150 Jahre Wintertourismus
Cüpli Ade: St. Moritz will zurück zum Sport

Die Wiege des Wintertourismus steht im Oberengadin. Jetzt blicken die Touristiker auf die Taten des Hotelpioniers Johannes Badrutt zurück, um sich neu zu erfinden.

Roman Seiler
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2014: So wirbt St. Moritz heute für das 150-Jahr-Jubiläum des Wintertourismus.
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1948: Plakat für die ersten Olympischen Spiele nach dem 2. Weltkrieg.
1936: Bereits damals wirbt St. Moritz mit dem «Sünneli» im Logo.
Tourismus St. Moritz

2014: So wirbt St. Moritz heute für das 150-Jahr-Jubiläum des Wintertourismus.

zvg

Wer hats erfunden? Die Norweger. Sie spannten Pferde ein, um Skifahrer zu ziehen. 1906 gab es das erste Rennen in St. Moritz. Bald war Skijöring so beliebt, dass 1911 die Gemeinde verbot, auf Ski hinter Pferden durch die Strassen zu rasen.

Cüpli und Pelze sind out

Heute ist Skijöring Teil des im Februar stattfindenden «White Turf»-Programms mit Pferderennen und einem Poloturnier auf dem gefrorenen See. Der Anlass ist heute ein Symbol des gescheiterten Geschäftsmodells des Oberengadins: Cüpli, Pelze und Trallalla sind Schnee von gestern.

Die Touristiker im Oberengadin wollen Luxus wieder in Verbindung mit der «einzigartigen Natur» bringen, sagt Ariane Ehrat, CEO der Tourismusorganisation Engadin St. Moritz, und die «Begeisterung für den Sport mehr herausstreichen» (siehe Interview rechts). Möglich macht das der Rückblick auf das 150-Jahr-Jubiläum des Wintertourismus. «Erfunden» hat ihn der Hotelier Johannes Badrutt, der Mitte des 19. Jahrhunderts aus einer Pension ein Grand Hotel formte, das «Kulm».

Ausgerechnet in der Wiege des Wintertourismus brachen die Logiernächte seit 2005 um 320 000 auf 1,6 Millionen ein. Im vergangenen Winter legte das Oberengadin leicht zu. Aber wegen des miserablen Wetters resultierte im Sommer bis Ende August erneut ein Minus von vier Prozent. Die Situation sei herausfordernd, sagt Ariane Ehrat: «Wir sind zu abhängig von unseren Stammmärkten Deutschland und Italien. Da haben wir ein Klumpenrisiko.» 34 Prozent weniger Logiernächte buchen Italiener, 29 Prozent weniger Deutsche. Für sie sind Ferien in der Schweiz wegen der Eurokrise teurer geworden.

Dazu kommt: Das Bankgeheimnis ist Geschichte. Europäische Gäste deklarierten ihre in der Schweiz deponierten, unversteuerten Vermögen. Darunter leidet der Tourismus. Heinz E. Hunkeler, Gastgeber im Kulm Hotel sagt: «Wer als Ausländer hier ein Bankkonto hatte, nutzte es in den Ferien und gab das Geld einfach aus. Das fehlt.» Heute sei das Konsumverhalten der Gäste, insbesondere aus Italien, etwas verhalten, sagt der St. Moritzer Hoteliervereinspräsident Urs Höhener: «Sie trinken günstigere Weine. Die teuren trinkt man privat.»

Das Bankgeheimnis befeuerte ein weiteres Wirtschaftsstandbein des Oberengadins: die Bauindustrie. Ab den 1950er-Jahren liessen sich Superreiche am Suvretta-Hang Supervillen bauen. Bald galt dies auch für weitere Hänge. Hotelier-Präsident Höhener sagt dazu: «Viele unserer deutschen und italienischen Gäste erbten Geld, das in der Schweiz lag. Heimtragen konnten sie es nicht. Also kauften sie hier Wohnungen.» Darum seien die Preise so explodiert: «Diese Kunden fehlten dann uns Hoteliers.»

Spekulation übertrieben

Die Spekulation der letzten 20 Jahre wirke sich heute sehr negativ aus, sagt Sigi Asprion, Gemeindepräsident von St. Moritz: «Ein Hotel zu schliessen und in Wohnungen umzunutzen, war ein viel lukrativeres Geschäft, als es zu sanieren und weiterzuführen. Das haben wir übertrieben.» Darin sei man sich im Engadin heute einig. Mehr als 20 Hotels seien so in den letzten Jahrzehnten verschwunden, sagt ein Immobilienexperte.

Seit 2008 gingen mehr als 1000 Hotelbetten in der Tourismusdestination zwischen Zernez und Maloja verloren. Mit fatalen Folgen. Die Marktforschung zeige Folgendes, sagt Ariane Ehrat: «Wenn ein Hotel geschlossen wird, wechseln die Gäste grundsätzlich die Destination.» Darüber beklagen sich heute auch die Betreiber der Bergbahnen. Parallel zum Einbruch der Logiernächte schrumpften die Erträge der Bergbahnen. Die Engadin St. Moritz Mountains AG (BEST), die unter anderem das Skigebiet auf der Corviglia betreibt, verzeichnete seit 2009 ein Minus von 12 Prozent oder rund sieben Millionen Franken.

Um eine konkurrenzfähige Bahninfrastruktur zu erhalten, müsse der «Rückgang an warmen Betten» nicht nur aufgehalten werden, fordert der BEST-Verwaltungsrat im Geschäftsbericht: «Es müssen zusätzliche neue Betten geschaffen werden.» Bei der Corvatsch AG heisst es: «Ohne neue Hotelbetten keine Zukunft.»

Die fehlen vor allem im 3- und 4-Sterne-Bereich. Nötig seien diese, so Ehrat, «um Aufbruchstimmung zu erzeugen, aber auch, um die ökonomisch nötige Masse zurückzugewinnen». Projekte gebe es – beispielsweise in Pontresina und in Bever. Bis es so weit ist, gehen zumindest keine weiteren Hotels verloren. Die Annahme der Zweitwohnungsinitiative führe zu «einem Paradigmenwechsel», sagt ein Experte. Hoteliers müssen ihre Immobilien in Schuss halten, weil sie diese nicht mehr einfach mit Gewinn umnutzen können. Das freut Hotelier-Präsident Höhener: «In vier Hotels übernehmen aktuell schrittweise Kinder der Besitzer oder Direktoren das Ruder. Sie geben Gas, positionieren die Häuser neu und investieren.»

Ohne mehr Leistung fürs Geld funktioniert heute auch kein 5-SterneHotel mehr. Das erhöhe die Kosten und drücke auf die Marge, sagt «Kulm»-Gastgeber Hunkeler. Das Hotel gehört heute der griechischen Reederfamilie Niarchos. Sie übernahmen und sanierten auch den «Kronenhof» in Pontresina.

Sie können es sich leisten, jeden verdienten Franken ins schuldenfreie Hotel zu stecken. Zudem bauten sie rund 40 Appartements im «Kulm»-Resort. Diese wurden nicht verkauft, sondern vermietet. «Dank diesen kontinuierlichen Einnahmen stehen wir gut da», sagt Hunkeler: «Wir jammern auf hohem Niveau.» Das «Kulm» steigerte laut dem Gastgeber die Logiernächte in diesem Sommer um mehr als vier, im «Kronenhof» gar um mehr als acht Prozent.

Wer sein Haus in Schuss hält und innovativ ist, hat offenbar auch Gäste. Ein wichtiges Signal für das wiederentdeckte Kerngeschäft in St. Moritz. «Wir müssen zurück zu neuer Bescheidenheit», sagt Gemeindepräsident Sigi Asprion: «Zurück zu unseren Wurzeln und den Tourismus neu aufbauen. Wir müssen dort weitermachen, wo die Hotelpioniere vor 150 Jahren gestartet sind.»

Bauindustrie fällt weg

Die Bauindustrie falle nach der Annahme der Zweitwohnungsinitiative weg, sagt Asprion: «Hier verlieren wir Arbeitsplätze.» Der Zweitwohnungsmarkt ist klinisch tot. Deshalb brechen auch die Einnahmen im Bereich der Handänderungs- und Grundstückgewinnsteuern weg. Und zwar dramatisch: 2008 lagen die Steuereinnahmen der Gemeinde bei 60 Millionen Franken, so Asprion: «Für das nächste Jahr budgetieren wir noch 33 Millionen Franken.»

Am 30. November könnte ein weiterer Ertragspfeiler wegbrechen. Dann stimmt das Volk über die Zukunft der Pauschalbesteuerung reicher Ausländer ab. Auf sechs Millionen Franken beläuft sich ihr Anteil an den Steuern, die Einwohner in St. Moritz bezahlen. Das macht einen Drittel aus. «Wenn die auch noch wegfallen, haben wir ein grosses Problem», sagt Asprion. Die Gemeinde müsse bereits heute jeden Franken zweimal umdrehen: «Gleichzeitig haben wir einen Nachholbedarf bei der Infrastruktur. Die Liste ist riesig.» Saniert werden müssten Schulhäuser. Es brauche auch eine Talabfahrt direkt ins Dorf. Bauen will man die eigentlich seit Jahrzehnten.

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