühmtheit erlangt. Wenn sie jeweils an der Fasnacht getragen werden, strömen die Leute von überall her ins Tal.

«Russland ist ein schönes Land»

Doch heute begegnet man kaum Menschen in den engen Gassen. Und wenn, dann grüsst man sich mit dem Namen. Im Lötschental kennt jeder jeden, es leben ja auch nur rund 1500 Personen hier. Gibt es in der Schweiz noch ein Stück heile Welt, es muss hier sein. Einzig der Gassenhauer, der das Restaurant beschallt, will nicht so recht in den Rahmen passen: «Moskau, Moskau; werft die Gläser an die Wand; Russland ist ein schönes Land; hohohoho.» Von einer Prise Surrealismus bleibt auch das Lötschental nicht verschont.

87,2 Prozent Wähleranteil hat die Christlichdemokratische Volkspartei bei den letzten Nationalratswahlen in 6197 Kippel erreicht – der absolute Spitzenwert in der Schweiz. Dicht auf den Fersen: 6195 Ferden mit 86,4 Prozent. 6192 Blatten mit 85 Prozent. Und 6202 Wiler mit 84,4 Prozent. Die Postleitzahlen verraten: Die vier Gemeinden, welche die CVP-Spitzenplätze untereinander ausmachen, sind Nachbardörfer. Wer Kippel verstehen will, muss das Lötschental verstehen.

Nirgends zeigt sich das so schön wie in der Messe. Vier Kirchen gibt es im Tal, jede Gemeinde hat ihre eigene. Pfarrer hingegen gibt es nur einen. Also macht sich dieser jedes Wochenende auf zu einem kleinen Marathon. Samstags um 18 Uhr spricht er in Blatten, um 19.30 Uhr in Kippel. Sonntags um 9 Uhr in Ferden und um 10.30 Uhr in Wiler. Immer die gleiche Predigt, mit jeweils wenigen, spontanen Einschüben. Die Woche danach wird durcheinandergemischt und die religiöse Kaskade beginnt in einem anderen Dorf.

Der Bevölkerung gefällt es. Ungefähr ein Drittel geht regelmässig zur Predigt, viele weitere kriegen später am Familientisch mit, was der Pfarrer zu sagen hatte. «Ob mich das zufrieden macht? Schwierig zu sagen, da wird man selbstgenügsam. Aber ich bin dankbar, hier Pfarrer sein zu dürfen», sagt Bernhard Schnyder.

Den Erfolg der CVP in der immer noch vorhandenen Stärke der Kirche zu suchen, wäre dennoch falsch. Die Zeiten, als von der Kanzel herab politisiert wurde, sind vorbei – zumindest meistens. Geht es um ethische Fragen, mischt sich auch der Pfarrer in die öffentliche Diskussion ein, zuletzt bei der Abstimmung vom Juni über die Präimplantationsdiagnostik. Obwohl die CVP die Ja-Parole herausgegeben hatte, stimmte im Lötschental eine deutliche Mehrheit gegen die Vorlage. Pfarrer Schnyders ablehnendes Votum dürfte den Entscheid des einen oder anderen Zuhörers beeinflusst haben.

Berg oder Mann? Der Talkönig

Hoch über den grünen Wiesen thront das Bietschhorn, 3934 Meter über Meer. Man kennt es auch als König des Lötschentals. Müsste man einen Mensch als König des Lötschentals ausrufen, es könnte nur einen geben: CVP-Grossrat Beat Rieder. Oder Rieder Beat, wie man ihn hier oben nennt. Man kann im Lötschental sprechen, mit wem man will – länger als eine halbe Stunde dauert es nicht, bis sein Name fällt. «Der Rieder Beat ist ein Meinungsmacher. Wenn er zu einem Thema Position bezieht, ziehen die meisten nach», sagt Kippels Gemeindepräsident Bernhard Rieder. Verwandt ist er nicht mit ihm. «Wir sind dankbar, dass der Rieder Beat sich im Kantonsparlament so für unsere Anliegen einsetzt», sagt Bergbahnen-Chef Karl Roth. «Der Rieder Beat ist ein aussergewöhnlicher Politiker. In meinen Augen hat er das Format, um eines Tages Bundesrat zu werden», sagt CVP-Lokalpräsident Hans Seeberger.

Der Rieder Beat jedoch, er ist abwesend. Er weilt mit der Familie in den Ferien am Mittelmeer, man erreicht ihn nur telefonisch. «Nein nein, ich bin keineswegs der König des Lötschentals. Ich setze mich einfach seit über zwanzig Jahren fürs Berggebiet ein», sagt er. Zuerst im Gemeinderat von Wiler, dann als dessen Präsident, als Grossrat und schliesslich als Fraktionspräsident der CVP Oberwallis. Doch Rieder strebt nach Höherem, er kandidiert im Herbst für den Ständerat. Ob er den Sprung ins Stöckli schafft, hängt in erster Linie davon ab, ob er auch im doppelt so bevölkerungsreichen, französischsprachigen Kantonsteil punkten kann. Die Oberwalliser, die weiss er hinter sich.

Es sind letztlich Persönlichkeiten wie Beat Rieder, die in einem so engmaschigen Mikrokosmos wie dem Lötschental einer einzigen Partei Stimmenanteile bescheren, wie man sie sonst fast nur aus totalitären Systemen kennt. Würde Rieder in der SVP politisieren, hätte diese Partei einen astronomisch hohen Zuspruch. Man wählt die Person, weniger die Partei. Dazu passt, dass es im Tal trotz der erdrückenden Feldüberlegenheit der CVP kaum organisierte Parteimitglieder gibt. Der lokale Ableger umfasst nur rund 20 Personen.

Der starke Franken

Viele Bewohner arbeiten auswärts, etwa bei der Lonza in Visp. Wer im Tal bleibt, kommt oftmals bei einer touristischen Infrastruktur unter. Zum Beispiel bei den Bergbahnen oder in einem Hotel: Doch diese leiden unter dem starken Franken und fehlenden Investitionen. Gut, dass das Walliser Kantonsparlament soeben einen umfangreichen Fonds zur Stützung des Tourismus-Sektors gesprochen hat. Man ahnt, wer dabei seine Finger im Spiel hatte. Der Zwischentitel des Communiqués der Bergbahnen lautet: «Dank an Beat Rieder.»

Wenn die Schatten im Tal länger werden, reist sie wieder zurück, die auswärts tätige Talbevölkerung. Selbstverständlich mit dem Auto, hier hat jede Familie mindestens eines. Den Berg runter fahren dann nur diejenigen, die nach Visp ins Kino wollen – oder die Touristen. In Goppenstein fährt der Zug langsam wieder in den Lötschbergtunnel. Am anderen Ende: Kandersteg. Oder: D’«Üsserschwyz».