Leere Kassen und müde Gestalten – die Ausgangslage war miserabel. Nach teurem und kräftezehrendem Wahlkampf war kurz vor Weihnachten niemand bereit, den Lead in der Auseinandersetzung mit der SVP zu übernehmen. Und auch potente Wirtschaftsverbände wie Economiesuisse weigerten sich, die Durchsetzungsinitiative mit Geld zu bekämpfen. Obwohl sich abgesehen von dem nach rechts abdriftenden Gewerbeverband alle einig waren: Die Vorlage gefährdet den Wirtschaftsstandort Schweiz.

In ihrer Not setzten jene, denen die Durchsetzungsinitiative ein wirklicher Dorn im Auge war, auf Crowdfunding, sprich die Finanzierung der Kampagne durch möglichst viele Leute, die jeweils bloss kleine Spenden tätigen. Ihr Erfolg war atemberaubend.

Kein Vergleich mit Barack Obama

In nur fünf Wochen unterschrieben den «Dringenden Aufruf» gegen die Initiative nicht nur 52  698 Menschen, sondern es kamen von Internetnutzern auch 1,2 Millionen Franken zusammen. Und auch die zuvor noch weitgehend unbekannte Organisation Operation Libero beschaffte sich rund zwei Drittel ihres Kampagnenbudgets über Crowdfunding. Das genügte, um die über schier unerschöpfliche Geldmengen verfügende SVP an der Urne zu besiegen.

Und doch: Im Vergleich mit den USA, wo Barack Obama seinen Wahlkampf schon vor acht Jahren mittels Kleinspenden finanzierte, ist die Schweiz im Bereich des politischen Crowdfundings weit im Rückstand. Dies bestätigt Johannes Gees, Gründer von «Wemakeit», dem Marktleader unter den Schweizer CrowdfundingPlattformen. «Es dauert nun mal stets eine Weile, bis solche Phänomene in die Schweiz überschwappen», sagt er.

Vor der Durchsetzungsinitiative hat hierzulande primär ein politisches Crowdfunding-Projekt für Schlagzeilen gesorgt: Donat Kaufmann, ein Student aus dem Kanton Aargau, sammelte im Herbst innert vier Wochen 150 000 Franken, mit denen er ein Inserat auf der Frontseite von «20 Minuten» buchte: Mit dem Slogan «Mir langets» protestierte er gegen die SVP und den aus seiner Sicht absurden Wahlkampf, in dem Geld statt Inhalte dominierten.

Modell auch für Parteien?

«Crowdfunding ist erfolgreich, wenn eine sympathische Person eine glaubwürdige Geschichte zu erzählen weiss», sagt Gees. Operation Libero und deren Aushängeschild Flavia Kleiner sei dies perfekt gelungen. So habe die Bewegung nicht nur Geld gesammelt, sondern auch emotionale Verbundenheit mit ihren Unterstützern hergestellt. Kleiner selbst bezeichnet Crowdfunding als sehr demokratische Kampagnenfinanzierung. «Es funktioniert, sobald die Dringlichkeit eines Problems anerkannt ist», sagt die 25-Jährige.

Bewegungen wie Operation Libero sind mit Crowdfunding erfolgreich – doch kann es auch etablierten Parteien als Finanzierungsmodell der Zukunft dienen? «Eher nicht», glaubt Andreas Dietrich, Wirtschaftsprofessor und Crowdfunding-Experte der Uni Luzern. Zum einen sei es schwer vermittelbar, dass SP, FDP oder SVP auf einmal auf Kleinspenden angewiesen sein sollen. «Zum anderen kann der Schuss auch nach hinten losgehen: Für eine grosse Partei wäre es peinlich, wenn sie ihr auf einer Crowdfunding-Plattform deklariertes Sammelziel verpasst.»

Und wie beurteilen die Wirtschaftsverbände, die kein Geld gegen die Durchsetzungsinitiative investierten, den Crowdfunding-Erfolg? «Das Ergebnis zeigt, dass unser Entscheid richtig war, auf Überzeugungsarbeit statt eine teure, flächendeckende Plakatkampagne zu setzen», sagt Michael Wiesner, Kommunikationschef von Economiesuisse. Es habe der Nein-Kampagne geholfen, dass sie nicht von einem einzigen finanzstarken Verband angeführt worden sei. «Diese Abstimmung wurde mit Argumenten statt mit Geld entschieden.»