Covid-19
Taskforce-Chefin Tanja Stadler: «Um eine nächste Welle zu verhindern, braucht es zumindest eine Impfquote von 75 Prozent»

Der Trend der Corona-Infektionen zeigt in die falsche Richtung – in schwach geimpften Kantonen steigen die Fallzahlen wieder an. So sind Lockerungen epidemiologisch nicht zu rechtfertigen, sagen die Experten. Die hohe Zeit des Coronavirus kommt erst.

Bruno Knellwolf
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Für eine Lockerung der Zertifikatspflicht gibt es aus epidemiologischer Sicht im Moment keinen Grund.

Für eine Lockerung der Zertifikatspflicht gibt es aus epidemiologischer Sicht im Moment keinen Grund.

Pierre Albouy / KEYSTONE

Gefragt wird Patrick Mathys vom BAG, ob angesichts der Entspannung in den Spitäler bald Lockerungen beschlossen werden könnten, zum Beispiel bei der Zertifikatspflicht. Die Antwort des Leiters der Sektion Krisenbewältigung ist klar. «Vor dem aktuellen Hintergrund wäre es vermessen, jetzt zu sagen, wir öffnen wieder.» Zwar hat es in den letzten Wochen eine Entspannung in den Spitälern wie auch auf den Intensivstationen ergeben. Im Moment liegen noch 127 Covid-Patienten auf Intensivbetten in Lebensgefahr.

Trendwende in die falsche Richtung

«Aber wir sehen jetzt schon eine Trendwende», sagt Mathys. In Kantonen mit schwachen Impfquoten in der Ostschweiz und der Zentralschweiz steigen die Infektionszahlen wieder an. Der R-Wert, welcher den epidemiologischen Trend anzeigt, liegt in diesen Kantonen wieder über 1, was eine epidemische Verbreitung bedeutet. Mathys sagt:

«Und mit Verzögerung steigen darauf in der Regel auch die Hospitalisationen und Intensiv-Belegungen wieder an.»

Die hohe Zeit des Coronavirus beginnt erst. Jetzt wo es kälter wird, die Menschen sich mehr in Innenräumen treffen und die Aerosole wieder die Übertragung der hochansteckenden Delta-Viren erleichtern. Zwar sind inzwischen 75 Prozent der Bevölkerung ab 12 Jahren zumindest einmal geimpft, 71 Prozent vollständig. Und täglich kommen etwa 24'000 Impfungen dazu. «Aber es sind noch genügend viele Menschen ungeimpft und damit empfänglich für das Virus», sagt Mathys. Zuwarten lohne sich noch, mit dem aktuellen Impffortschritt würden irgendwann die Massnahmen gelockert werden können. Dass der Bundesrat nicht unmittelbar öffne, mache epidemiologisch Sinn.

ETH-Professorin Tanja Stadler, Chefin der Covid-Taskforce des Bundes

ETH-Professorin Tanja Stadler, Chefin der Covid-Taskforce des Bundes

Roland Schmid / AZ

Das sieht auch Tanja Stadler, die Leiterin der Covid-19-Taskforce so. Aufgrund der nichtimmunen Bevölkerung kann nach Stadler die zukünftig erwartete Krankheitslast abgeschätzt werden. Bei gleichbleibender Impfquote sei diese vergleichbar mit der Summe der Krankheitslast, die seit Beginn der Pandemie herrscht. «Wir sehen saisonal bedingt ein Risiko von steigenden Zahlen in den nächsten Wochen. Wenn solch ein Anstieg mit Lockerungen einhergeht, kann dies in einem sehr raschen Anstieg resultieren», sagt die ETH-Professorin.

75 Prozent Impfquote sind das Minimum

Szenarien für den kommenden Coronawinter berechnet die Taskforce aus verschiedenen Gründen nicht. Da ist die Unsicherheit in Bezug auf die Übertragbarkeit von Delta in geimpften Personen, die genaue Dauer des Impfschutzes vor einer Übertragung des Virus und die Saisonalität. «Aus Ländern wie Portugal, Spanien, oder Dänemark haben wir jedoch Anhaltspunkte, welche Durchimpfungsrate anzustreben ist, um das Gesundheitssystem vor Überlastung zu schützen», sagt Stadler. «Der neueste Bericht des European Centre for Disease Prevention and Control (ECDC) schätzt bei einer Impfquote von weniger als 75 Prozent das Risiko einer Herbstwelle sehr hoch ein.» Von diesem Wert sind wir bezogen auf die Gesamtbevölkerung mit den Kindern, die sich nicht impfen dürfen, noch entfernt.

So ist es noch nötig, dass mit dem Zertifikat das Risiko verkleinert wird, dass man in Innenräumen auf Corona-Infizierte trifft. Der Beitrag der 3G-Regel zur Einschränkung der Virus-Zirkulation könne nicht in genauen Zahlen angeben werden. Aber die Verminderung von Kontakten habe auf jeden Fall Einfluss auf das epidemiologische Geschehen, sagt Mathys. Und auf die Zahl der Long-Covid-Fälle: Milo Puhan von der Universität Zürich hat die wichtigsten Studien analysiert. Diese zeigen, dass 20 Prozent der Erwachsenen und drei Prozent der Kinder langfristige Symptome zumindest über drei Monate hinaus haben.

Impfung hilft auch bei Long-Covid

Die neu als Post-Covid-Erkrankung bezeichneten Langzeitfolgen äussern sich in einer Vielzahl von Symptomen: Lungenprobleme, Kurzatmigkeit, Müdigkeit und Muskel- und Gelenkschmerzen sind häufig. Je schwerer der Verlauf der Erkrankung war, desto schwerer sind auch die Symptome der Post-Covid-Erkrankung. Bei geimpften Infizierten sind diese gemäss der Long-Covid-Spezialistin Mayssam Nehme vom Universitätsspital Genf deutlich geringer. Eine Impfung wirke auch therapierend gegen Long-Covid.

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